Der Energieverbrauch von Kryptowährungen bleibt ein Streitpunkt in der öffentlichen Debatte. Für Ethereum liefert das Cambridge Centre for Alternative Finance (CCAF) nun erstmals eine umfassende unabhängige Einordnung. Der im Juni veröffentlichte Report „Ethereum after the Merge: A Change in Power“ beziffert den jährlichen Stromverbrauch des Netzwerks auf rund 7,87 Gigawattstunden. Das entspricht einem Rückgang von mehr als 99,98 Prozent gegenüber dem Zustand vor dem Merge.
Ethereum Energieverbrauch: Was die Cambridge-Studie konkret zeigt
Vor der Umstellung auf Proof-of-Stake am 15. September 2022 lag der kontinuierliche Strombedarf des Netzwerks bei etwa 2,4 Gigawatt. Die Forscher vergleichen diesen früheren Bedarf mit dem Stromhunger eines kleineren Staates. Nach dem Merge sank die Dauerleistung auf rund 0,90 Megawatt.
Die Cambridge-Experten arbeiteten dabei nicht mit theoretischen Annahmen, sondern mit direkten Messungen an der Steckdose. Sie prüften 20 verschiedene Kombinationen aus Client-Software und Hardware und rechneten die Ergebnisse gegen reale Hosting-Daten hoch. Daraus ergibt sich ein netzwerkgewichteter Durchschnitt von etwa 105 Watt pro Node. Die Spannbreite ist groß: Heimische Nodes zogen im Median nur 18 Watt, leistungsstärkere Enterprise-Konfigurationen näherten sich 152 Watt. Grundlage der Rechnung war ein Audit von rund 8.522 physisch erreichbaren Nodes.
Warum sank der Ethereum Energieverbrauch so stark?
Der Grund liegt im Wechsel des Konsensmechanismus. Unter Proof-of-Work war Strom der direkte Preis für die Netzwerksicherheit, da Miner rechenintensive Aufgaben lösen mussten. Nach dem Umstieg auf Proof-of-Stake sichern Validatoren das Netzwerk stattdessen durch hinterlegtes Kapital in Form von gestaktem ETH. Der Stromverbrauch beschränkt sich seither im Wesentlichen auf den Betrieb der Validator-Server und Nodes. Die Netzwerksicherheit hängt damit nicht mehr am Energieeinsatz, sondern am eingesetzten Kapital.
Zur Einordnung der Größenordnung führen die Autoren einen anschaulichen Vergleich an: Ethereums heutiger Jahresverbrauch liegt bei weniger als der Hälfte dessen, was das British Museum jährlich benötigt. Das Museum zieht rund 16,18 Gigawattstunden pro Jahr.
Ethereum im Vergleich: Effizienter als Solana
Interessant wird der Report im direkten Wettbewerbsvergleich. In absoluten Zahlen ist Ethereum zwar einer der größeren Verbraucher unter den Proof-of-Stake-Netzwerken. Setzt man den Verbrauch jedoch ins Verhältnis zur Marktkapitalisierung, verschiebt sich das Bild deutlich. Ethereum kam auf etwa 33 Kilowattstunden pro einer Million US-Dollar Netzwerkwert. Nur BNB Chain schnitt in dieser Betrachtung besser ab. Solana lag mit rund 283 Kilowattstunden pro einer Million Dollar etwa achteinhalb Mal höher. Die kombinierte Verbrauchsschätzung der untersuchten Proof-of-Stake-Netzwerke beziffern die Autoren auf rund 38 Gigawattstunden jährlich.
Weiterentwicklung des Netzwerks geht weiter
Der Effizienzgewinn ist für Ethereum kein Endpunkt. Mitgründer Vitalik Buterin skizzierte zuletzt eine technische Roadmap mit Schwerpunkten auf Quantenresistenz, verbesserter Privatsphäre und Skalierbarkeit, deren Umsetzung bis Ende 2029 angepeilt wird. Ergänzend stellte er die Vision eines „Lean Ethereum“ vor, die als tiefgreifendster architektonischer Umbau seit dem Merge beschrieben wird.
Eigene Meinung
Die Cambridge-Daten schaffen für die Energiedebatte rund um Ethereum eine belastbarere Faktengrundlage, weil sie auf direkten Messungen statt auf Modellannahmen beruhen. Für Anleger, die ökologische Kriterien in ihre Entscheidung einbeziehen, liefert der Report objektive Vergleichswerte zwischen den großen Netzwerken. Gleichzeitig sagt der Energieverbrauch nichts über die Kursentwicklung oder die Investitionsrisiken eines Assets aus – diese bleiben bei Kryptowährungen erheblich und unabhängig vom ökologischen Fußabdruck. Wer Ethereum unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten betrachtet, findet in der Studie fundierte Argumente; eine Kaufempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
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Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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