Bank of England rudert bei Stablecoin-Regeln zurück – Entwurf bis Juni erwartet

Raphael Lulay

15.05.2026, 07:00 Uhr

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Die Bank of England (BoE) bereitet eine deutliche Kurskorrektur bei ihrem Regelwerk für britische Stablecoins vor. Vize-Gouverneurin Sarah Breeden, zuständig für Finanzstabilität, sagte der Financial Times in einem am 14. Mai veröffentlichten Interview, der ursprüngliche Vorschlag sei möglicherweise „zu konservativ“ gewesen. Die Zentralbank prüfe nun „sehr genau“, wie sich die identifizierten Risiken auf anderen Wegen managen lassen.

Konkret rückt Breeden von zwei zentralen Säulen des im November 2025 vorgestellten Konsultationspapiers ab: den temporären Haltelimits für Privatpersonen und Unternehmen sowie der 40-Prozent-Reservepflicht bei der Zentralbank ohne Verzinsung. Beides waren Reizpunkte, an denen sich die Branche monatelang gerieben hatte.

Was bisher auf dem Tisch lag

Das BoE-Rahmenwerk vom November 2025 sah für sogenannte „systemische“ Sterling-Stablecoins zwei harte Eingriffe vor. Privatpersonen sollten pro Coin maximal 20.000 Pfund halten dürfen, Unternehmen maximal 10 Millionen Pfund. Größere Unternehmen hätten über eine Ausnahmeregelung mehr halten können. Die Limits waren explizit als „temporär“ deklariert und sollten verhindern, dass Bankeinlagen schnell und in großem Stil in digitale Token abfließen.

Hinzu kam die Reservestruktur: Emittenten systemischer Stablecoins hätten mindestens 40 Prozent ihrer Reserven unverzinst bei der BoE parken müssen. Die restlichen 60 Prozent waren auf kurzfristige britische Staatsanleihen oder andere hochliquide Vermögenswerte beschränkt. Für Emittenten, die schon bei Marktstart als systemisch gelten oder aus der FCA-Aufsicht überführt werden, hatte die BoE eine Übergangsregel von bis zu 95 Prozent Staatsanleihen-Anteil eingeplant.

Genau diese Bausteine stehen nun zur Disposition.

Warum die BoE umsteuert

Breeden formuliert die Begründung erstaunlich offen: „Was wir von der Industrie gehört haben, ist, dass die Art, wie wir die Limits umsetzen wollen, operativ umständlich ist – und das für eine temporäre Maßnahme.“ Die BoE sei „wirklich offen dafür, zu überlegen, ob es andere Wege gibt, unser Ziel zu erreichen.“

Auch die Reservepflicht steht im Review. Die 40-Prozent-Regel sei auf Basis von Stress-Szenarien wie dem Kollaps der Silicon Valley Bank 2023 entworfen worden. Breeden räumt aber ein, dass die Branche bei diesem Punkt lautere Argumente hat: „Nicht überraschend würde die Industrie lieber mehr zinstragende Vermögenswerte halten – das geht direkt in ihre Marge. Wir werden hart prüfen, ob wir hier zu konservativ gedacht haben.“

Hinter den Formulierungen steckt mehr als nur Industriedialog. Sterling-Stablecoins machen aktuell weniger als 0,5 Prozent des global rund 315 Milliarden Dollar großen Stablecoin-Markts aus. Das Vereinigte Königreich liegt damit weit hinter dem dollar-dominierten Ökosystem zurück.

Druck aus Washington verändert die Lage

Parallel zur britischen Debatte hat sich das regulatorische Umfeld in den USA grundlegend verschoben. Präsident Donald Trump unterzeichnete im Juli 2025 den GENIUS Act, der Stablecoin-Emittenten zu voller Reservedeckung und monatlichen Transparenzberichten verpflichtet. Aktuell debattiert der Senate Banking Committee zudem den breiter angelegten CLARITY Act, der die Marktstruktur für Krypto-Assets insgesamt regeln soll.

BoE-Gouverneur Andrew Bailey warnte bereits in der Vorwoche vor einem „kommenden Kräftemessen“ zwischen internationalen Regulatoren und der US-Regierung über globale Stablecoin-Standards. Breedens Interview ist in diesem Licht zu lesen: London signalisiert, dass es im Standortwettbewerb nicht abgehängt werden will.

Branche reagiert vorsichtig positiv

Katie Harries, Head of Policy für Europa bei Coinbase, kommentiert die Signale aus Threadneedle Street als „wichtige Hinweise, dass die Bank of England bereit ist, ihre Stablecoin-Vorschläge zu überarbeiten“. Harries wiederholt zugleich die Coinbase-Position der vergangenen Monate: „Wir sagen seit langem, dass eine Obergrenze für Stablecoin-Bestände eine Obergrenze für Innovation ist – mit echten und erheblichen Risiken für die britische Wettbewerbsfähigkeit.“

Die Branche hat ihren Druck zuletzt auch öffentlich kanalisiert. Die Initiative Stand With Crypto UK sammelte 85.000 Unterschriften für eine innovationsfreundlichere Regulierung. Eine Zahl, die in London nicht überhört werden konnte.

Was bei den meisten Berichten untergeht

Der konkrete Fahrplan ist der eigentliche Hebel dieser Geschichte. Die BoE will nach aktueller Planung bis Ende Juni 2026 einen überarbeiteten Regelentwurf veröffentlichen. Das finale Rahmenwerk soll im weiteren Jahresverlauf folgen. Für die Branche heißt das: Sechs Wochen entscheiden, ob aus Breedens „genuinely open“ tatsächlich operativ tragfähige Regeln werden.

Zweiter wichtiger Kontext: Während die BoE den Prudenz-Teil neu denkt, drückt die FCA parallel beim Zahlungsteil aufs Tempo. Die britische Aufsichtsbehörde hat Sterling-Stablecoins zur „Major Priority“ für 2026 erklärt und fährt eine eigene Stablecoin-Sandbox hoch. Bewerbungsfrist für teilnehmende Emittenten war der 18. Januar 2026. Die FCA-Linie ist erkennbar expansiver als die ursprüngliche BoE-Position – beide Behörden müssen ihre Ansätze nun stärker zusammenführen.

Bleiben die nicht-britischen Stablecoins wie USDT und USDC: Sie bleiben unter FCA-Aufsicht, weil sie überwiegend für Krypto-Trading genutzt werden und nicht als systemisch im Zahlungsverkehr eingestuft sind. Britische Marktteilnehmer warnen, dass zu strenge Regeln für Sterling-Stablecoins genau diese Dollar-Token im Alltag dauerhaft dominant halten könnten.

Eigene Meinung

Die Wendung der BoE ist weniger ein Sieg der Krypto-Branche als eine realistische Antwort auf veränderte Rahmenbedingungen. Mit dem GENIUS Act haben die USA Fakten geschaffen, und ein britisches Regelwerk, das in der Praxis Sterling-Stablecoins ausbremst, hätte vor allem dollar-basierte Konkurrenten gestärkt. Das ist das Gegenteil dessen, was London erreichen will.

Realistisch wird der Juni-Entwurf vermutlich nicht die Limits komplett kippen, sondern die 20.000-Pfund-Schwelle nach oben verschieben oder durch flexiblere Mechanismen ersetzen. Die 40-Prozent-Reservepflicht dürfte ebenfalls eher reduziert als gestrichen werden – die BoE hat ihre Stabilitätsbedenken gut dokumentiert und kann nicht ohne Gesichtsverlust komplett zurück. Wer auf einen britischen Freibrief hofft, dürfte enttäuscht werden.

Zielgruppe für diese Entwicklung sind weniger Privatanleger, die heute schon USDT oder USDC nutzen, sondern Zahlungsdienstleister, FinTechs und etablierte Banken, die Sterling-Stablecoins als Infrastruktur-Baustein erproben wollen. Für sie entscheidet sich in den nächsten Wochen, ob das Vereinigte Königreich als Standort für regulierte Pfund-Token konkurrenzfähig wird – oder ob das Geschäft in Richtung Singapur, Dubai oder die EU mit der MiCA-Verordnung abwandert.