Margin Debt auf Rekordhoch: Auf jeden Dollar Guthaben kommen 3,41 Dollar Kredit

Alex Merten

28.07.2026, 06:00 Uhr

,

360.000 Depots. So viele Konten haben südkoreanische Broker seit Juni glattgestellt, weil ihre Besitzer den Nachschuss nicht aufbringen konnten. 1,2 Millionen weitere hatten eine Nachschussforderung auf dem Tisch. Der KOSPI stand am 16. Juli mehr als 27 Prozent unter seinem Junihoch.

In den USA ist die Ausgangslage bilanziell extremer als je zuvor gemessen.

Margin Debt steigt auf 1,502 Billionen Dollar

Die US-Finanzaufsicht FINRA hat am 20. Juli die Zahlen für Juni veröffentlicht. Die Wertpapierkredite amerikanischer Anleger stiegen auf 1,502 Billionen Dollar, ein Plus von 49 Prozent binnen zwölf Monaten und der dritte Anstieg in Folge.

Die Gegenseite der Bilanz sank im selben Zug. Die freien Kreditsalden auf den Depotkonten fielen auf rund 440 Milliarden Dollar. Der Saldo aus beidem rutschte um weitere 70 Milliarden auf minus 1,06 Billionen ab.

Auf jeden Dollar sofort verfügbares Guthaben kommen damit 3,41 Dollar Kredit. Die Reihe reicht bis 1997 zurück. Einen solchen Wert gab es darin nie.

Infografik von boersen-parkett.de auf Grundlage von FINRA-Daten: US-Wertpapierkredite auf Rekordhoch: Im Juni 2026 kommen laut FINRA auf 1 Dollar Depotguthaben 3,41 Dollar Kredit. Die Wertpapierkredite liegen bei 1,502 Billionen Dollar, das freie Guthaben bei 440 Milliarden Dollar und der Netto-Kreditsaldo bei minus 1,06 Billionen Dollar.

Was bei einem Margin Call passiert

Wer auf Kredit kauft, hinterlegt die gekauften Papiere als Sicherheit. Fällt der Kurs, schrumpft die Sicherheit. Die Schuld bleibt stehen.

Unterschreitet das Eigenkapital die Mindestquote, fordert der Broker Geld nach. Wer nicht liefert, verkauft. Nicht nach Marktmeinung, sondern nach Frist.

Diese Verkäufe drücken den Kurs weiter und lösen beim nächsten gehebelten Anleger dieselbe Forderung aus. Das Guthaben auf dem Konto ist die erste Bremse in dieser Kette. Es ist auf ein Rekordtief gefallen.

Südkorea liefert den Ablauf in Echtzeit

Am 24. Juni erreichten die Wertpapierkredite südkoreanischer Privatanleger mit 38,63 Billionen Won einen Rekord. Durchschnittlicher Hebel: rund das Dreifache. Konzentriert auf wenige Halbleiterwerte und zweifach gehebelte ETFs.

Am 8. und am 10. Juni stoppten Circuit Breaker den Handel für jeweils 20 Minuten. In acht Handelstagen verlor der Index 13 Prozent. Danach beschleunigte sich der Abfluss, weil jede Zwangsliquidation die nächste auslöste.

Zwei Aktien trugen dort den Großteil der Jahresgewinne. Diese Konzentration hat den Ablauf verschärft, und sie ist der Grund, warum sich das Tempo nicht eins zu eins auf den US-Markt übertragen lässt. Der Mechanismus ist derselbe.

Was die Daten nicht hergeben

Drei Einschränkungen, die zum Bild gehören.

Erstens messen die 440 Milliarden Dollar nicht das Vermögen amerikanischer Privatanleger. Erfasst werden ausschließlich Debit-Salden in Margin-Konten und freie Kreditsalden in Bar- und Margin-Konten bei den Mitgliedsfirmen. Geldmarktfonds, Tagesgeld und Bankeinlagen bleiben außen vor. Den Anlegern ist das Geld nicht ausgegangen. Es liegt nur nicht dort, wo eine Nachschussforderung es abruft.

Zweitens taugt der Indikator nicht zum Timing. Die Tiefpunkte im Netto-Kreditsaldo liefen den Höchstständen des S&P 500 im Jahr 2000 um sechs Monate voraus, 2007 um vier, 2018 um vier, 2021 um zwei, 2025 um null. Der jüngste Fall hatte keinen Vorlauf. Dazu kommt der Meldeverzug von sieben Wochen.

Drittens hängt die Dramatik an der Bezugsgröße. Gemessen an einer US-Marktkapitalisierung von rund 78 Billionen Dollar entsprechen 1,5 Billionen Kredit etwa 1,9 Prozent, ein unauffälliger Wert. Zieht man das Guthaben ab, liegt der Hebel bei rund 1,4 Prozent der S&P-500-Marktkapitalisierung, nahe dem Rekord und über dem Dotcom-Hoch von etwa 1,1 Prozent. Brutto beruhigt, netto alarmiert.

Der Befund

Am 2. Juni schloss der S&P 500 mit 7.609,78 Punkten erstmals über 7.600. Über den Monat verlor er 1,1 Prozent. Die Kredite kletterten in diesem Monat auf ihren Höchststand.

Anleger haben also mehr geliehen, während ihre Sicherheiten an Wert verloren, und das Guthaben, das den Nachschuss decken müsste, ist über Monate abgeflossen.

Die Kurse können jederzeit drehen. Die Schulden drehen nicht mit.

Dieser Beitrag könnte Dich auch interessieren: Geld anlegen – Tipps, Strategien, Ziele.