Strategy denkt erstmals über Bitcoin-Verkäufe nach – Saylor will Markt mit Dividendenmodell „impfen“

Raphael Lulay

06.05.2026, 09:22 Uhr

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Strategy hat am gestrigen Dienstag, 5. Mai 2026, die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2026 vorgelegt – und auf dem begleitenden Earnings Call hat Executive Chairman Michael Saylor eine bemerkenswerte Kehrtwende angedeutet: Das Unternehmen, das jahrelang die Maxime „You do not sell your Bitcoin“ predigte, denkt nun erstmals offen darüber nach, einen Teil seiner BTC-Bestände zur Bedienung von Dividendenverpflichtungen zu verkaufen.

Q1-Zahlen: 12,54 Milliarden US-Dollar Nettoverlust

Laut der offiziellen Pressemitteilung von Strategy lag der Nettoverlust für das erste Quartal 2026 bei 12,54 Milliarden US-Dollar bzw. 38,25 US-Dollar je verwässerter Aktie. Im Vorjahresquartal hatte der Verlust noch bei 4,22 Milliarden US-Dollar gelegen. Hauptursache sind unrealisierte Bewertungsverluste auf die Bitcoin-Bestände in Höhe von 14,46 Milliarden US-Dollar – eine direkte Folge des Bitcoin-Kursrückgangs von rund 23,8 % im ersten Quartal.

Operativ präsentiert sich das Bild deutlich freundlicher: Die Umsätze des Software-Geschäfts stiegen um 11,9 % auf 124,3 Millionen US-Dollar, die Bruttomarge lag bei 67,1 %. Per 31. März 2026 verfügte Strategy über Cash-Reserven in Höhe von 2,21 Milliarden US-Dollar.

Bitcoin-Bestand: 818.334 BTC

Per 3. Mai 2026 hält Strategy 818.334 Bitcoin – ein Plus von 22 % seit Jahresbeginn. Der durchschnittliche Anschaffungspreis liegt bei rund 75.537 US-Dollar je Bitcoin, bei einem Marktwert von etwa 78.374 US-Dollar je Coin (Stand 1. Mai). Der Gesamtwert der BTC-Position summiert sich damit auf 64,14 Milliarden US-Dollar bei Anschaffungskosten von 61,81 Milliarden. Der von Strategy ausgewiesene BTC-Yield für das laufende Jahr beträgt 9,4 %.

Allein zwischen 1. April und 3. Mai 2026 nahm das Unternehmen über sein At-the-Market-Programm zusätzliche 4,32 Milliarden US-Dollar an Bruttoerlösen ein. Year-to-date stehen damit Kapitalmarktaufnahmen von 11,68 Milliarden US-Dollar zu Buche.

Saylors Aussage im Wortlaut

Auf dem Earnings Call erklärte Saylor, Strategy werde wahrscheinlich einen Teil seiner Bitcoin-Bestände verkaufen, um eine Dividende zu zahlen – allein, um den Markt an diesen Schritt zu gewöhnen und zu signalisieren, dass es passiert ist.

Das dahinterstehende Geschäftsmodell beschrieb Saylor sehr direkt: Man kaufe Bitcoin auf Kredit, lasse den Wert steigen und verkaufe anschließend einen Teil davon, um die Dividende zu bedienen. CEO Phong Le ergänzte, dass Strategy auch dann Bitcoin verkaufen würde, wenn es für das Unternehmen vorteilhaft sei. Kernziel bleibe jedoch, Netto-Akkumulator von Bitcoin zu sein und den Bitcoin-Anteil pro Aktie zu steigern.

Warum das überhaupt Thema ist: 1,5 Milliarden US-Dollar Dividendenlast

Hintergrund der Diskussion sind die jährlichen Verpflichtungen aus den Preferred-Stock-Programmen STRC, STRF, STRK und STRD sowie die Zinsen auf die ausstehenden Anleihen. In Summe belaufen sich diese Zahlungen auf rund 1,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Mit den aktuellen US-Dollar-Reserven könnte Strategy diese Verpflichtungen rund 18 Monate lang aus eigener Liquidität decken.

Besonders bemerkenswert: Allein STRC ist seit Jahresbeginn um 189 % auf ein Volumen von 5,58 Milliarden US-Dollar gewachsen und damit laut Strategy mittlerweile die nach Marktkapitalisierung größte Vorzugsaktie weltweit. Bisher hat das Unternehmen 23 aufeinanderfolgende Dividendenzahlungen mit einem Gesamtvolumen von über 692,5 Millionen US-Dollar fristgerecht und vollständig geleistet – bislang ausschließlich über Kapitalaufnahmen, nicht über BTC-Verkäufe.

Marktreaktion: MSTR-Aktie unter Druck

Die Reaktion der Märkte fiel verhalten aus. Die MSTR-Aktie verlor im nachbörslichen Handel mehr als 4 %. Auch Bitcoin selbst geriet zwischenzeitlich unter Druck, konnte sich aber im Bereich von 81.000 US-Dollar stabilisieren.

In der Krypto-Community wird Saylors Aussage kontrovers diskutiert. Der bekannte Bitcoin-Analyst Jeff Park kommentierte auf X, er halte es „insgesamt für konstruktiv, den Elefanten im Raum anzusprechen, sofern dies wohlüberlegt und mit größter Sorgfalt geschieht“. Andere Stimmen sehen in der Ankündigung eine grundsätzliche Aufweichung des „never sell“-Narrativs, das Strategy und Saylor jahrelang als Markenzeichen kultiviert hatten.

Einschätzung

Die Aussagen von Saylor sind weniger eine 180°-Wende als vielmehr die offene Anerkennung einer betriebswirtschaftlichen Realität: Wer mit Anleihen und Vorzugsaktien einen BTC-Berg von über 64 Milliarden US-Dollar finanziert, muss diese Verpflichtungen auch bedienen können – notfalls aus dem Asset selbst. Der Schritt, den Markt frühzeitig auf mögliche Verkäufe „vorzubereiten“, ist kommunikativ klug, weil er Panikreaktionen bei einer späteren tatsächlichen Verkaufsmeldung dämpfen kann.

Gleichzeitig sollten Anleger das Narrativ einordnen: Strategy nimmt parallel weiter Milliardenbeträge am Kapitalmarkt auf und kauft mehr Bitcoin, als perspektivisch für Dividenden veräußert würden. Solange dieses Verhältnis stimmt, bleibt das Unternehmen netto BTC-Aggregator. Risikofaktoren sind ein länger anhaltender BTC-Bärenmarkt, steigende Refinanzierungskosten oder ein Vertrauensverlust bei den Käufern der Preferred-Stock-Produkte – dann könnte aus „strategischem Verkauf“ schnell „erzwungener Verkauf“ werden.

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