KI knackt Post-Quanten-Verfahren HAWK – was das für Bitcoin und die Quantencomputer-Debatte bedeutet

Raphael Lulay

29.07.2026, 09:46 Uhr

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Ein KI-Modell hat erstmals einen mathematischen Fehler in einem Kryptografie-Verfahren gefunden, das gegen Quantencomputer schützen soll. Anthropic hat die Ergebnisse am 28. Juli veröffentlicht. Betroffen ist HAWK, ein Signaturverfahren, das als Kandidat im Standardisierungsverfahren der US-Normungsbehörde NIST läuft. Die Schlagzeile „KI knackt Quanten-Verschlüsselung“ ist in dieser Form falsch. Die eigentliche Nachricht ist unbequemer und für Bitcoin-Anleger relevanter.

Was genau bei HAWK gefunden wurde

HAWK ist ein Post-Quanten-Signaturverfahren, das seit 2022 in einer NIST-Ausschreibung für zusätzliche digitale Signaturen antritt und die dritte Runde erreicht hat. Es hatte damit zwei Runden Begutachtung durch menschliche Experten über zwei Jahre überstanden. Das eingesetzte Modell, Claude Mythos Preview, verbesserte den besten bekannten Angriff in rund 60 Stunden Arbeit. Die Rechenkosten beziffert Anthropic auf etwa 100.000 US-Dollar.

Das Ergebnis: Die effektive Schlüsselstärke halbiert sich. Für die kleinste Variante HAWK-256 galt bislang ein Angriffsaufwand von 2 hoch 64 als notwendig, nachgewiesen wurden 2 hoch 38. Der Angriff bleibt exponentiell, läuft also nicht in praktikabler Zeit gegen größere Schlüssel. HAWK ließe sich durch eine Verdopplung der Schlüsselgröße reparieren – womit das Verfahren allerdings genau den Vorteil verliert, der es als Kandidat attraktiv machte: seine Kompaktheit.

Technisch beruht HAWKs Sicherheit auf dem sogenannten Gitter-Isomorphie-Problem. Das Modell fand eine bislang unentdeckte Symmetrie in der verwendeten Gitterstruktur, deren theoretische Ausnutzbarkeit zwar bekannt war, deren Existenz in HAWK aber niemand nachgewiesen hatte. Der begleitende Forscher hatte einen Hintergrund in theoretischer Informatik, war jedoch kein Spezialist für gitterbasierte Kryptografie; seine Beiträge beschränkten sich weitgehend auf Projektsteuerung.

Warum Bitcoin und Ethereum nicht betroffen sind

Hier ist die Einordnung eindeutig, und sie fällt gegen die Panikvariante aus. Bitcoin nutzt ECDSA und seit Taproot zusätzlich Schnorr-Signaturen auf der Kurve secp256k1. Ethereum nutzt ECDSA auf derselben Kurve sowie BLS-Signaturen im Konsens. Keines dieser Verfahren hat mit HAWK etwas zu tun. Anthropic stellt zudem ausdrücklich klar, dass der Angriff weder andere NIST-Kandidaten noch gitterbasierte Kryptografie im Allgemeinen betrifft und kein produktives System eine Änderung erfordert. HAWK ist nirgends im Einsatz.

Auch das zweite Ergebnis der Veröffentlichung entschärft sich bei genauer Betrachtung. Das Modell verbesserte einen Angriff auf AES-128 um den Faktor 200 bis 800 – allerdings auf eine künstlich reduzierte Variante mit sieben statt zehn Runden, und unter der Annahme, dass ein Angreifer die Verschlüsselung von 2 hoch 105 selbst gewählten Klartexten anfordern kann. Das ist eine Zahl jenseits jeder physikalischen Realisierbarkeit. Das vollständige AES bleibt unangetastet.

Der Fund, der die Krypto-Branche direkter betrifft

Interessanter als die beiden Hauptergebnisse ist eine Randnotiz. Anthropic berichtet von weiteren, noch vorläufigen Verbesserungen an Angriffen auf Salsa20, SHA-1 und Poseidon. Die Gewinne liegen unter Faktor zehn und sind damit sicherheitstechnisch bedeutungslos. Bemerkenswert ist der dritte Name: Poseidon ist die Hashfunktion, die in einem großen Teil der Zero-Knowledge-Infrastruktur verwendet wird – also in genau den Rollups und Beweissystemen, über die inzwischen erhebliche Werte abgewickelt werden. Es ist das erste Mal, dass ein KI-Modell öffentlich dokumentiert an einer Primitive arbeitet, die aktiv Kapital in Blockchain-Systemen absichert. Gefährlich ist das Ergebnis nicht. Als Signal ist es das relevanteste der Veröffentlichung.

Praktisch verwertbar ist zudem ein Angriff auf 13 von 24 Runden des Verfahrens LEA: Er läuft in unter einer Stunde auf einem normalen Desktop-Rechner und benötigt weniger als 2 hoch 30 Klartexte. Auch hier gilt: Das vollständige Verfahren bleibt sicher.

Was das für Bitcoins Post-Quanten-Migration bedeutet

An dieser Stelle wird der Fund für Bitcoin doch relevant, nur eben zeitversetzt. Rund 6,5 bis 6,9 Millionen BTC – etwa ein Viertel bis ein Drittel des Umlaufs – liegen in Adressen, deren öffentliche Schlüssel bereits on-chain sichtbar sind und die damit langfristig durch Shors Algorithmus angreifbar wären. Am 11. Februar 2026 wurde mit BIP-360 der erste quantenresistente Adresstyp in das offizielle Bitcoin-Repository aufgenommen, im April folgte mit BIP-361 der weitaus umstrittenere Vorschlag, alte Signaturtypen nach einer Frist auslaufen zu lassen.

Entscheidend ist, was in BIP-360 nicht steht: Die konkreten Post-Quanten-Signaturverfahren wurden im Verlauf der Entwicklung herausgenommen und auf einen späteren Vorschlag vertagt. Die Wahl des Verfahrens ist also offen. Und sie steht unter einem harten Nebenbedingungsdruck. Die von NIST bereits standardisierte Signatur ML-DSA-87 erzeugt Signaturen von rund 4.600 Byte gegenüber 64 Byte bei Schnorr. Für ein Netzwerk, dessen knappste Ressource Blockplatz ist, ist das ein massives Problem. Genau deshalb sind kompakte Alternativen attraktiv – und HAWK war eine davon.

Damit lautet die eigentliche Lehre: Die Verfahren, die Bitcoin aus Effizienzgründen bevorzugen müsste, sind zugleich die mit der kürzesten Prüfhistorie. Und das Werkzeug, mit dem geprüft wird, hat sich gerade verändert. Anthropic formuliert es selbst deutlich: Innerhalb eines Jahres seien Sprachmodelle von der Unfähigkeit, einfachste Chiffren zu analysieren, dazu übergegangen, Schwächen zu finden, die jahrelanger menschlicher Begutachtung entgangen sind. Viele weltweit eingesetzte Verfahren hätten deutlich weniger Prüfung erfahren, als ihnen zustünde.

Einordnung

Kurzfristig ändert sich für Anleger nichts. Kein Bitcoin, kein Ether und keine Stablecoin-Infrastruktur ist durch diese Veröffentlichung unsicherer geworden. Die Ergebnisse wurden über kontrollierte Offenlegung an die HAWK-Entwickler, die NIST-Verteiler sowie an US-Behörden und Industriepartner weitergegeben, bevor sie öffentlich wurden.

Mittelfristig verschiebt sich jedoch die Beweislast. Bisher galt: Ein Verfahren, das mehrere Jahre öffentlicher Begutachtung übersteht, gilt als belastbar. Wenn ein Modell diese Begutachtungsleistung in 60 Stunden für 100.000 US-Dollar übertreffen kann, ist das kein Argument mehr, sondern nur noch eine Aussage über den Stand der Technik im letzten Jahr. Für die Post-Quanten-Migration von Bitcoin bedeutet das vor allem eines: Der Zeitdruck steigt nicht wegen der Quantencomputer, sondern weil die Kandidatenauswahl instabiler geworden ist, als sie 2024 aussah.

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