Potenzielle Käufer prüfen die Übernahme von Teilen der eingestellten Europa- und Großbritannien-Geschäfte der Kryptobörse Gemini. Das berichtet CoinDesk unter Berufung auf eine mit dem Vorgang vertraute Person. Im Fokus stehen nicht der Gesamtkonzern, sondern gezielt die regulatorischen Lizenzen – allen voran die MiCA-Zulassung der maltesischen Finanzaufsicht MFSA.
Gemini hatte im August 2025 von der MFSA eine MiCA-Lizenz erhalten, die den Betrieb in allen 30 europäischen Ländern erlaubt. Nur wenige Monate später kündigte die von den Winklevoss-Zwillingen geführte Börse an, ihre Aktivitäten in der EU, Großbritannien und Australien vollständig einzustellen und sich auf den US-Markt zu konzentrieren. Zum 6. April 2026 wurden alle Kundenkonten in diesen Regionen geschlossen.
Genau diese Konstellation macht Geminis EU- und UK-Einheiten für andere Marktteilnehmer interessant. Die Zulassungsverfahren unter MiCA können Jahre in Anspruch nehmen – eine fertige Lizenz zu übernehmen spart erheblich Zeit. Allerdings ist das rechtlich nicht trivial: Unter dem europäischen MiCA-Rahmen gilt ein Eigentümerwechsel als sogenanntes „Change of Control“-Ereignis. Die Lizenz geht nicht automatisch auf den Käufer über – stattdessen prüfen die zuständigen nationalen Behörden den Deal neu, vergleichbar mit einem Erstantrag. Die britische Financial Conduct Authority (FCA) handhabt dies nach dem gleichen Prinzip.
Gemini-Aktie hat 88 Prozent ihres Wertes verloren
Der Hintergrund des Interesses ist eine tiefe Krise bei Gemini. Die Krypto Aktie notiert aktuell rund 88 Prozent unter dem IPO-Kurs von 28 Dollar, zu dem Gemini im September 2025 an der Nasdaq gelistet wurde. Im Zuge der Restrukturierung trennte sich das Unternehmen von einem Viertel seiner Belegschaft. COO Marshall Beard, CFO Dan Chen und CLO Tyler Meade verließen das Unternehmen mit sofortiger Wirkung.
Tyler und Cameron Winklevoss begründeten den Rückzug aus Europa offiziell mit strategischen Prioritäten. „Amerika hat die besten Kapitalmärkte der Welt, und Amerika war für Gemini schon immer das Wichtigste“, erklärten sie. „Es ist Zeit, uns auf Amerika zu konzentrieren.“
Für europäische Wettbewerber ein seltenes Zeitfenster
Aus europäischer Perspektive ist der Vorgang bemerkenswert. Gemini war beim Erhalt der MiCA-Lizenz in Malta der fünfte Anbieter überhaupt – neben Bitpanda, Crypto.com, OKX und ZBX. Wer die Gemini-Strukturen übernimmt, würde sich den langen Weg durch das regulatorische Verfahren möglicherweise sparen – zumindest teilweise, sofern die Behörden mitziehen.
Malta steht dabei selbst unter Druck: Die EU-Wertpapieraufsicht ESMA drängt darauf, die direkte Aufsicht über große in Malta lizenzierte Krypto-Anbieter zu zentralisieren – was Malta seinen Einfluss über Unternehmen wie Gemini, Crypto.com und Bitpanda kosten würde.
Die Übernahme-Spekulationen treffen eine Aktie, die sich in einem beispiellosen Absturz befindet. Gemini eröffnete seinen ersten Handelstag am 12. September 2025 bei 37,01 Dollar und kletterte zwischenzeitlich auf 45,89 Dollar — eine Bewertung von über vier Milliarden Dollar. Seitdem ging es nahezu ohne Unterbrechung bergab.
Das Allzeittief von 4,06 Dollar wurde am 27. März 2026 erreicht — ein Verlust von über 91 Prozent gegenüber dem Eröffnungskurs. 2025 verbuchte Gemini einen Jahresverlust von 582 Millionen Dollar, rund 268 Prozent mehr als im Vorjahr. Analysten stufen die Aktie im Schnitt dennoch als Kauf ein — das durchschnittliche 12-Monats-Kursziel liegt bei 10,36 Dollar.
Heute legte die Aktie nach dem CoinDesk-Bericht um über zwölf Prozent zu und überstieg zeitweise die Marke von fünf Dollar. Für europäische Anleger, die GEMI über US-Broker oder CFD-Plattformen handeln, verdeutlicht die Kursbewegung, wie stark News-getrieben die Aktie derzeit ist.
Gemini hat sich auf Anfrage bislang nicht geäußert.
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Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Seit 2018 berichtet er über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
