Aktien sind nur noch das Schaufenster: Neobroker verdienen mit Zinsen, Krypto, Wetten und Optionen Milliarden – Banken und Bärenmarkt erhöhen den Druck

Raphael Lulay

22.06.2026, 10:04 Uhr

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Lange Zeit war die Rollenverteilung im digitalen Finanzmarkt klar: Krypto-Börsen verdienten am Handel mit Bitcoin, Ethereum und anderen digitalen Vermögenswerten. Neobroker holten junge Anleger über Aktien, ETFs und niedrige Gebühren auf ihre Plattformen. Banken beobachteten den Kryptomarkt überwiegend aus sicherer Entfernung. Doch diese Ordnung beginnt zu kippen.

Eine neue Infografik von boersen-parkett.de zeigt am Beispiel von Robinhood, wie stark sich das Geschäftsmodell moderner Handelsplattformen verändert hat. Die Plattform betreut inzwischen rund 27 Millionen Kunden und gehört zu den prägendsten Akteuren der globalen Neobroker-Branche. Entwicklungen bei Robinhood gelten daher oft als Frühindikator für Trends, die später auch andere Anbieter erfassen. Der Aktienhandel bleibt zwar das Schaufenster, über das viele Kunden auf die Plattform kommen. Die großen Erlöse entstehen jedoch längst in anderen Bereichen: mit Zinsen, Optionen, Kryptowährungen, Krediten und neuen Produkten wie Ereigniskontrakten.

Überraschend ist vor allem die größte Einnahmequelle: 2025 erzielte Robinhood rund 1,5 Milliarden US-Dollar mit Zinsen auf Kundengelder, Wertpapierleihe und weitere zinstragende Finanzierungsaktivitäten – deutlich mehr als mit dem Aktienhandel selbst. Der Optionshandel brachte rund 1,1 Milliarden US-Dollar ein, der Kryptohandel etwa 900 Millionen US-Dollar. Der Handel mit Aktien und ETFs kam dagegen lediglich auf rund 300 Millionen US-Dollar. Damit zeigt sich: Ausgerechnet das Produkt, mit dem Robinhood öffentlich stark verbunden wird, ist nur noch ein vergleichsweise kleiner Teil der Umsatzmaschine.

Krypto-Handel, Aktien & Co.: Umsätze des Neobrokers Robinhood nach Segmenten.
Neobroker Robinhood, Umsatz nach Bereich (2025). Darstellung von boersen-parkett.de.

Noch bemerkenswerter fällt der Blick auf das Handelsvolumen aus. Aktien und ETFs kamen 2025 auf ein Transaktionsvolumen von rund 2,3 Billionen US-Dollar. Kryptowährungen lagen dagegen bei etwa 240 Milliarden US-Dollar. Dennoch erzielte Robinhood mit Krypto rund dreimal so viel Umsatz wie mit Aktien und ETFs. Wie aus der Infografik hervorgeht, ist der Kryptohandel für Plattformen damit deutlich ertragreicher – trotz wesentlich geringerer Volumina.

Der Befund ist für die Branche brisant. Neobroker mussten in den vergangenen Jahren lernen, dass reine Handelsaktivität zyklisch ist. In Boomphasen steigen Nutzerzahlen, Transaktionen und Erträge rasant. In Bärenmärkten fallen Volumina dagegen schnell zurück. Wer dauerhaft wachsen will, kann sich nicht allein auf Aktienorders oder Krypto-Hype verlassen. Genau deshalb verbreitern sich die Geschäftsmodelle.

Die Grafik zeigt die Verteilung des Transaktionsvolumens bei Robinhood nach Assetklasse.
Neobroker Robinhood, Anteil der beiden Assets am Transaktionsvolumen. Darstellung von boersen-parkett.de.

Coinbase geht denselben Weg aus der Gegenrichtung. Die Plattform war lange vor allem als Kryptobörse bekannt, positioniert sich inzwischen aber zunehmend als „Everything Exchange“. Aktien, Termingeschäfte, Prognosemärkte, Stablecoin-Erträge und weitere Finanzprodukte sollen schrittweise in einer App zusammenlaufen. Robinhood bewegt sich vom Aktienbroker in Richtung Krypto, Banking, Zinsen und Ereignismärkte. Coinbase bewegt sich von der Kryptobörse in Richtung breiter Finanzplattform.

Parallel holen klassische Finanzinstitute auf. In Deutschland bereitet die Sparkassen-Finanzgruppe den Einstieg in den Kryptohandel für Privatkunden vor: Ab 2026 soll die DekaBank ein beratungsfreies Angebot für Selbstentscheider bereitstellen, das die gesamte Wertschöpfungskette vom Handel über die Verwahrung bis zum Frontend innerhalb der Finanzgruppe abdeckt. Börse Stuttgart Digital liefert dafür über ihre institutionelle Brokerage-Lösung die nötige Liquidität.

Das genossenschaftliche Lager ist bereits einen Schritt weiter: Die DZ BANK erhielt Ende Dezember 2025 die MiCAR-Zulassung der BaFin für ihre gemeinsam mit dem IT-Dienstleister Atruvia entwickelte Plattform „meinKrypto“, die seit Anfang 2026 schrittweise in die VR-Banking-App der Volks- und Raiffeisenbanken integriert wird. Laut einer Genoverband-Studie vom September 2025 plant mehr als ein Drittel der Institute, die Lösung in den kommenden Monaten einzuführen. Damit rückt Krypto in eine Welt vor, die den Markt lange skeptisch betrachtet hatte.

Für Neobroker und Kryptobörsen erhöht das den Druck. Banken bringen Vertrauen, Regulierung, bestehende Kundenbeziehungen und gewachsene Infrastruktur mit. Die jungen Plattformen bringen Tempo, bessere Nutzeroberflächen, Produktinnovation und eine starke Bindung an digital affine Anleger. Der Wettbewerb verschiebt sich deshalb: Es geht nicht mehr nur darum, wer die günstigste Aktienorder oder die größte Coin-Auswahl bietet. Entscheidend wird, wer zur zentralen Finanz-App im Alltag der Nutzer wird.

Der Umsatz von Robinhood steigt massiv, während das Nutzerwachstum mit 7 % zu Buche schlägt.
Anstieg von 2024 auf 2025 (Neobroker Robinhood). Darstellung von boersen-parkett.de.

Für Anleger hat diese Entwicklung jedoch eine zweite Seite. Denn genau die Produkte, mit denen Plattformen besonders viel Geld verdienen, sind häufig auch die riskanteren. Optionen, Krypto-Trading, Kredite, Hebelprodukte und Ereigniskontrakte können für Anbieter sehr lukrativ sein, erhöhen aber zugleich das Verlustrisiko auf Kundenseite. Je stärker eine App solche Produkte bündelt und je einfacher der Zugang wird, desto wichtiger werden Risikobewusstsein, Selbstkontrolle und eine klare Trennung zwischen langfristigem Vermögensaufbau und spekulativem Handel.

Die Infografik zeigt damit nicht nur, wie sich Robinhood, Coinbase und Banken strategisch neu positionieren. Sie zeigt auch ein Spannungsfeld, das Anleger künftig stärker beachten müssen: Moderne Finanz-Apps werden komfortabler, breiter und leistungsfähiger. Doch ausgerechnet die ertragreichsten Produktbereiche der Plattformen sind nicht automatisch die sinnvollsten für Privatanleger. Wer vom Wandel der Broker profitieren will, sollte deshalb nicht nur auf neue Funktionen achten – sondern auch darauf, welche Anreize hinter diesen Funktionen stehen.

Robinhood und Coinbase zeigen, wohin sich der Markt bewegt: weg von einzelnen Anlageklassen, hin zu Finanz-Apps für alles. Dass Banken nun in den Kryptomarkt drängen, erhöht den Druck auf die jungen Plattformen zusätzlich.

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