AfD als einzige Pro-Bitcoin-Partei: Wird Krypto in Deutschland zum politischen Machtfaktor wie 2024 in den USA?

Raphael Lulay

10.05.2026, 21:12 Uhr

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Während in den USA milliardenschwere Krypto-Lobbygruppen den Präsidentschaftswahlkampf 2024 mitprägten, entsteht nun auch in Deutschland erstmals eine klar erkennbare parteipolitische Frontstellung beim Thema Bitcoin und Kryptowährungen.

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Donald Trump, einst selbst Krypto-Skeptiker, positionierte sich im US-Wahlkampf demonstrativ als kryptofreundlicher Kandidat. Unterstützt wurde dieses Umfeld von massiven Mitteln aus der Branche: Laut der Watchdog-Organisation Public Citizen stammten rund 44 bis 48 Prozent aller Unternehmensspenden im US-Wahlkampf 2024 aus dem Krypto-Sektor – primär gebündelt über den Super-PAC Fairshake.

Anteil der Wahlkampfspenden von Kryptounternehmen.
1. Halbjahr 2024: Anteil der Spenden für den US-Wahlkampf. Quelle: Citizen.org. Darstellung von boersen-parkett.de.

In Deutschland existiert eine vergleichbare Lobbystruktur bislang nicht. Dennoch zeichnet sich zunehmend eine politische Konfliktlinie ab: Während Teile von SPD, Grünen und Linken strengere Besteuerung und Regulierung fordern, positioniert sich die AfD seit Jahren explizit bitcoinfreundlich. Die Union wiederum lehnt eine Abschaffung der bestehenden Haltefrist bislang ab, tritt beim Thema jedoch deutlich zurückhaltender auf.

Gleichzeitig gewinnt die Debatte an politischer Brisanz. Laut aktuellem Insa-„Sonntagstrend“ für die „Bild am Sonntag“ vom 9. Mai 2026 liegt die AfD inzwischen bei 28 Prozent und damit erstmals fünf Prozentpunkte vor der Union, die auf 23 Prozent fällt. Auch die SPD verliert weiter und erreicht 13 Prozent. Insa-Chef Hermann Binkert sprach gegenüber mehreren Medien von einem möglichen Vorboten einer „massiven Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse“.

Deutschland Sonntagstrend – AfD überholt Union erstmals bundesweit.
Sonntagstrend – repräsentative Umfrage zur Wahlpräferenz. Quelle: Insa. Darstellung von boersen-parkett.de.

In dieser Gemengelage könnte auch die Frage an Bedeutung gewinnen, wie Parteien mit Vermögensaufbau, Eigentum und digitalen Anlageformen umgehen.

Die Krypto-Steuer-Debatte verschärft sich

Auslöser der aktuellen politischen Diskussion sind Pläne aus dem Umfeld des Bundesfinanzministeriums. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) hatte angekündigt, die Besteuerung von Kryptowährungen im Rahmen des Haushalts 2027 überprüfen zu wollen. Im Zentrum steht dabei die einjährige Haltefrist nach §23 EStG, durch die Bitcoin-Gewinne nach zwölf Monaten Haltedauer für Privatpersonen bislang steuerfrei bleiben.

Wie groß die Auswirkungen möglicher Reformen sein könnten, zeigt eine derzeit auf X vielfach verbreitete Infografik mit dem Titel „Bitcoin-Steuern 2026: Europa-Update“ von Daniel D. Eckert. Verglichen wird die steuerliche Belastung eines Bitcoin-Gewinns von 10.000 Euro nach mehr als zwölf Monaten Haltedauer in verschiedenen europäischen Ländern.

Krypto-Steuern in Europa – Status quo nach Land.
Steuerliche Belastung bei einem Bitcoin-Verkaufsgewinn von 10.000 Euro und einer Haltedauer von mehr als 12 Monaten. Quelle: Daniel D. Eckert; Tiefseher. Darstellung von boersen-parkett.de.

Derzeit gehören Deutschland, die Schweiz, Portugal, Belgien und die Niederlande zu den Staaten mit steuerfreier Behandlung langfristiger Bitcoin-Gewinne. Sollte sich hingegen das von der Linken vorgeschlagene Modell aus Abgeltungssteuer plus Solidaritätszuschlag durchsetzen, läge die Belastung in Deutschland bei rund 27,5 Prozent beziehungsweise 2.750 Euro. Beim von den Grünen vorgeschlagenen Modell – Besteuerung über den persönlichen Einkommensteuersatz – könnten für Spitzenverdiener Belastungen von deutlich über 40 Prozent entstehen.

Die Positionen der Parteien

Die parteipolitischen Unterschiede fallen inzwischen deutlich aus.

Bündnis 90/Die Grünen haben einen Gesetzentwurf eingebracht, der die bisherige Haltefrist abschaffen und Gewinne aus Kryptowährungen künftig mit dem persönlichen Einkommensteuersatz besteuern soll.

Die Linke fordert in ihrem Antrag „Finanzmärkte demokratisieren, Kryptowährungen regulieren“ (BT-Drucksache 21/5824) neben der Abschaffung der Haltefrist zusätzlich eine Wegzugsbesteuerung sowie ein Verbot des Bitcoin-Handels.

Die SPD treibt die Debatte über das Bundesfinanzministerium voran. Der parteiinterne Seeheimer Kreis hatte sich in einem Strategiepapier ebenfalls für eine stärkere Besteuerung von Kryptowährungen ausgesprochen. Aus möglichen Reformen sollen laut politischen Schätzungen zusätzliche Milliardenbeträge für den Bundeshaushalt generiert werden.

Die Union erklärte auf Bürgeranfragen hingegen, sie sehe „keinen Anlass, an der bewährten Regelung etwas zu ändern“. Eine Abschaffung der Haltefrist sei zudem „nicht Bestandteil des Koalitionsvertrags“.

Die AfD hatte bereits Ende 2025 unter Federführung von Dirk Brandes den Antrag „Strategisches Potenzial von Bitcoin erkennen – Freiheit bewahren durch Zurückhaltung in der Besteuerung und Regulierung“ eingebracht. Bei der Abstimmung über die Umsetzung der DAC-8-Richtlinie zur Krypto-Meldepflicht im November 2025 stimmte die AfD als einzige Fraktion dagegen. CDU/CSU, SPD, Grüne und Linke votierten dafür.

AfD-Bundessprecher Peter Boehringer erklärte bereits 2024, die Partei stelle sich „klar hinter Idee und System des Bitcoin“. Im Bundestagswahlprogramm 2025 sprach sich die Partei unter anderem für die Beibehaltung der Haltefrist, den Schutz der Eigenverwahrung und die Umsatzsteuerfreiheit von Bitcoin-Transaktionen aus.

Der Blick nach Österreich wirft Fragen auf

Wie unterschiedlich politische Erwartungen und tatsächliche Steuererträge ausfallen können, zeigt der Blick nach Österreich. Dort wurde die einjährige Haltefrist bereits abgeschafft. Gewinne aus Kryptowährungen werden seither mit 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer besteuert – also mit einem Modell, das auch in Deutschland von Teilen der Politik diskutiert wird.

Das tatsächliche Steueraufkommen aus Krypto-Transaktionen lag in Österreich im Jahr 2024 laut parlamentarischer Anfrage allerdings bei lediglich 33,8 Millionen Euro. Das entsprach rund 0,57 Prozent des gesamten Kapitalertragsteuer-Aufkommens des Landes.

Diese Zahlen stehen in deutlichem Kontrast zu den milliardenschweren Mehreinnahmen, die in Teilen der deutschen Debatte genannt werden.

Kritik an der Datengrundlage der Reformdebatte

Besonders umstritten ist inzwischen auch die Quellenbasis hinter einigen Reformforderungen.

Im Antrag der Linken wird unter anderem auf Studienergebnisse des Krypto-Steuertools Blockpit verwiesen. Dort heißt es, 97 Prozent der Anleger würden ihre Kryptosteuern „nicht oder nicht ordnungsgemäß“ entrichten. Zudem seien 2024 rund 47,3 Milliarden Euro Gewinne aus Kryptowährungen erzielt worden, von denen zwei Drittel aufgrund der Haltefrist steuerfrei geblieben seien.

Kritiker bemängeln allerdings, dass im Antrag selbst keine detaillierten Angaben zu Methodik, Stichprobengröße oder Repräsentativität gemacht werden. Der Bitcoin Bundesverband hatte deshalb bereits im März 2026 öffentlich mehr Transparenz zu den zugrundeliegenden Daten gefordert.

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt die Debatte durch eine Hochrechnung von Co-Pierre Georg, Direktor des Frankfurt School Blockchain Center, der mögliche zusätzliche Steuereinnahmen von bis zu 11,4 Milliarden Euro in den Raum gestellt hatte.

Auch die im Antrag zusätzlich erwähnten Geldwäsche-Zahlen stehen inzwischen in der Diskussion. Die Angabe von „mindestens 82 Milliarden US-Dollar“ im Jahr 2025 basiert laut Kritikern nicht auf einer wissenschaftlichen Primärquelle, sondern auf einer Sekundärnotiz von Marketscreener.

Bitpanda-Gründer Demuth warnt vor deutschem Sonderweg

Eine der deutlichsten Wortmeldungen kam zuletzt aus Österreich selbst. Eric Demuth, Mitgründer und Executive Chairman der österreichischen Krypto-Börse Bitpanda, kritisierte die österreichische Reform öffentlich und bezeichnete sie rückblickend als „extrem dumme Entscheidung“.

Besonders bemerkenswert war dabei seine Kritik an der politischen Entscheidungsgrundlage. Die Reform sei damals massiv von Akteuren aus dem Umfeld von Krypto-Steuer-Startups und Beratungsfirmen unterstützt worden, die mit unrealistischen Einnahmeerwartungen argumentiert hätten.

Demuth verwies zudem auf erhebliche praktische Probleme bei der technischen Umsetzung der Kapitalertragssteuer. Die Einführung habe hohe bürokratische und operative Belastungen verursacht, gleichzeitig sei das tatsächliche Steueraufkommen deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Seine Schlussfolgerung fiel entsprechend deutlich aus: Deutschland solle die österreichische Erfahrung nicht wiederholen.

Millionen potenzielle Krypto-Wähler

Parallel zur Steuerdebatte wächst die Zahl der Menschen mit Krypto-Bezug in Deutschland weiter.

Laut Statista Consumer Insights besitzen inzwischen rund 16 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren Kryptowährungen. Andere Studien kommen auf Werte zwischen 8 und 13 Prozent. Besonders hoch ist die Verbreitung bei jüngeren Wählergruppen: Unter Millennials liegt der Anteil laut mehreren Erhebungen bei über 20 Prozent.

Anteil der Deutschen, die Kryptowährungen nutzen.
Anteil der befragten Bundesbürger, die Kryptowährungen nutzen/besitzen. Quelle: Statista Consumer Insights. Darstellung von boersen-parkett.de.

Hochgerechnet ergibt sich daraus ein potenzieller Korridor von mehreren Millionen wahlberechtigten Krypto-Besitzern in Deutschland. Damit erreicht die Gruppe inzwischen eine Größenordnung, die politisch kaum noch ignoriert werden kann.

Gerade für Parteien, die um jüngere und wirtschaftlich orientierte Wähler konkurrieren, könnte das Thema deshalb strategisch relevanter werden.

Das US-Vorbild zeigt die politische Dimension

Die Entwicklungen in den USA verdeutlichen, welche politische Dynamik Kryptowährungen entfalten können.

Laut Daten der Federal Election Commission und OpenSecrets flossen 2024 rund 245 Millionen US-Dollar aus dem Krypto-Sektor in den US-Wahlkampf. Der Super-PAC Fairshake unterstützte dabei zahlreiche kryptofreundliche Kandidaten beider Parteien.

Auffällig war, dass Krypto in vielen Wahlkampfspots gar nicht direkt thematisiert wurde. Der Einfluss entstand vielmehr indirekt über die Unterstützung wirtschafts- und regulierungsfreundlicher Kandidaten.

Eine frühere Analyse von boersen-parkett.de hatte zwar gezeigt, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für Krypto als Wahlkampfthema zuletzt rückläufig war. Dennoch dürfte der politische Einfluss der Branche langfristig bestehen bleiben – insbesondere durch die personelle Besetzung des Kongresses und anstehende Gesetzesvorhaben wie den Clarity Act.

Eine politische Asymmetrie

Deutschland ist von amerikanischen Verhältnissen noch weit entfernt. Weder existieren hier milliardenschwere Krypto-PACs noch verfügt die Branche über den politischen Einfluss großer US-Konzerne wie Coinbase oder Ripple.

Dennoch zeichnet sich inzwischen eine politische Asymmetrie ab: Während Grüne, Linke und Teile der SPD strengere Besteuerung und Regulierung fordern, hat die Union bislang vor allem defensiv auf die Debatte reagiert. Die AfD wiederum besetzt das Thema Bitcoin und Eigenverwahrung bereits seit Jahren offensiv programmatisch.

Ob daraus tatsächlich relevante Wählerbewegungen entstehen, lässt sich derzeit nicht seriös prognostizieren. Klar ist jedoch: In einer Phase wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit und zunehmender Diskussionen über Vermögensaufbau, Eigentum und staatliche Eingriffe könnte das Thema Kryptowährungen politisch deutlich relevanter werden als noch vor wenigen Jahren.

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