Krypto-Anleger in Deutschland geraten gleich von zwei Seiten unter Druck: Das Europäische Parlament hat am Dienstag in Straßburg eine Verhandlungsposition für den nächsten EU-Haushalt 2028 bis 2034 beschlossen, die unter anderem eine eigene EU-Abgabe auf Gewinne aus Kryptotransaktionen vorsieht. Parallel dazu hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) im neuen Haushaltsentwurf für 2027 und in der Finanzplanung bis 2030 höhere Einnahmen aus Krypto-Steuern eingeplant. Damit könnte auch die einjährige Haltefrist auf Bitcoin und Co. ins Wanken geraten.
EU-Parlament fordert Krypto-Abgabe als neue Eigenmittelquelle
Das EU-Parlament verabschiedete seine Position mit 370 zu 201 Stimmen bei 84 Enthaltungen. Im Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) für die Jahre 2028 bis 2034 fordern die Abgeordneten ein Gesamtbudget von 2,01 Billionen Euro – rund zehn Prozent mehr als von der EU-Kommission im Juli 2025 vorgeschlagen. Höhere Beiträge der Mitgliedstaaten will das Parlament dafür ausdrücklich nicht erheben. Stattdessen sollen neue eigene EU-Einnahmequellen die Lücke schließen.
Konkret bringt das Parlament drei Abgaben ins Spiel, die für Privatanleger relevant sind:
- eine Digitalabgabe auf große Tech-Konzerne
- eine Abgabe auf Online-Glücksspiele
- eine Abgabe auf Kapitalgewinne aus Kryptowerten
Diese drei Vorschläge sind ein Novum: Sie waren in dem ursprünglichen Kommissionsvorschlag vom Juli 2025 nicht enthalten und kommen ausschließlich vom Parlament. Die Kommission hatte stattdessen unter anderem eine Pauschalabgabe für Großkonzerne (CORE), eine höhere Tabaksteuer und eine Abgabe auf Elektroschrott vorgeschlagen. Insgesamt sollen die neuen Eigenmittel laut Parlamentsbeschluss rund 60 Milliarden Euro pro Jahr in den EU-Haushalt spülen. Das Geld soll auch dazu dienen, die Schulden aus dem Corona-Wiederaufbauprogramm NextGenerationEU zurückzuzahlen.
Wie hoch die Krypto-Abgabe ausfallen würde und auf welcher Bemessungsgrundlage genau, geht aus den bisher veröffentlichten Dokumenten des Parlaments nicht hervor. Klar ist nur: Sie würde sich auf Gewinne aus Krypto-Transaktionen beziehen.
Klingbeil plant höhere Krypto-Steuern – Haltefrist wackelt
Während Brüssel an einer EU-weiten Krypto-Abgabe arbeitet, plant die Bundesregierung offenbar parallel höhere nationale Krypto-Steuern. Nach Informationen des Handelsblatts und des Branchenmediums BTC-Echo aus dem Haushaltsentwurf für 2027 und der Finanzplanung bis 2030 hat Klingbeil neben höheren Abgaben auf Alkohol, Tabak, Zucker und Plastik auch Mehreinnahmen aus Krypto-Steuern eingeplant. Im Haushaltsentwurf ist demnach von einer „Anpassung der Besteuerung von Kryptowährungen“ die Rede.
Konkret könnte das die einjährige Haltefrist treffen, die Deutschland bislang als attraktiven Standort für langfristige Krypto-Investoren gemacht hat. Aktuell gilt: Wer Bitcoin oder andere Kryptowerte länger als ein Jahr hält, kann Gewinne komplett steuerfrei realisieren. Wer früher verkauft, muss Gewinne mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuern.
Für nennenswerte Mehreinnahmen müsste die Politik diesen Steuervorteil wohl einschränken oder ganz abschaffen. Eine naheliegende Option wäre, Krypto-Gewinne künftig wie Aktiengewinne oder andere Kapitalanlagen zu behandeln – also unabhängig von der Haltedauer mit der Abgeltungssteuer von 25 Prozent zu belegen.
Was das für deutsche Anleger bedeutet
Bis aus den beiden Vorhaben konkretes Recht wird, dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen:
Der EU-Haushalt muss zwischen Parlament, Mitgliedstaaten und Kommission ausgehandelt werden. Die finale Einigung wird erst Ende 2027 erwartet. Für die neuen Eigenmittel ist zudem Einstimmigkeit im Rat nötig – und in mehreren Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, eine Ratifizierung durch das nationale Parlament.
Der deutsche Haushaltsentwurf muss nach dem Kabinettsbeschluss erst Bundestag und Bundesrat passieren. Eine Reform der Krypto-Besteuerung müsste zudem gesetzlich konkretisiert werden – erst dann steht fest, ob die Haltefrist tatsächlich fällt, verlängert wird oder lediglich die Steuerkontrolle verschärft wird.
Klar ist aber: Die politische Richtung in Brüssel und Berlin geht eindeutig in Richtung höherer Krypto-Steuern. Wer aktuell mit Bitcoin oder anderen Kryptowährungen plant, sollte die Entwicklung im Blick behalten – insbesondere mit Blick auf die geplante Haltefrist-Reform, die das deutsche Steuermodell für Krypto-Investoren grundlegend verändern könnte.
Einschätzung
Dass sowohl das EU-Parlament als auch die Bundesregierung am gleichen Tag mit höheren Krypto-Steuern in den Schlagzeilen stehen, ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer breiteren Entwicklung: Krypto wird politisch zunehmend als regulärer Vermögenswert behandelt – und damit auch als regulärer Steuergegenstand. Für die Zielgruppe der langfristigen Bitcoin-Sparer in Deutschland wäre eine Abschaffung der Haltefrist ein klarer Einschnitt, denn der steuerfreie Verkauf nach einem Jahr ist seit Jahren ein Hauptargument für deutsche HODLer. Auf der anderen Seite würde eine Gleichbehandlung mit Aktien (25 Prozent Abgeltungssteuer) im internationalen Vergleich nicht aus dem Rahmen fallen und könnte Rechtssicherheit schaffen. Die EU-Krypto-Abgabe wiederum hat realistisch betrachtet einen langen Weg vor sich: Steuern auf EU-Ebene scheitern traditionell oft an der Einstimmigkeitshürde im Rat. Bis konkrete Gesetze auf dem Tisch liegen, sollten Anleger die Lage abwarten – ohne in Panik zu verkaufen, aber auch ohne darauf zu setzen, dass alles bleibt, wie es ist.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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