Innerhalb von rund 25 Minuten sind am Freitag etwa 594,48 BTC aus rund 500 Single-Signature-Wallets abgezogen worden. Der Gegenwert liegt bei etwa 38 Millionen US-Dollar. Die Transaktionen fielen in ein enges Fenster zwischen 01:31 und 01:56 UTC und verteilten sich über die Bitcoin-Blöcke 960188 bis 960191. Anschließend wurden 562 BTC in einer einzelnen Adresse konsolidiert, die sich seither nicht bewegt hat.
Der Hardware-Hersteller Coinkite hat parallel eine Sicherheitswarnung für seine Coldcard-Mk3-Geräte veröffentlicht. Betroffen sind Seeds, die auf einem Mk3 mit Firmware 4.0.1 (März 2021) bis einschließlich Version 5.0.3 erzeugt wurden. Die Modelle Mk4, Q und Mk5 sind nach erster Analyse nicht betroffen. Ob die abgezogenen Coins tatsächlich über diese Lücke kompromittiert wurden, ist offiziell nicht bestätigt. Zeitlich fällt die Warnung mit dem Sweep zusammen, ein bewiesener Kausalzusammenhang besteht bislang nicht.
Wie die Schwachstelle funktioniert
Der technische Kern liegt in der Erzeugung des Zufalls. Ein Build-Setting wies das Gerät an, den eigenen Hardware-Zufallsgenerator zu überspringen. Eine Prüfroutine in einer unterstützenden Bibliothek kontrollierte lediglich, ob diese Einstellung existierte, nicht aber, ob sie aktiv geschaltet war. In der Folge fiel die Firmware auf eine softwarebasierte Schlüsselerzeugung zurück, die mit nicht-geheimen Chip-Daten gespeist wurde. Damit wurden manche Recovery-Phrasen vorhersehbar.
Genau das ist der Angriffsvektor: Wird ein privater Schlüssel mit schwachem Zufall erzeugt, kann ein Angreifer ihn rechnerisch rekonstruieren, ohne physischen Zugriff auf das Gerät des Opfers. Die betroffenen Adressen waren durchgängig Single-Signature, keine einzige Taproot-Adresse war darunter. Viele der bewegten Bestände lagen seit 2021 unangetastet, was auf langfristige Halter hindeutet, die ihr Setup nie überprüft haben.
Der Schaden könnte deutlich höher liegen
Die 594 BTC sind womöglich nur ein Teil. Untersuchungen identifizierten 695 frühere Transaktionen mit demselben Fingerprint wie der bekannte Angriffssatz. Diese bewegten weitere 488,11 BTC. Sollte es sich um denselben Angriff handeln, steigt der Gesamtschaden auf rund 1.082,59 BTC, also nahezu das Doppelte der zunächst kommunizierten Summe. Eine Bestätigung steht aus.
Was betroffene Nutzer tun sollten
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen PIN und BIP-39-Passphrase. Die PIN schützt nur den physischen Zugriff auf das Gerät. Die Passphrase ist ein separater Zusatz, der eine vollständig andere Wallet ableitet und nie vom Gerät selbst erzeugt wird. Wer eine solche Passphrase gesetzt hat, gilt als deutlich weniger exponiert, da diese eine Entropie-Schwäche des Geräts überlebt.
Für alle anderen lautet die Empfehlung, auf einem nicht betroffenen Gerät einen neuen Seed zu erzeugen, Backup und Empfangsadresse zu verifizieren, eine kleine Testtransaktion zu senden und erst nach erfolgreicher Prüfung den Restbestand zu migrieren. Als fortgeschrittene Option lässt sich auf einem leeren Mk3 mit Firmware 4.1.9 über den Würfel-Pfad ein Ersatz-Seed erzeugen, der mindestens 99 unabhängige Würfe einer fairen Münze beziehungsweise eines fairen sechsseitigen Würfels verarbeitet und den Zufallsgenerator vollständig umgeht.
Die Sicherheit einer Hardware-Wallet steht und fällt mit einer einzigen Annahme: dass die Wörter der Recovery-Phrase aus einem so großen Zahlenraum stammen, dass Raten aussichtslos ist. Der Vorfall zeigt, was passiert, wenn diese Annahme nicht mehr trägt.
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Alex Merten hat Wirtschaftswissenschaften mit Fokus auf Geldpolitik und digitale Märkte studiert. Seit mehr als 5 Jahren analysiert er die Entwicklungen im Krypto- und Finanzsektor und beschäftigt sich besonders mit der Rolle von Bitcoin in einem globalen Marktumfeld. Neben makroökonomischen Einschätzungen liegt sein Fokus auf datenbasierten Kursprognosen, Marktanalysen und verständlich aufbereiteten Infografiken. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er auch Beiträge auf cryptonews.com und 99bitcoins.com. Bei seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf Faktentreue, Relevanz und eine klare Einordnung des täglichen Marktgeschehens.
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