CLARITY Act vor Durchbruch: US-Senat einigt sich auf Stablecoin-Kompromiss – Circle-Aktie springt 18 Prozent

Alex Merten

05.05.2026, 07:31 Uhr

,

Der monatelange Streit um Stablecoin-Zinsen im US-Krypto-Gesetz CLARITY Act ist beigelegt. Die Senatoren Thom Tillis (Republikaner, North Carolina) und Angela Alsobrooks (Demokraten, Maryland) haben am Freitag einen Kompromisstext veröffentlicht, der die letzte große Hürde für die wichtigste Krypto-Regulierung der USA ausräumt. Die Aktien von Circle und Coinbase legten am Montag deutlich zu, der Bitcoin-Preis notiert am Montagmorgen über 81.000 US-Dollar.

Kern des Kompromisses: Stablecoin-Emittenten dürfen keine Zinsen mehr zahlen, die wirtschaftlich oder funktional einer Bankeinlage entsprechen. Rewards, die an die tatsächliche Nutzung der Stablecoins geknüpft sind – also an Transaktionen, Zahlungen oder Plattform-Aktivität – bleiben dagegen erlaubt. Die Trennlinie verläuft zwischen passivem Halten und aktiver Nutzung.

Die Reaktion der Märkte fiel deutlich aus. Circle (CRCL), Emittent des USDC-Stablecoins, sprang am Montag um bis zu 18 Prozent. Coinbase (COIN) gewann rund 7 Prozent, BitGo legte 12 Prozent zu, Galaxy Digital 5 Prozent. Bitcoin notierte am Nachmittag bei rund 80.300 US-Dollar – das höchste Niveau seit Ende Januar 2026.

Wetten auf Polymarket

Auf der Prognoseplattform Polymarket stiegen die Wettquoten für eine Verabschiedung des CLARITY Acts im Jahr 2026 deutlich. Vor dem Kompromiss lagen sie bei 46 Prozent, nach Veröffentlichung des Textes sprangen sie auf zeitweise 68 Prozent. Galaxy Digital hatte die Wahrscheinlichkeit in einer Research-Note vom April noch bei 50:50 gesehen.

Das Gesetz selbst ist deutlich umfangreicher als nur die Stablecoin-Frage. Der Digital Asset Market Clarity Act soll erstmals einen klaren Bundesrahmen für digitale Assets schaffen und die Zuständigkeiten zwischen den Aufsichtsbehörden CFTC (für Krypto-Commodities) und SEC (für tokenisierte Wertpapiere) abgrenzen. Das Repräsentantenhaus hatte den Entwurf bereits im Juli 2025 verabschiedet, im Senat steckte er seit Januar fest – der Streit um Stablecoin-Zinsen war der Hauptgrund.

Hintergrund des Kompromisses ist ein Interessenkonflikt zwischen Banken- und Krypto-Lobby. Banken befürchteten, dass zinstragende Stablecoins ihnen Einlagen abziehen könnten. Krypto-Unternehmen argumentierten, dass Reward-Programme zentral für die Adoption sind. Der Kompromisstext folgt der Bankenposition: „Einlageninstitute erbringen Finanzdienstleistungen, die für die Stärke der amerikanischen Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind.“ Stablecoin-Anbieter mit ähnlichen Angeboten könnten diese Institute „beeinträchtigen“.

Coinbase-CEO Brian Armstrong reagierte auf X mit zwei Worten: „Mark it up.“ Damit fordert er den Senate Banking Committee auf, das Gesetz endlich auf die Tagesordnung zu setzen. Eine Markup-Sitzung gilt als nächster prozeduraler Schritt vor der eigentlichen Senatsabstimmung. Frühestmöglicher Termin laut Galaxy Digital: die Woche ab dem 11. Mai. Senator Bernie Moreno erwartet eine Verabschiedung bis Ende Mai.

Circle-Strategiechef Dante Disparte unterstützte den Kompromiss vorbehaltlos. Der Crypto Council for Innovation begrüßte den Schritt grundsätzlich, kritisierte aber, dass das Verbot weit über den GENIUS Act vom Vorjahr hinausgehe – dieser hatte Reward-Verbote nur für Stablecoin-Emittenten vorgesehen, nicht für alle Marktteilnehmer.

Einordnung

Was bedeutet das für europäische Anleger? Direkt zunächst wenig. In der Europäischen Union regelt die Markets in Crypto-Assets Verordnung (MiCA) den Stablecoin-Markt seit Juni 2024. MiCA verbietet Stablecoin-Emittenten bereits jetzt, Zinsen auf E-Money-Token oder Asset-Referenced-Token zu zahlen. Die EU ist hier strenger aufgestellt als der US-Kompromiss. Indirekt könnte das CLARITY Act den Markt aber stark beeinflussen: Mit klaren US-Regeln würden börsennotierte Krypto-Unternehmen wie Circle und Coinbase planungssicherer, was sich auf Aktienkurse, ETF-Zuflüsse und letztlich auch auf den breiten Krypto-Markt auswirkt.

Risiken bleiben. Der Kompromisstext beseitigt zwar das größte Hindernis, aber das Gesetz muss noch durch den Senate Banking Committee Markup, eine vollständige Senatsabstimmung und gegebenenfalls eine Abstimmung zwischen Repräsentantenhaus und Senat. Galaxy-Digital-Researcher Alex Thorn warnte, dass die Bankenlobby ihre Opposition verschärfen dürfte, sobald ein Markup-Termin steht. Die Memorial-Day-Pause ab dem 21. Mai engt das Zeitfenster zusätzlich ein.

Der Kompromiss ist ein realistischer Ausgang. Er ist kein Sieg für eine Seite, sondern ein klassischer Washington-Deal: Banken bekommen Schutz vor Einlagen-Abfluss, Krypto-Unternehmen behalten ihr wichtigstes Marketing-Werkzeug. Für USDC und USDT ändert sich operativ wenig – die Emittenten zahlen ohnehin kaum Zinsen direkt an Endkunden. Getroffen werden eher Plattformen wie Coinbase oder Kraken, die ihre Reward-Programme jetzt von „buy and hold“ auf „buy and use“ umstellen müssen.

Für die Zielgruppe deutscher Krypto-Anleger ist die Story doppelt relevant. Erstens: Wer Circle- oder Coinbase-Aktien hält, sollte die nächsten zwei bis drei Wochen aufmerksam verfolgen. Zweitens: Eine erfolgreiche US-Regulierung könnte den Druck auf die EU erhöhen, ihre eigene Stablecoin-Politik zu überdenken – MiCA gilt vielen Marktteilnehmern als zu restriktiv. Sicher ist die Verabschiedung allerdings noch lange nicht. Polymarket-Quoten von 60 bis 68 Prozent bedeuten umgekehrt eine Restwahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass das Gesetz 2026 scheitert.