Das Suchinteresse an Ethereum bricht ein. Der Google-Trends-Score für die Suchanfrage „Ethereum“ notiert in Deutschland aktuell bei 14 Punkten – im 5-Jahres-Vergleich wurde dieser Wert nur ein einziges Mal unterschritten, im Oktober 2024 mit einem Score von 12. Auch global liegt das Suchinteresse mit einem Score von 15 historisch niedrig; hier markierte der Oktober 2024 mit einem Wert von 9 den Tiefpunkt.
Der Kurs spiegelt die schwache Nachfrage der Massen. Am Montagnachmittag handelt Ethereum bei 2.339 US-Dollar. Auf 12-Monats-Sicht steht zwar ein Plus von 28,1 Prozent zu Buche, gleichzeitig liegt der Kurs 52,7 Prozent unter dem Allzeithoch von 4.946 Dollar aus dem August 2025.

ETH kommt nicht vom Fleck – auch alte Hochs bleiben in weiter Ferne
Die schwache Performance ist nicht nur ein Phänomen der vergangenen Monate. Ethereum notiert auf dem aktuellen Niveau auch deutlich unter dem Zwischenhoch aus dem März 2024 (rund 4.000 Dollar) und unter dem damaligen Allzeithoch vom November 2021 (rund 4.890 Dollar). Wer Ethereum vor mehr als vier Jahren auf dem damaligen Top gekauft hat, sitzt heute noch immer auf einem Verlust von über 50 Prozent – obwohl der breite Krypto-Markt seither neue Allzeithochs gesehen hat.
Auch im Vergleich zu Bitcoin bleibt Ethereum schwach. Das ETH/BTC-Verhältnis hat sich gegenüber den Hochs aus 2021 und 2022 mehr als halbiert.
Polymarket bepreist neues Allzeithoch mit nur 14 Prozent
Während eine tagesaktuelle, nicht repräsentative Coingecko-Umfrage 89 Prozent bullishe Stimmen für eine positive Ethereum-Prognose ausweist, zeigen reale Geldwetten ein nüchterneres Bild: Auf der Prognosebörse Polymarket bepreisen Trader die Wahrscheinlichkeit, dass Ethereum noch in diesem Jahr ein neues Allzeithoch erreicht, mit nur 14 Prozent. Das Wettvolumen liegt bei 462.206 US-Dollar.
Die Diskrepanz ist auffällig. Wer auf Polymarket setzt, riskiert eigenes Geld – wer in einer Online-Umfrage abstimmt, nicht.

Whales kaufen 140.000 ETH in vier Tagen
Auf der On-Chain-Ebene zeichnet sich ein gegenläufiges Bild ab. Laut Daten des Analysten Ali Martinez haben Wallets mit hohen ETH-Beständen zwischen dem 1. und 3. Mai mehr als 140.000 ETH zugekauft. Die Gesamtbestände dieser Adressen stiegen damit von rund 13,78 Millionen auf knapp 13,98 Millionen ETH.
Parallel dazu fallen die ETH-Bestände auf zentralen Handelsplätzen weiter. Die Exchange Reserves liegen bei 14,5 Millionen ETH – dem niedrigsten Stand seit Mitte 2016. Üblicherweise wird ein solcher Rückgang als Indiz dafür gewertet, dass Coins in Cold Storage oder Staking-Verträge verschoben werden und damit nicht kurzfristig auf den Markt drücken.
ETF-Flüsse: April-Plus, aber zuletzt wieder rote Zahlen
Auch bei den US-Spot-Ethereum-ETFs ist die Lage uneinheitlich. Auf Monatssicht steht der April mit Nettozuflüssen von rund 356 Millionen US-Dollar im Plus – nach einer fünfmonatigen Abflussserie, die im November 2025 mit minus 1,42 Milliarden Dollar begonnen hatte. Year-to-Date bleibt die Bilanz mit über 410 Millionen Dollar Nettoabflüssen trotzdem negativ.
Wer auf die Tagesdaten schaut, sieht außerdem keine klare Trendwende. Von 13 Handelstagen seit dem 15. April endeten 8 mit Zuflüssen und 5 mit Abflüssen. Besonders die letzte Aprilwoche war schwach: Am 23. April flossen 75,9 Millionen Dollar ab, am 27. April 50,4 Millionen, am 29. April 87,8 Millionen. Erst am 1. Mai drehten die Flüsse mit plus 101,2 Millionen Dollar wieder ins Positive.
Innerhalb der ETF-Landschaft dominiert weiterhin BlackRocks ETHA-Fonds, gefolgt von Fidelitys FETH. Grayscales hochpreisiger ETHE-Fonds (2,50 Prozent Gebühr) verzeichnete in fast allen Handelstagen seit dem 15. April Abflüsse, während die günstigere Grayscale-Variante ETH (0,15 Prozent) deutlich häufiger Zuflüsse sah – ein Hinweis darauf, dass Anleger innerhalb des Ethereum-ETF-Segments aktiv von teuren in günstige Produkte umschichten.

Technisch geklemmt zwischen 2.200 und 2.400 Dollar
Charttechnisch hängt Ethereum seit Wochen in einer engen Spanne. Die Marke von 2.400 US-Dollar markiert seit Mitte April den entscheidenden Widerstand – jeder Ausbruchsversuch wurde bisher zurückgekauft. Auf der Unterseite hat die Zone um 2.200 Dollar mehrfach gehalten.
Ein nachhaltiger Schlusskurs über 2.400 Dollar würde die nächsten Ziele bei rund 2.555 Dollar und in der Folge um 2.800 Dollar freischalten. Bricht ETH dagegen unter 2.200 Dollar, rückt der Bereich um 1.900 Dollar in den Fokus.
Einschätzung
Die Lage bei Ethereum ist ein Lehrbeispiel für die Diskrepanz zwischen Stimmungsindikatoren und tatsächlichem Kapitaleinsatz. Der Google-Trends-Score zeigt: Das breite Anlegerinteresse an Ethereum ist auf Mehrjahrestief – und genau in solchen Phasen kaufen erfahrungsgemäß die größeren Adressen. Die 140.000 ETH Whale-Akkumulation in 96 Stunden, die historisch tiefen Exchange Reserves und die monatliche Trendwende bei den ETF-Flüssen zeigen: Es gibt eine Käuferschicht, die das aktuelle Niveau für attraktiv hält.
Gleichzeitig sollte man die unangenehmen Fakten nicht ausblenden. Ethereum hängt nicht nur unter dem 2025er-Hoch fest, sondern auch unter den Hochs von 2024 und sogar 2021. Vier Jahre nach dem damaligen Allzeithoch ist ETH immer noch über 50 Prozent davon entfernt – während Bitcoin in derselben Zeit mehrere neue Allzeithochs markiert hat. Die schwache ETH/BTC-Ratio bestätigt, dass Ethereum als Investment-Story bei den großen Allokatoren an Boden verloren hat. Auch die ETF-Flüsse sind keine eindeutig bullishe Geschichte: 5 von 13 Handelstagen mit Abflüssen und ein klar negatives YTD-Saldo passen nicht zur Erzählung einer institutionellen Welle.
Die Polymarket-Wette bringt es nüchtern auf den Punkt: 14 Prozent Wahrscheinlichkeit für ein neues Allzeithoch im Jahr 2026. Bei einem Kurs von 2.339 Dollar müsste ETH dafür rund 112 Prozent zulegen – in unter acht Monaten. Solange der Widerstand bei 2.400 Dollar nicht fällt, bleibt jede Bewegung ein Range-Trade, kein Trendwechsel.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]