Der Kryptomarkt steuert auf seine schwächste Handelswoche seit Juli 2024 zu. Bitcoin verlor seit Wochenbeginn (Montag, 00:00 Uhr UTC) rund 14,5 Prozent und notierte am Freitag im Bereich um 62.500 US-Dollar. Ether brach im selben Zeitraum um mehr als 17 Prozent ein, allein am Freitag um 5,5 Prozent. Das ist laut CoinDesk die schlechteste Wochenperformance des Gesamtmarkts seit anderthalb Jahren – und sie trifft auf das niedrigste monatliche Spot-Handelsvolumen seit Oktober 2023.
Besonders im Blick steht Ether. Die zweitgrößte Kryptowährung nähert sich der Marke von 1.420 US-Dollar – dem Niveau, von dem sie im April 2025 nach oben drehte, bevor eine viermonatige Rally zu Rekordhochs folgte. Ein nachhaltiger Bruch dieser Unterstützung würde nach Lesart der Analysten den Weg in Richtung der Bärenmarkt-Niveaus von 2022 öffnen, als ETH zeitweise unter 900 US-Dollar fiel.
Bei Bitcoin gilt die Zone um 60.000 US-Dollar als nächste relevante Marke. Sie war bereits im Februar 2026 als Auffangniveau in Erscheinung getreten. Die Binance-Liquiditäts-Heatmap weist laut CoinDesk rund 60.900 US-Dollar als zentrales Liquidationscluster aus.
Daten von Coinglass zeigen für einen 24-Stunden-Zeitraum Liquidationen von etwa 1,2 Milliarden US-Dollar, davon rund drei Viertel auf der Long-Seite. Die größten nominalen Zwangsverkäufe entfielen auf Bitcoin (rund 364 Millionen US-Dollar), Ether (rund 291 Millionen US-Dollar) und Zcash (rund 107 Millionen US-Dollar).
Mehrere Katalysatoren treffen zusammen
Für den Ausverkauf machen Marktbeobachter ein Bündel an Faktoren verantwortlich. Strategy-Chairman Michael Saylor verwies auf eine Kapitalrotation in Richtung einer Reihe von US-Börsengängen aus dem KI-Sektor. On-Chain-Analysten betonen daneben das fehlende Spot-Volumen: Laut CryptoQuant fiel der monatliche Spot-Umsatz im April auf 679 Milliarden US-Dollar – der niedrigste Wert seit Oktober 2023 und ein Zeichen schwacher Nachfrage.
Hinzu kommt ein konkreter Auslöser im Altcoin-Segment. Die Privacy-Coin Zcash stürzte um mehr als 30 Prozent ab, nachdem ein Sicherheitsforscher eine Schwachstelle offengelegt hatte, über die sich theoretisch unbegrenzt Token im geschützten Pool hätten prägen lassen. Der Kursrutsch riss verwandte Privacy-Coins mit: Monero verlor rund 12 Prozent, Dash etwa 9 Prozent. Verstärkt wurde der Druck durch BitMEX-Gründer Arthur Hayes, der auf der Plattform X mitteilte, sein Unternehmen habe die gesamte ZEC-Position verkauft.
Auch Cardano (ADA) geriet unter Druck und verlor mehr als 10 Prozent, nachdem Gründer Charles Hoskinson nach Warnungen vor Schwächen im Ökosystem eine Auszeit angekündigt hatte. KI-Token wie FET, NEAR und TAO gaben zu Wochenbeginn zwischen 4 und 6 Prozent nach.
ETF-Abflüsse stoppen – erste Gegenbewegung
Trotz des Kursverfalls zeigt sich an einer Stelle eine Trendwende. Die US-Spot-Bitcoin-ETFs beendeten am Donnerstag eine Rekordserie von 13 aufeinanderfolgenden Abflusstagen und verzeichneten einen – wenn auch minimalen – Nettozufluss von 3,05 Millionen US-Dollar. In der vorangegangenen Phase seit Mitte Mai hatten die Produkte mehr als 4,4 Milliarden US-Dollar verloren; das verwaltete ETF-Vermögen sank im selben Zeitraum von rund 104 auf etwa 80 Milliarden US-Dollar.
Auch die Ether-ETFs stoppten nach 17 Abflusstagen die Serie und nahmen 19,3 Millionen US-Dollar ein. Beide Zuflüsse gingen nahezu vollständig auf BlackRocks Fonds IBIT beziehungsweise ETHA zurück, während die übrigen Anbieter weiter Mittel abgaben oder neutral blieben.
Einzuordnen ist das mit Vorsicht: Der Tageszufluss von rund 3 Millionen US-Dollar liegt deutlich unter dem Betrag jedes einzelnen Abflusstags der zurückliegenden Wochen, an denen die Exits überwiegend dreistellige Millionensummen erreichten. Ein gebrochener Negativlauf ist noch keine Rückkehr der institutionellen Nachfrage.
Einordnung
Ein Lichtblick aus technischer Sicht: Der durchschnittliche Relative-Stärke-Index über die Krypto-Paare hinweg liegt im überverkauften Bereich, was eine kurzfristige Erholung möglich macht. Gleichzeitig bleibt das Bild fragil. Solange das Spot-Volumen schwach ist und Kapital in den KI-IPO-Komplex fließt, fehlt dem Markt der Treiber für eine nachhaltige Trendwende. Entscheidend dürfte sein, ob Ether die Marke bei 1.420 US-Dollar und Bitcoin die Zone um 60.000 US-Dollar verteidigen – darunter würde sich das Risiko weiterer Liquidationskaskaden erhöhen.

Alex Merten hat Wirtschaftswissenschaften mit Fokus auf Geldpolitik und digitale Märkte studiert. Seit mehr als 5 Jahren analysiert er die Entwicklungen im Krypto- und Finanzsektor und beschäftigt sich besonders mit der Rolle von Bitcoin in einem globalen Marktumfeld. Neben makroökonomischen Einschätzungen liegt sein Fokus auf datenbasierten Kursprognosen, Marktanalysen und verständlich aufbereiteten Infografiken. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er auch Beiträge auf cryptonews.com und 99bitcoins.com. Bei seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf Faktentreue, Relevanz und eine klare Einordnung des täglichen Marktgeschehens.
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