38 Prozent der Altcoins nahe Allzeittief – Studie deutet auf strukturelle Marktbereinigung

Raphael Lulay

06.03.2026, 10:07 Uhr

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Laut einer aktuellen CryptoQuant-Analyse notieren 38 Prozent aller Altcoins nahe ihren historischen Tiefstständen – schlimmer als nach dem FTX-Kollaps 2022, der damals 37,8 Prozent aller Altcoins auf Rekordtief drückte. Eine neue Auswertung von boersen-parkett.de zeigt: Die eigentliche Dimension des Altcoin-Debakels ist noch weitaus größer.

Doch diese Zahl hat einen blinden Fleck: Preisstatistiken können per Definition nur Token erfassen, die noch aktiv gehandelt werden. Was bereits gescheitert ist, taucht in keiner Kursauswertung mehr auf.

Über die Hälfte aller Coins existieren nicht mehr

Eine Auswertung auf Basis von CoinGecko– und GeckoTerminal-Daten zeichnet ein noch dramatischeres Bild. 53,2 Prozent aller je gelisteten Kryptowährungen sind bereits gescheitert – über 13 Millionen Token insgesamt. Allein 2025 starben 11,6 Millionen davon, was 86,3 Prozent aller je registrierten Token-Failures entspricht.

Wertlos gewordene Krypto-Token nach Jahr. Eigene Darstellung. Quelle: Coingecko.com

Die vollständige Lesart: Von allen Token, die je existierten, ist mehr als die Hälfte komplett wertlos. Von den verbliebenen Projekten notieren wiederum 38 Prozent nahe dem Allzeit-Tief.

pump.fun als Katalysator des Massensterbens

Das Coin-Sterben folgte keiner linearen Kurve. Zwischen 2021 und 2023 bewegten sich die jährlichen Failures im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Der Sprung kam 2024 – ausgelöst durch Plattformen wie pump.fun, die Token-Launches ohne jede technische Kompetenz ermöglichten. Täglich entstanden tausende spekulative Projekte auf Solana, Base und BNB, viele davon mit wenigen Dutzend Trades und ohne reales Projekt dahinter.

Im vierten Quartal 2025 eskalierte die Situation: Allein in diesem Zeitraum scheiterten 7,7 Millionen Token, auch mitausgelöst durch eine Liquidationskaskade am 10. Oktober, bei der binnen 24 Stunden 19 Milliarden Dollar an Positionen zwangsliquidiert wurden.

Krypto verliert den Kampf um Retail-Liquidität

Einen strukturellen Erklärungsansatz liefert der Digital Asset OTC Market Report 2025 von Wintermute: Altcoin-Rallyes dauerten 2025 im Schnitt nur noch rund 19 Tage – gegenüber etwa 60 Tagen im Vorjahr. Gewinne bei Bitcoin und anderen großen Token recycelten sich anders als in früheren Zyklen nicht mehr zuverlässig in Altcoins. Die Liquidität konzentrierte sich bei den Top-Coins, statt sich breit zu verteilen. Wintermute stellt dabei fest, dass Altcoins 2025 nur dann nachhaltiges Retail-Interesse erzeugten, wenn die Aktienmarkt-Aktivität vorübergehend stagnierte – Krypto konkurriert inzwischen direkter mit Aktien um dieselbe Retail-Liquidität.

Wohin das spekulative Kapital stattdessen abwanderte, legen die Google-Trends-Daten nahe. Im weltweiten Fünf-Jahres-Vergleich notiert das Suchinteresse für „Altcoins“ aktuell bei einem Indexwert von 14 – „AI stocks“ bei 52. Beide Kurven hatten Mitte 2025 ihren gemeinsamen Peak, seither brach das Altcoin-Interesse überproportional stark ein. Retail-Investoren, die nach dem Crash ihr Risiko neu bewerteten, scheinen diesen Wettbewerb zugunsten des KI-Aktien-Booms entschieden zu haben.

Die Grafik zeigt das relative Suchvolumen (Google-Trend-Score). Datenauswertung weltweit, 5-Jahres-Rückblick. Quelle: trends.google.de

Auch in Deutschland zeigt sich der Rückzug: Das Suchinteresse für „Altcoins“ bewegt sich laut Google Trends im 12-Monats-Rückblick nahe dem Jahrestiefstwert.

Quelle: trends.google.de

Strukturelle Krise, keine normale Korrektur

Die Kombination aus massenhaftem Token-Sterben, historisch schlechter Performance der Überlebenden und schwindendem Retail-Interesse deutet auf mehr als eine zyklische Korrektur hin. Der Altcoin-Markt verliert nicht nur Preisniveau – er verliert Relevanz im Wettbewerb um spekulatives Kapital.

Wer dem Krypto-Markt treu bleibt, setzt dabei zunehmend auf die großen Namen: Bitcoin- und Ethereum-ETFs verzeichneten 2024 und 2025 Rekordzuflüsse und lenken institutionelles wie privates Kapital gezielt in die Marktführer. Was früher in den breiten Altcoin-Sektor floss, landet heute zunehmend entweder in KI-Aktien, zuletzt sogar in Silber – oder in regulierten Krypto-Produkten auf Bitcoin sowie ausgewählte Altcoins mit hoher Marktkapitalisierung.

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