Bitcoin Prognose: Warum der Vier-Jahres-Zyklus 2026 zur Falle werden könnte

Raphael Lulay

21.07.2026, 08:13 Uhr

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Bitcoin notiert am 21. Juli 2026 bei rund 65.701 US-Dollar und damit auf dem höchsten Stand seit Wochen. Vom Allzeithoch bei etwa 126.000 Dollar aus dem Oktober 2025 fehlen knapp 48 Prozent. Der Juni war mit einem Minus von über 20 Prozent der schwächste Monat seit dem Start der US-Spot-ETFs im Januar 2024, allein in diesem Monat flossen rund 4,5 Milliarden Dollar aus den Fonds ab. Am 1. Juli markierte BTC bei 57.950 Dollar den tiefsten Stand seit 21 Monaten. Seitdem hat sich der Kurs um rund 13 Prozent erholt.

In diesem Umfeld hat sich eine bemerkenswert einheitliche Erwartung gebildet: Der Boden kommt im Oktober. Die Begründung ist fast immer dieselbe – der Vier-Jahres-Zyklus.

Genau diese Einigkeit ist das eigentlich interessante Marktphänomen.

Bitcoin News: Der Konsens-Trade, den alle gleichzeitig planen

Der Schweizer Analyst Doctor Profit, der die Abwärtsbewegung mit Short-Positionen begleitet hat, hat am 18. und 19. Juli eine konträre These formuliert. Sein Argument ist nicht technischer, sondern positionierungstheoretischer Natur: Bei 120.000 Dollar habe niemand über den Vier-Jahres-Zyklus sprechen wollen, jetzt glaubten alle daran. Je mehr Marktteilnehmer dasselbe Ergebnis erwarteten, desto unwahrscheinlicher werde es. Kaufaufträge unterhalb von 50.000 Dollar würden nie ausgeführt.

Nach eigenen Angaben hat er sämtliche Short-Positionen geschlossen – Bitcoin-Shorts zwischen 115.000 und 125.000 Dollar, ein weiteres Paket zwischen 79.000 und 82.500 Dollar sowie über 100 Altcoin-Shorts. Die realisierten Gewinne hat er bei rund 64.000 Dollar vollständig in Bitcoin-Spot umgeschichtet, seine erste langfristige Spot-Position seit September 2025. Ein zweites, getrenntes Kapitalpaket wird in täglichen Fünf-Prozent-Tranchen über bis zu 20 Tage investiert, solange BTC zwischen 54.000 und 64.000 Dollar handelt. Zielzone für den Durchschnittseinstieg: rund 60.000 Dollar. Das Verhältnis Bitcoin zu Ethereum liegt bei 4:1. Seine Short-Position auf den S&P 500 hält er.

Bemerkenswert ist, dass der Kurs bereits jetzt über der Obergrenze seiner eigenen Akkumulationszone liegt. Nach der beschriebenen Systematik würde er derzeit keine weiteren Tranchen kaufen.

Zur Einordnung gehört außerdem: Doctor Profit betreibt einen kostenpflichtigen Premium-Dienst und hat ein wirtschaftliches Interesse an Reichweite. Der Report ist Eigenwerbung, keine neutrale Analyse. Die dahinterliegende Frage ist trotzdem prüfbar – und die Daten geben ein differenzierteres Bild als beide Lager behaupten.

Wie steht die Gegenseite? Die Verteidiger des Zyklus

Die Zyklus-These ist keine Randmeinung. Benjamin Cowen von Into The Cryptoverse argumentiert mit Tageszählungen: Die beiden Vorzyklen erreichten ihr Hoch an Tag 1.059 beziehungsweise Tag 1.168 nach dem vorherigen Tief, der aktuelle Zyklus an Tag 1.162. Wenn das Top im historischen Fenster lag, so seine Logik, dann auch der Boden. Sein Basisszenario: Oktober 2026, passend zum 912- bis 922-Tage-Fenster nach dem Halving und zum Midterm-Jahr-Muster von 2014, 2018 und 2022.

Er steht damit nicht allein. Alphractal nennt Ende September bis Anfang Oktober, CryptoQuant-Modelle zeigen ein Bodenfenster zwischen September und November, und Peter Brandt hat einen Oktober-Boden projiziert – mit der Begründung, frühere Bärenmärkte endeten zwölf bis achtzehn Monate vor dem nächsten Halving im April 2028.

Genau hier liegt die Ironie, auf die PlanB hingewiesen hat: Ein Teil des Verkaufsdrucks stammt von Marktteilnehmern, die den Zyklus antizipieren und deshalb vorab verkaufen. Das Muster wirkt, weil Menschen so handeln, als würde es wirken. Ein sich selbst erfüllendes Muster kann sich aber auch selbst vorwegnehmen – und sich dadurch zeitlich verschieben.

Ein Datenpunkt ist beiden Lagern unbequem: 2025 war das erste Post-Halving-Jahr der Geschichte, das im Minus schloss, rund sechs Prozent unter dem Januar-Eröffnungskurs. Das Skript hat bereits einmal nicht funktioniert.

Warum steigt oder fällt Bitcoin? Der Oktober-Katalysator

Das stärkste Argument gegen ein reines Zyklus-Denken ist kein Chart, sondern ein Termin.

Die DTCC, Rückgrat der US-Wertpapierabwicklung mit über 114 Billionen Dollar an verwahrten Papieren, hat am 15. Juli 2026 die ersten produktiven Trades mit tokenisierten Wertpapieren abgewickelt. Der kommerzielle Vollstart des DTC Tokenization Service auf der ComposerX-Plattform ist für Oktober 2026 angesetzt. Beteiligt sind über 50 Institute, darunter BlackRock, JPMorgan, Goldman Sachs, Vanguard, Morgan Stanley, State Street, Citi, BNP Paribas und die NYSE – ebenso wie krypto-native Firmen wie Circle und Anchorage.

Der erste Korb umfasst Microsoft-Aktien, Circle-Aktien, die ETFs QQQ und SPY, Treasury-ETFs sowie US-Staatsanleihen. Perspektivisch adressiert das Programm Russell-1000-Werte, große Index-ETFs und Treasuries. Grundlage ist ein No-Action-Letter der SEC vom 11. Dezember 2025, der der DTC ein Dreijahresfenster einräumt. Abgewickelt wird über Hyperledger Besu oder das Canton Network, eine Anbindung an öffentliche Blockchains einschließlich Stellar ist für das erste Halbjahr 2027 vorgesehen.

Entscheidend ist der konzeptionelle Unterschied zu bisherigen tokenisierten Aktien: keine Wrapper, die einen Preis nachbilden, sondern blockchain-native Repräsentationen, die den zugrundeliegenden Papieren rechtlich gleichgestellt sind – inklusive Dividenden- und Stimmrechten und Rückwandelbarkeit. Nadine Chakar, bei der DTCC für digitale Assets zuständig, hat den Juli-Start als ersten Schritt hin zu einem skalierbaren Oktober-Launch beschrieben.

Offene Fragen bleiben. Die schnellere Abwicklung tokenisierter Papiere wirft Margin-, Liquiditäts- und Collateral-Fragen auf, die Prime Broker erst zu modellieren beginnen. Der Vollstart benötigt zudem weitere regulatorische Freigaben.

Und ein mechanischer Zusammenhang zum Bitcoin-Kurs besteht ohnehin nicht. Der Punkt ist ein narrativer: Im selben Monat, in dem ein breiter Marktkonsens einen Kapitulationsboden erwartet, geht die Kerninfrastruktur des US-Kapitalmarkts mit Blockchain-Abwicklung in den Regelbetrieb. Beides gleichzeitig ist zumindest erklärungsbedürftig.

Der Clarity Act: Kein Kalenderproblem, sondern ein Ethikstreit

Hier wird die bullische Kette deutlich brüchiger – und die Ursache ist eine andere, als meist berichtet wird.

Der Digital Asset Market Clarity Act (H.R. 3633) steht auf Kalender-Nummer 423 der Senatsliste. Das Repräsentantenhaus verabschiedete das Gesetz am 17. Juli 2025 mit 294 zu 134 Stimmen, über 70 Demokraten stimmten zu. Der Senate Banking Committee brachte es am 14. Mai 2026 mit 15 zu 9 durch, die Kalenderplatzierung erfolgte am 1. Juni.

Am 17. Juli wurde nach einem Treffen im Weißen Haus der zusammengeführte Text aus Banking- und Agriculture-Committee veröffentlicht, über 70 Seiten länger. Er sollte demokratische Stimmen gewinnen. Er hat das Gegenteil bewirkt.

Der Grund: Die Ethik-Klausel fehlt. Demokraten fordern eine Regelung, die Präsident, Vizepräsident, hohe Beamte, Abgeordnete und deren Familien daran hindert, von der Kryptoindustrie zu profitieren. Hintergrund ist Trumps am 1. Juli veröffentlichte Finanzoffenlegung für 2025: rund 1,4 Milliarden Dollar an kryptobezogenen Einkünften, darunter etwa 636 Millionen Dollar aus Lizenzeinnahmen des TRUMP-Memecoins und über 500 Millionen Dollar aus World-Liberty-Financial-Token-Verkäufen. Die höchste persönliche Krypto-Einkommensoffenlegung eines US-Präsidenten.

Die Senatoren Chris Murphy, Chris Van Hollen und Jeff Merkley haben daraufhin öffentlich Opposition erklärt. Kirsten Gillibrand und Angela Alsobrooks haben klargestellt, dass es ohne Ethik-Klausel kein Gesetz gibt. Auch Ruben Gallego, einer der beiden Demokraten mit Ja-Stimme im Ausschuss, knüpft seine Zustimmung im Plenum daran. Ein entsprechender Änderungsantrag von Van Hollen scheiterte im Mai mit 13 zu 11 entlang der Parteilinien.

Das Weiße Haus akzeptiert nach Aussage von Krypto-Berater Patrick Witt Ethikregeln, die pauschal für alle Amtsträger gelten – aber keine, die auf die bestehenden Beteiligungen des Präsidenten zielen. Damit ist jede Formulierung, die den Demokraten reicht, für das Weiße Haus per Definition inakzeptabel.

Die Arithmetik: Republikaner halten 53 Sitze, Hawley und Paul gelten als Nein-Stimmen, für die 60-Stimmen-Hürde fehlen sieben bis neun Demokraten. Thune hat einen Plenartermin vor der Sommerpause zugesagt, die Wochen ab 20. und 27. Juli stehen zur Diskussion. Jede der zwei erforderlichen Cloture-Sequenzen kann nahezu eine volle Sitzungswoche verbrauchen. Die Pause beginnt am 7. August.

Die Wettmärkte trennen inzwischen sauber zwischen Abstimmung und Gesetz: Kalshi preist eine namentliche Senatsabstimmung vor dem 8. August mit rund 68 Prozent. Polymarket preist die tatsächliche Verabschiedung bis Jahresende mit nur 32 bis 39 Prozent – nach einem Rekordtief von 24 Prozent am 13. Juli und über 70 Prozent im Frühjahr. Galaxy Research liegt bei etwa 50 Prozent. Brian Gardner von Stifel hält eine Passage bis Ende Juli für notwendig, andernfalls verschlechterten sich die Aussichten erheblich. Senatorin Lummis hat gewarnt, das nächste realistische Fenster könnte erst 2030 sein.

Wer den Clarity Act als bullischen Baustein für den Herbst einplant, setzt auf etwas, das der Markt derzeit mit rund einem Drittel bepreist.

Die Fed: Der unterschätzte Gegenwind

Ein Punkt, der in der Zyklus-Debatte oft untergeht: Die Geldpolitik arbeitet derzeit nicht für Bitcoin.

Kevin Warsh übernahm im Mai den Fed-Vorsitz und hat den Kurs seines Vorgängers spürbar verändert. Beim EZB-Forum in Sintra erklärte er am 1. Juli, die Preise seien zu hoch, und wies ein Inflationsziel über zwei Prozent zurück. Die Juni-Sitzung endete mit einem einstimmigen Hold bei 3,50 bis 3,75 Prozent, dabei wurde die auf Lockerung hindeutende Forward Guidance gestrichen.

Entscheidend sind die Projektionen: Neun der 18 Teilnehmer haben für 2026 mindestens eine Zinserhöhung eingezeichnet. Warsh selbst reichte keine Prognose ein. Die Inflation lag im Mai bei 4,2 Prozent im Jahresvergleich, getrieben von Energiepreisen seit Beginn des Iran-Konflikts im März, die Kernrate bei 2,9 Prozent.

Für die FOMC-Sitzung am 28. und 29. Juli preisen die Märkte überwiegend einen Hold. Das Restrisiko liegt jedoch nicht auf einer Senkung, sondern auf einer Erhöhung. Wer für Herbst 2026 auf geldpolitische Lockerung als Bitcoin-Treiber setzt, setzt gegen die aktuelle Faktenlage.

Bitcoin Prognose: Was die On-Chain-Daten wirklich sagen

Die Bewertungsmetriken stützen weder Euphorie noch Kapitulation.

Die MVRV-Ratio lag am 13. Juli bei 1,18 bis 1,19, der MVRV-Z-Score bei 0,37. Bitcoin handelt damit rund 20 Prozent über dem durchschnittlichen Einstandspreis aller Halter. Deutlich entfernt von den Werten über 3,5, die jeden großen Zyklustop markiert haben – aber auch nicht auf dem Niveau der Zyklustiefs von 2015, 2018 und 2022, bei denen der Z-Score null berührte oder unterschritt.

Hier liegt der interessanteste Befund: Glassnode verortet den Realized Price, also die aggregierte On-Chain-Kostenbasis des gesamten Angebots, bei rund 54.000 bis 54.900 Dollar. Genau in der Zone also, die Doctor Profit als Liquiditätscluster benennt.

Das ist bemerkenswert, weil beide Argumente aus völlig unterschiedlichen Richtungen kommen. Liquidationsheatmaps beruhen auf modellierten Positionsdaten, nicht auf einem einsehbaren Orderbuch, und verändern sich täglich. Der Realized Price ist dagegen eine harte, nachrechenbare On-Chain-Größe. Dass beide auf dieselbe Zone zeigen, macht den Bereich um 54.000 Dollar zum belastbarsten Preisniveau der gesamten Debatte – wobei „belastbar“ hier Unterstützungscharakter meint, keine Garantie.

Auf der Verhaltensseite zeigt Glassnode seit Anfang Juli eine Trendwende: Langfristige Halter, definiert als Wallets mit mindestens 155 Tagen Haltedauer, sind von Netto-Verteilung auf Netto-Akkumulation umgeschwenkt, im Umfang von grob 50.000 bis 100.000 BTC. Zum Vergleich: In den Aufwärtsphasen von November 2024 und Mai 2025 lag dieser Wert nahe 400.000 BTC. Die Akkumulation ist real, aber schwach. Am stärksten kaufen kleine Wallets unter einem BTC sowie Adressen zwischen 100 und 1.000 BTC. Die größten Wale verhalten sich neutral.

Bei den ETFs hat sich das Bild gedreht. In der Woche zum 18. Juli flossen 75,7 Millionen Dollar netto zu, in der Woche davor 197,4 Millionen – die erste zweiwöchige Zuflussserie nach acht Wochen mit über acht Milliarden Dollar Abfluss. Zum Jahresstand stehen weiterhin rund 5,4 Milliarden Dollar netto im Minus. CoinDesk hat die Rückkehr im Verhältnis zum vorherigen Abfluss zutreffend als geringfügig eingeordnet. Der Fear-and-Greed-Index liegt bei etwa 22. Citigroup hat das Zwölf-Monats-Kursziel Anfang Juli von 112.000 auf 82.000 Dollar gesenkt.

Übersetzt: Die Daten schließen weder einen Boden bei 58.000 noch eine Kapitulation Richtung Realized Price aus. Wer behauptet, eine einzelne On-Chain-Metrik entscheide die Debatte, überinterpretiert sie.

Eigene Meinung

Die aufschlussreichste Beobachtung dieser Debatte ist nicht, welche Seite recht bekommt, sondern dass beide dasselbe Datum nennen. Die Zyklus-Anhänger erwarten im Oktober den Boden. Die Zyklus-Skeptiker erwarten im Oktober den Tokenisierungs-Katalysator. Der Streit geht nicht ums Timing, sondern darum, ob der Oktober Kapitulation oder Wende bringt.

Für Anleger folgt daraus weniger eine Prognose als eine Methodik. Wer glaubt, Datum und Preis exakt zu kennen, verwechselt ein historisches Muster mit einem Fahrplan. Drei Datenpunkte sind zu wenig für statistische Sicherheit, das Post-Halving-Jahr 2025 hat das Muster bereits gebrochen, und der Markt hat sich mit ETFs, Unternehmensbilanzen und institutioneller Infrastruktur strukturell verändert. Gleichzeitig ist die Gegenbehauptung – der Zyklus sei tot – ebenso wenig belegt und war in jedem vorherigen Bärenmarkt populär.

Realistisch bleibt ein gestaffelter Ansatz ohne Punktprognose. Wer einen Sparplan fährt, muss diese Debatte ohnehin nicht entscheiden. Wer taktisch agiert, sollte einkalkulieren, dass innerhalb der nächsten zwölf Monate sowohl 45.000 als auch 85.000 Dollar erreichbar sind. Für Anleger mit kurzem Anlagehorizont, laufenden Verpflichtungen oder ohne echte Verlusttoleranz bleibt Bitcoin in dieser Phase ungeeignet. Für langfristig orientierte Anleger mit Zeithorizont über mehrere Jahre ist die Bewertungslage historisch betrachtet eher günstig als teuer – woraus sich allerdings kein Timing-Signal ableiten lässt.

Überprüfbar sind ohnehin nicht die Zyklustheorien, sondern die Termine: die FOMC-Sitzung am 28. und 29. Juli, der 7. August als faktische Deadline für den Clarity Act, der Oktober für den DTCC-Vollstart. Diese drei Daten sagen mehr über die kommenden Monate aus als jeder Zykluszähler.

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