Analystenhaus warnt vor wachsendem Risiko durch Quantencomputer – 1,7 Millionen BTC in alten Wallets besonders gefährdet. Upgradefenster ist knapper als gedacht.
Das renommierte Research-Haus Bernstein hat am Mittwoch einen neuen Bericht zur Quantencomputer-Bedrohung für Bitcoin veröffentlicht. Das Fazit der Analysten Gautam Chhugani, Mahika Sapra, Sanskar Chindalia und Harsh Misra: kein existenzielles Risiko, aber die Zeit für einen geordneten Übergang wird knapper. Bernstein schätzt das verbleibende Fenster auf drei bis fünf Jahre.
Damit konkretisieren die Experten eine Debatte, die boersen-parkett.de bereits länger begleitet. Googles Ankündigung, sein Quantenchip „Willow“ habe bestimmte Rechenoperationen in unter fünf Minuten gelöst, die klassische Supercomputer Billionen von Jahren benötigen würden, hatte die Community damals aufgeschreckt. Die Frage damals wie heute: Wie viel Zeit bleibt?
1,7 Millionen BTC in alten Adressen – darunter Satoshis Coins
Bernstein differenziert klar zwischen verschiedenen Adresstypen. Der Mining-Algorithmus SHA-256, auf dem die Bitcoin-Blockerzeugung basiert, gilt demnach als quantensicher. Das Risiko konzentriert sich auf Wallet-Formate, bei denen der öffentliche Schlüssel dauerhaft sichtbar ist – sogenannte Pay-to-Public-Key-Adressen (P2PK).
Laut dem Bericht liegen rund 1,7 Millionen BTC in solchen potenziell angreifbaren Adressen. Darunter schätzungsweise 1,1 Millionen BTC aus dem frühen Mining-Zeitraum, die Satoshi Nakamoto zugerechnet werden. Diese Coins wurden seit ihrer Entstehung nie bewegt – und genau das macht sie angreifbar: Ein hinreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte theoretisch aus dem öffentlich sichtbaren Schlüssel den privaten Schlüssel ableiten.
Neuere Wallet-Formate (P2PKH, P2WPKH) sind deutlich besser geschützt, weil der Public Key erst beim Ausgeben einer Transaktion sichtbar wird – das Zeitfenster für einen Angriff ist damit praktisch null.
Upgrade-Zyklus statt Apokalypse
Bernstein positioniert sich bewusst gegen Panikmache: Quantencomputing sei ein „beherrschbarer Upgrade-Zyklus“, kein „existenzielles Risiko“. Die Bitcoin-Entwickler-Community sowie Core Contributors könnten rechtzeitig auf post-quantenresistente kryptografische Standards migrieren – vorausgesetzt, der Prozess beginne jetzt.
Quantenexperten setzen den Zeithorizont für sogenannte „kryptografisch relevante“ Quantencomputer, also Maschinen, die aktuelle Verschlüsselung tatsächlich brechen könnten, im Durchschnitt auf rund zehn Jahre. Einzelne Forscher – darunter ein Google-Team im Januar 2026 – haben jüngst jedoch Studien veröffentlicht, die den Ressourcenbedarf für solche Angriffe deutlich niedriger ansetzen als bisher angenommen. Das hat den Zeitrahmen in der Expertendebatte spürbar verkürzt.
Was das für Bitcoin-Inhaber bedeutet
Praktisch relevant ist der Bernstein-Report vor allem für zwei Gruppen: Erstens Nutzer, die noch BTC in alten Wallet-Formaten halten oder Adressen mehrfach verwendet haben. Zweitens die gesamte Branche, die den Druck hat, Protokoll-Upgrades koordiniert und rechtzeitig auf den Weg zu bringen.
Für Standardnutzer, die einen regulierten Broker oder eine aktuelle Software-Wallet nutzen und auf Address-Reuse verzichten, besteht nach aktuellem Stand kein akutes Risiko. Der Bitcoin-Mining-Betrieb ist von der Quantendebatte grundsätzlich nicht betroffen.
Der Bericht kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Regulierungslage für digitale Assets in der EU durch MiCA klarer wird und institutionelle Zuflüsse über Spot-ETFs weiter steigen. Eine ungelöste Sicherheitsfrage dieser Tragweite hätte das Potenzial, das Vertrauen in Bitcoin als Store of Value nachhaltig zu erschüttern – weshalb das Thema zunehmend auch in institutionellen Analyseabteilungen landet.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Seit 2018 berichtet er über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
