Die Debatte um die steuerfreie Haltefrist für Bitcoin und andere Kryptowährungen in Deutschland tritt in eine neue Phase. Nachdem Die Linke bereits am 7. Mai 2026 mit der Bundestags-Drucksache 21/5824 einen weitreichenden Antrag zur Krypto-Besteuerung eingebracht hat, legt die Fraktion nun rhetorisch nach. Parallel dazu formiert sich auf der Gegenseite erstmals ein organisierter Widerstand aus der Branche: Der Bitcoin-Bundesverband ruft eine eigene Taskforce zur Verteidigung der Haltefrist ins Leben.
Neu ist eine Wortmeldung von Isabelle Vandre, Sprecherin der Linken für die Bekämpfung von Finanzkriminalität und Immobilienspekulation. Gegenüber BTC-ECHO erklärte sie, die geltende Regelung sei „gegenüber allen Arbeitnehmern, die ihre Einkommen aus harter Arbeit hoch versteuern müssen, massiv ungerecht“. Die Begünstigung „vornehmlich sehr Vermögender“ lasse sich angesichts der Haushaltslage nicht mehr rechtfertigen. Mit der Zuspitzung auf den Arbeitnehmer-Begriff schärft die Linke die rhetorische Stoßrichtung ihres bereits vorliegenden Antrags.
Zwei Modelle auf dem Tisch: 25 Prozent oder Spitzensteuersatz
Inhaltlich liegen mittlerweile zwei konkrete parlamentarische Initiativen vor. Bündnis 90/Die Grünen hatten am 5. Mai mit der Drucksache 21/5752 einen Gesetzentwurf eingebracht, der die Haltefrist nach §23 EStG streichen und Krypto-Gewinne künftig mit dem persönlichen Einkommensteuersatz besteuern will – für Spitzenverdiener wären das Belastungen jenseits der 40-Prozent-Marke. Die Linke favorisiert demgegenüber eine Einordnung als Kapitalvermögen nach §20 EStG mit 25 Prozent Abgeltungssteuer plus Solidaritätszuschlag. Zusätzlich sieht der Antrag eine Wegzugsbesteuerung nach §6 AStG vor – auf unrealisierte Gewinne bei Verlassen Deutschlands – sowie die Prüfung eines vollständigen Bitcoin-Handelsverbots, begründet mit dem Energieverbrauch des Netzwerks. Hintergrund ist die Ankündigung von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD), die Krypto-Besteuerung im Rahmen des Haushalts 2027 grundsätzlich überprüfen zu wollen.
Auf der Gegenseite reagiert die Branche jetzt erstmals strukturiert. Der Bitcoin-Bundesverband, der sich als Interessenvertretung der deutschen Bitcoin-Community versteht, hat eine eigene Taskforce zur Verteidigung der Haltefrist eingerichtet. Bislang existiere zwar noch kein finaler Gesetzentwurf zu deren Abschaffung, dennoch wolle man Akteure aus der Branche frühzeitig bündeln und politische Aufklärungsarbeit leisten. Der Verband ruft Interessierte aktiv dazu auf, sich an der Initiative zu beteiligen.
Kühnert bei Illner: identische Rhetorik wie die Linke
Bemerkenswert ist die rhetorische Frontstellung, die sich in der Debatte herausbildet. Bereits am 30. April hatte der frühere SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, der inzwischen für die Bürgerbewegung Finanzwende tätig ist, bei „Maybrit Illner“ gegen die steuerfreie Behandlung gewettert. Wer einen Bitcoin nach einem Jahr Haltefrist mit Gewinn verkaufe, zahle „nicht mal so viel Steuern wie bei einem Aktienverkauf, geschweige denn wie jemand, der arbeiten geht“, so Kühnert. Das könne man niemandem erklären. Vandre nutzt nun für die Linke eine nahezu identische Argumentationslinie – die „harten Arbeitnehmer“ als rhetorischer Gegenpol zu vermeintlich privilegierten Krypto-Investoren.
Schweizer Bitcoin-Initiative scheitert, Bitcoin Suisse expandiert nach Bermuda
Außerhalb der Steuerdebatte sorgt zugleich ein zweiter politischer Schauplatz für Aufmerksamkeit: In der Schweiz ist die Initiative zur Aufnahme von Bitcoin in die Währungsreserven der Schweizerischen Nationalbank vorerst gescheitert. Bis Ende Juni 2026 wären 100.000 gültige Unterschriften notwendig gewesen, erreicht wurde laut Initiative bislang nur etwa die Hälfte. Damit dürfte ein nationales Referendum nicht zustande kommen – ein Hinweis darauf, dass staatliche Bitcoin-Reserven in Europa politisch weiterhin schwer mehrheitsfähig sind.
Ebenfalls aus der Schweiz kommt eine Meldung mit klar gegensätzlichem Vorzeichen: Bitcoin Suisse hat über die Tochter Bitcoin Suisse International eine Lizenz der Bermuda Monetary Authority für digitale Vermögenswerte erhalten und ist zusätzlich unter dem dortigen Investment Business Act registriert worden. Der Schritt ist Teil der internationalen Expansionsstrategie für institutionelle und vermögende Kunden. In Deutschland baut parallel die Gubbi AG ihren Vertrieb für tokenisierte Sachwerte und Real World Assets aus und kooperiert dafür mit der Fondskonzept AG sowie der Deutschen Gesellschaft für Ruhestandsplanung – ein Hinweis darauf, dass Digital Assets zunehmend in klassische Finanzberatungsstrukturen einsickern.
Warum das „Arbeitnehmer-Argument“ empirisch wackelt
Zurück zur Steuerdebatte: Das vielfach bemühte Argument, die Haltefrist begünstige fast ausschließlich „sehr Vermögende“ und treffe nicht die arbeitende Bevölkerung, lässt sich anhand der aktuellen Verbreitungsdaten allerdings nur eingeschränkt halten. Laut Statista Consumer Insights besitzen inzwischen rund 16 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren Kryptowährungen, andere Erhebungen kommen auf Werte zwischen 8 und 13 Prozent – bei Millennials liegt der Anteil teilweise über 20 Prozent. Hochgerechnet ergibt das mehrere Millionen wahlberechtigte Krypto-Besitzer, von denen ein erheblicher Teil zur sogenannten arbeitenden Mitte zählen dürfte. Der politische Frontverlauf zwischen „Arbeitnehmern“ auf der einen und „Krypto-Profiteuren“ auf der anderen Seite verläuft damit deutlich weniger eindeutig, als es die aktuelle Rhetorik aus SPD-Umfeld, Linker und Grünen nahelegt. Mehr zur politischen Dimension der deutschen Krypto-Debatte in unserer ausführlichen Analyse zur Rolle von Bitcoin in der Bundespolitik.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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