Innerhalb von 48 Stunden hat die britische Reform-UK-Partei zwei Zuwendungen von je 36 Millionen Pfund erhalten – von Ben Delo, Mitgründer der Kryptobörse BitMEX, und von Christopher Harborne, der rund zwölf Prozent am Stablecoin-Emittenten Tether hält. Zusammen 72 Millionen Pfund, etwa 83 Millionen Euro, mehr als sämtliche britischen Parteien im gesamten Vorjahr an Spenden einnahmen. Der bisherige Rekord für eine Einzelspende lag bei zehn Millionen Pfund.
Die naheliegende Lesart lautet: Die Kryptobranche kauft sich rechtspopulistische Politik. Für Großbritannien und die USA trägt diese Erklärung. Für Kontinentaleuropa nicht. Und das ist der eigentlich interessante Befund.
Krypto-Spenden an Parteien: Die deutschen Zahlen
Deutschland hat eine belastbare Datengrundlage. Spenden über 35.000 Euro müssen seit März 2024 unverzüglich beim Bundestag angezeigt und als Drucksache veröffentlicht werden, Zuwendungen über 10.000 Euro im Jahr erscheinen namentlich im Rechenschaftsbericht.
Der größte dokumentierte Vorgang mit Kryptobezug stammt vom Januar 2025: 1,75 Millionen Euro vom Gründer der österreichischen Handelsplattform Bitpanda, verteilt auf CDU, SPD und FDP mit je 500.000 Euro sowie die CSU mit 250.000 Euro. Es war die größte Einzelspende des Bundestagswahlkampfs. Das Geld ging ausdrücklich an die politische Mitte, die Grünen wurden ausgenommen, die AfD stand nie zur Debatte.
Damit ist die Liste im Wesentlichen abgearbeitet. Für die AfD ist keine einzige Großspende aus der Digitalasset-Industrie öffentlich dokumentiert. Die Partei verbuchte im Wahlkampf 2025 Großspenden von rund 4,85 Millionen Euro, deren Herkunft in keinem bekannten Fall der Branche zuzurechnen ist.
Trotzdem ist die AfD mit Abstand die Partei mit der weitreichendsten Bitcoin-Agenda: gesetzliche Absicherung der zwölfmonatigen Haltefrist, regulatorische Abgrenzung von Bitcoin gegenüber zentral emittierten Kryptowerten, keine Einstufung von privatem Mining und Lightning-Betrieb als gewerblich, Prüfung von Bitcoin als Reserveasset. Dazu die Ablehnung des digitalen Euro und die Forderung, Bargeld im Grundgesetz zu verankern. Das steht seit 2024 im Wahlprogramm und wurde seither in mehreren Anträgen konkretisiert.
Die Frage ist also nicht, wer hier wen gekauft hat. Die Frage ist, warum diese Ausrichtung ganz ohne Geld zustande kommt.
AfD und Bitcoin: Die Hartgeld-Linie ist älter als Bitcoin
Die erste Antwort liegt in der Programmgeschichte. Zuständig für Geld- und Währungspolitik ist bei der AfD seit 2015 ein Abgeordneter, dessen Biografie die Entwicklung vorwegnimmt: Gründungsvorstand einer Edelmetall-Gesellschaft im Jahr 2006, Beiratsvorsitzender einer Einkaufsgemeinschaft für Sachwerte, 2011 Hauptinitiator einer Bürgerinitiative zur Rückholung deutscher Goldreserven, seit 2013 Mitglied der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft. Er ist zugleich Sprecher des zuständigen Bundesfachausschusses und mitverantwortlich für die Grundsatz- und Wahlprogramme der Partei.
Diese Linie ist deutlich älter als der Kryptomarkt in seiner heutigen Form. Sie beginnt bei Misstrauen gegenüber Zentralbankgeld, führt über Eurokritik und Bargelderhalt zur Ablehnung digitaler Zentralbankwährungen – und endet zwangsläufig bei einem knappen, staatsfernen Vermögenswert. Bitcoin ist in dieser Argumentation kein neues Thema, sondern das nächste Kapitel eines alten. Wer Gold aus New York zurückholen wollte, muss bei einem Asset mit fixer Obergrenze nicht überzeugt werden.
Daraus folgt eine unangenehme Konsequenz für die Branche: Eine Position, die aus der eigenen Programmatik kommt, lässt sich auch nicht durch Geld beeinflussen. Sie ist weder käuflich noch abkaufbar.
Warum die AfD womöglich auch Krypto-Politik macht: Das Wählerprofil
Die zweite Antwort liefert die Demografie. Nach einer repräsentativen Erhebung vom Sommer 2026 besitzen rund 12,8 Prozent der Erwachsenen in Deutschland Kryptowerte, etwa neun Millionen Menschen. Die Aufsicht kam im April 2026 auf eine vergleichbare Größenordnung von rund 13 Prozent. Entscheidend ist die Verteilung: 18,8 Prozent der Männer gegenüber 7,2 Prozent der Frauen, fast ein Drittel in der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren, ab 55 Jahren kaum noch messbar. Drei Viertel der Besitzer halten Bitcoin.
Dem steht ein Wählerprofil gegenüber, das sich in weiten Teilen deckt. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang September erreichte die AfD 43,8 Prozent – bei den 18- bis 29-jährigen Männern aber 49 Prozent, bei den gleichaltrigen Frauen 38 Prozent. Die Partei ist bei jungen Männern deutlich überproportional stark, die Union kam bei den Jungwählern insgesamt auf fünf Prozent.
Krypto ist damit für eine rechtspopulistische Partei ein nahezu kostenloses Positionierungsinstrument. Es adressiert präzise eine Gruppe, die sie ohnehin dominiert, es verbindet Wirtschafts- mit Freiheitsrhetorik, und es kostet keine Zugeständnisse an andere Wählergruppen – anders als etwa Rentenpolitik. Ein Spender wird dafür nicht gebraucht. Er wäre eher ein Risiko.
Bitcoin und Rechtspopulismus in Europa: Frankreich und Italien
Das Muster ist nicht deutsch. In Frankreich forderte die Vorsitzende des Rassemblement National 2016 noch ein Verbot von Kryptowährungen, das sie als Produkt einer Allianz von herrschender Elite und Wall-Street-Lobby beschrieb. 2022 war daraus eine Position für maßvolle Regulierung geworden, 2026 der Vorstoß, überschüssigen Atomstrom für Bitcoin-Mining zu nutzen – flankiert von einem parlamentarischen Gesetzentwurf und dem erklärten Ziel, junge Wähler für 2027 zu erreichen. Der digitale Euro wird als Überwachungsinstrument abgelehnt.
In Italien war eine Anhebung der Kapitalertragsteuer auf Kryptogewinne von 26 auf 42 Prozent geplant. Am Ende blieb es 2025 bei 26 Prozent, ab 2026 gelten 33 Prozent. Die Korrektur ging maßgeblich auf Druck des rechten Koalitionsflügels zurück.
In keinem dieser Fälle gibt es eine Spendensumme, die die Kursänderung erklären würde. Was sie erklärt, ist ein gemeinsames Argumentationsmuster: monetäre Souveränität, Ablehnung zentralbankgesteuerter Digitalwährungen, Misstrauen gegenüber supranationaler Regulierung. Bitcoin passt in dieses Raster, unabhängig davon, ob jemand dafür zahlt.
Einfluss ohne Geld: Was das Lobbyregister zeigt
Das heißt nicht, dass die Branche keinen Einfluss nimmt – nur, dass er anders läuft. Im Lobbyregister des Bundestages ist die Kryptolobby auffällig schwach aufgestellt: Der Handelsplattform-Betreiber, der 1,75 Millionen Euro spendete, gibt für Interessenvertretung die niedrigste Spanne an, ein bis 10.000 Euro jährlich. Ein 2025 gegründeter Bitcoin-Branchenverband liegt in derselben Spanne. Zum Vergleich: Der Versicherungsverband führt das Register seit Jahren mit über 15 Millionen Euro jährlich an.
Wirksam ist stattdessen ein billigerer Kanal. Die regulatorische Kernforderung, Bitcoin sei mangels Emittent und zentraler Instanz nicht mit zentral emittierten Kryptowerten gleichzusetzen und gehöre deshalb nicht in denselben Rahmen, findet sich wortnah in Verbandspapieren wieder – und anschließend in parlamentarischen Anträgen. Argumente wandern über Stellungnahmen, nicht über Überweisungen. Das ist im Register dokumentiert, weil Stellungnahmen dort hochgeladen werden müssen, und es kostet einen Bruchteil einer Parteispende.
Was das für Krypto-Anleger in Deutschland bedeutet
Die Bilanz fällt für beide Seiten ernüchternd aus. Die Parteien, die 2025 zusammen 1,75 Millionen Euro aus der Branche erhielten, arbeiten inzwischen an der Abschaffung der steuerfreien Haltefrist. Nach dem im Juli 2026 verfestigten Regierungskurs sollen Kryptogewinne künftig als Kapitaleinkünfte pauschal besteuert werden, rund 26,4 Prozent unabhängig von der Haltedauer, bei Wegfall der Freigrenze von 1.000 Euro. Ein seit Anfang September kursierender Referentenentwurf deutet auf Bestandsschutz für vor dem 1. Januar 2027 erworbene Bestände hin, ist aber weder offiziell noch beschlossen. Die Spende hat also nichts verhindert.
Die Partei, die nichts bekommen hat und die Haltefrist am lautesten verteidigt, hat dafür keine Mehrheit und keinen Koalitionspartner. Ihre Anträge sind Positionsdokumente, keine Gesetzgebung. Auch das verhindert nichts.
Für Anleger folgt daraus eine einfache Unterscheidung. Programmatische Nähe zu Bitcoin ist in Deutschland reichlich vorhanden, aber überwiegend dort, wo sie folgenlos bleibt. Entschieden wird die für Privatanleger teuerste Frage der kommenden Jahre im Finanzausschuss und im Bundesrat – nicht in Wahlprogrammen und nicht auf Spendenkonten.
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Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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