Nach Angriffen: Krypto-Abflüsse aus Iran steigen sprunghaft – 700 Prozent Plus

Raphael Lulay

03.03.2026, 10:06 Uhr

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Unmittelbar nach den ersten US-israelischen Luftschlägen auf Iran sind die Abflüsse von Kryptowerten über die Handelsplattform Nobitex massiv angestiegen. Innerhalb weniger Minuten erhöhte sich das ausgehende Transaktionsvolumen um rund 700 Prozent, wie eine Analyse von Elliptic zeigt.

Die Entwicklung spricht für eine beschleunigte Verlagerung von Vermögen ins Ausland – über digitale Kanäle, die sich der direkten Kontrolle des klassischen Bankensystems teilweise entziehen. Zugleich können Kryptowährungen in einem Umfeld geopolitischer Spannungen und Währungsdrucks als Instrument zur Absicherung gegen Kaufkraftverluste der Landeswährung genutzt werden.

Nobitex als Scharnierstelle des iranischen Kryptomarkts

Nobitex gilt als größte Kryptobörse des Landes und ist mit mehr als 11 Millionen Nutzern ein zentrales Drehkreuz für den Handel digitaler Vermögenswerte. Im Jahr 2025 wurden dort Transaktionen im Umfang von 7,2 Milliarden US-Dollar abgewickelt. Die Plattform ermöglicht es, iranische Rial in Kryptowährungen zu tauschen und anschließend an externe Wallets zu transferieren.

Bildquelle: Elliptic.co

Erste Auswertungen der jüngsten Abflüsse zeigen, dass ein Teil der Gelder an ausländische Kryptobörsen weitergeleitet wurde, die bereits in der Vergangenheit signifikante Zuflüsse aus Iran verzeichneten. Damit entsteht ein Muster, das über eine kurzfristige Marktreaktion hinausgeht.

Wiederkehrende Spitzen bei Sanktionen und Unruhen

Der aktuelle Ausschlag ist kein Einzelfall. Seit Jahresbeginn kam es mehrfach zu deutlichen Anstiegen der Abflüsse. Der bislang markanteste ereignete sich am 9. Januar – unmittelbar nach landesweiten Protesten und einem darauf folgenden staatlich angeordneten Internet-Blackout.

Während der Abschaltung ging das Transaktionsvolumen sichtbar zurück, verschwand jedoch nicht vollständig. Selbst bei eingeschränktem Zugang zur Website wurden weiterhin Mittel bewegt. Das legt nahe, dass bestimmte Akteure auch unter restriktiven Bedingungen Zugriff auf Kryptobestände behalten.

Zwei weitere Spitzen traten kurz nach der Ankündigung neuer US-Sanktionen gegen iranische Akteure auf. Die zeitliche Nähe spricht dafür, dass Kryptowährungen gezielt genutzt werden könnten, um regulatorische Beschränkungen zu umgehen oder Vermögenswerte vorsorglich zu sichern.

Kapitalflucht per Blockchain – mit doppeltem Effekt

Die jüngsten Daten legen nahe, dass sich Kryptowährungen in geopolitischen Stressphasen als Ventil für Kapitalbewegungen etablieren. Anders als internationale Banküberweisungen lassen sich digitale Assets innerhalb von Minuten global transferieren – ohne unmittelbare Einbindung traditioneller Korrespondenzbanken.

Gleichzeitig entsteht ein strukturelles Spannungsfeld: Blockchain-Transaktionen sind dauerhaft öffentlich dokumentiert. Die gleichen On-Chain-Daten, die den 700-Prozent-Anstieg sichtbar machten, ermöglichen es Aufsichtsbehörden und Compliance-Einheiten, Geldflüsse präzise nachzuvollziehen. Die vermeintliche Umgehung klassischer Kontrolle geht somit mit erhöhter digitaler Transparenz einher.

Nebenwirkung auf die globale Hashrate?

Parallel zu den Kapitalbewegungen rückt eine weitere Dimension in den Fokus: Irans Rolle im globalen Bitcoin-Mining. Das Land profitiert von vergleichsweise niedrigen und subventionierten Energiepreisen und hat sich in den vergangenen Jahren als Standort für Mining-Kapazitäten etabliert. Schätzungen verorten den Anteil Irans an der weltweiten Hashrate im niedrigen einstelligen Prozentbereich, wobei exakte Zahlen schwer zu verifizieren sind.

Bitcoin-Mining-Kosten im Iran: Schätzungen versus aktueller Bitcoin Preis. Eigene Darstellung. Quelle: MEXC; Coingecko.com

Sollten geopolitische Spannungen oder infrastrukturelle Einschränkungen die Stromversorgung oder Internetanbindung beeinträchtigen, könnte dies temporär Auswirkungen auf die globale Rechenleistung haben. Historisch zeigte sich jedoch, dass das Bitcoin-Netzwerk regionale Ausfälle durch automatische Schwierigkeitsanpassungen kompensieren kann. Ein nachhaltiges Systemrisiko wäre daher erst bei deutlich größeren strukturellen Verschiebungen zu erwarten, wie aktuelle Analysen nahelegen.

Die aktuellen Abflüsse sind weniger als isoliertes Ereignis zu verstehen, sondern als Teil einer strukturellen Entwicklung. Immer dann, wenn politischer Druck, Sanktionen oder innenpolitische Spannungen zunehmen, steigen die Bewegungen digitaler Vermögenswerte deutlich an. Kryptowährungen fungieren damit nicht nur als Spekulationsobjekt, sondern zunehmend als Instrument zur Absicherung von Vermögen in unsicheren Systemen.

Performance von Bitcoin und Gold 60 Tage nach den genannten Ereignissen. Quelle: Blackrock.com