Heute fällt in Washington eine Entscheidung, auf die die Krypto-Branche seit Monaten wartet. Um 10:30 Uhr Ortszeit – das entspricht 16:30 Uhr deutscher Zeit – beginnt im Senate Banking Committee die Markup-Abstimmung zum Digital Asset Market CLARITY Act. Es ist die erste formelle Abstimmung über ein umfassendes US-Marktstruktur-Gesetz für Kryptowährungen.
Coinbase-CEO Brian Armstrong bringt die Stimmung in der Branche auf den Punkt. In einem Tweet vom Vorabend schreibt er, der Gesetzentwurf sei stark und werde das US-Finanzsystem schneller, günstiger und zugänglicher machen. Armstrong dankt dem Senat, den Mitarbeitern und den 3,7 Millionen Unterstützern von Stand With Crypto und schließt mit zwei Worten: „Mark it up.“ Ein klares Signal an die Abstimmenden.
CLARITY is closer than ever.
— Brian Armstrong (@brian_armstrong) May 13, 2026
The bill is strong. It will benefit the American people by making the US financial system faster, cheaper and more accessible. It will also ensure that the US leads in the global race to build the next generation of our financial system.
Huge thank… pic.twitter.com/mt8lkJ4W3v
Worum es beim CLARITY Act geht
Der CLARITY Act soll regeln, was bisher in einer regulatorischen Grauzone steckt: Welche digitalen Assets gehören in den Zuständigkeitsbereich der Börsenaufsicht SEC, welche in den der Rohstoffaufsicht CFTC. Der vom Senate Banking Committee vorgelegte Entwurf umfasst 309 Seiten – 31 Seiten mehr als die Version vom Januar. Die Grundarchitektur weist der SEC die Zuständigkeit für neue Token-Emissionen zu, während die CFTC den gesamten Sekundärhandel beaufsichtigen soll.
Der Tag ist deshalb so wichtig, weil er nicht das Ende, sondern den entscheidenden Engpass markiert. Der Ausschuss besteht aus 13 Republikanern und 11 Demokraten. Alle 13 republikanischen Stimmen werden gebraucht, und Senator John Kennedy gilt nach wie vor als unentschieden. Komitee-Vorsitzender Tim Scott nennt diese Schwelle die „Red Zone“. Klappt es heute nicht, droht das Zeitfenster bis nach der Memorial-Day-Pause am 21. Mai zuzufallen – mit dem Risiko, dass die Vorlage in den Sommerwahlkampf abgleitet.
Auf Polymarket lagen die Chancen einer Verabschiedung im Jahr 2026 zuletzt bei rund 60 Prozent – nach 80 Prozent nach dem überparteilichen Stablecoin-Kompromiss Anfang Mai. Grund für den Rückgang: Die drei größten US-Bankenverbände haben am 9. Mai die ausgehandelte Stablecoin-Regelung formell abgelehnt. Banken fürchten, dass aktivitätsbasierte Stablecoin-Belohnungen Kunden dazu bringen könnten, Einlagen aus dem klassischen Bankensystem abzuziehen.
Vor der Abstimmung wurden über 100 Änderungsanträge eingereicht – ein Zeichen dafür, dass der Text noch live verhandelt wird. Die Stimmung am Markt spiegelt die Anspannung wider. Bitcoin pendelt um 79.000 US-Dollar, Ethereum notiert bei knapp 2.200 US-Dollar, XRP bei rund 1,42 US-Dollar. Aus den Bitcoin Spot-ETFs flossen am Mittwoch über 635 Millionen US-Dollar ab. Institutionelle Anleger halten sich vor der Abstimmung sichtbar zurück.
Drei Szenarien für den heutigen Abend
Was bedeutet das für Anleger? Drei Szenarien sind denkbar. Erstens: Saubere Verabschiedung im Ausschuss – Markt reagiert kurzfristig positiv, der Weg zu einer vollen Senatsabstimmung im Juni ist frei. Zweitens: Verabschiedung mit Änderungen – die Vorlage geht weiter, muss aber später mit der bereits im Juli 2025 vom Repräsentantenhaus mit 294 zu 134 Stimmen verabschiedeten Version zusammengeführt werden. Drittens: Vertagung oder Scheitern – der Markt dürfte das als Rückschlag werten, insbesondere Altcoins wie XRP, SOL und ADA wären stärker betroffen.
Das Weiße Haus peilt nach übereinstimmenden Berichten den 4. Juli 2026 für die Unterzeichnung an. Ob dieser Zeitplan hält, entscheidet sich heute Nachmittag.
Für Anleger ist weniger die genaue Uhrzeit der Abstimmung entscheidend als die Signale, die in den Stunden danach folgen: erste Reaktionen aus den Reihen der unentschiedenen Senatoren, Kommentare aus dem Bankenlager und vor allem das Ergebnis der ersten kontroversen Abstimmung über bankennahe Streichungsanträge. Dieses zeigt, ob die ausgehandelte Mehrheit unter Druck hält. Verfolgen lässt sich der Verlauf in Echtzeit über X-Accounts wie Eleanor Terrett (Fox Business), Ash Crypto oder über die offiziellen Live-Streams des Senate Banking Committee.
Einschätzung
Selbst eine saubere Verabschiedung im Ausschuss ist erst der erste Schritt – Senatsvotum, Reconciliation mit dem House-Text und Unterzeichnung folgen noch. Für langfristig orientierte Anleger zählt der heutige Tag vor allem als Signal, ob die US-Politik regulatorische Klarheit überhaupt liefern kann.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]