FBI zerschlägt südostasiatische Krypto-Scam-Zentren: 700 Millionen Dollar beschlagnahmt

Alex Merten

25.04.2026, 07:36 Uhr

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Das US-Justizministerium hat am Donnerstag einen koordinierten Schlag gegen Krypto-Betrugsnetzwerke in Südostasien bekanntgegeben. Die im November 2025 gegründete Scam Center Strike Force meldete die Beschlagnahme von 701,9 Millionen US-Dollar in Kryptowährungen, die Abschaltung von 503 gefälschten Investmentplattformen sowie Anklagen gegen zwei chinesische Staatsbürger. Parallel verhängte das US-Finanzministerium neue Sanktionen gegen kambodschanische Scam-Betreiber.

Im Zentrum der Ermittlungen steht der Shunda-Komplex in Min Let Pan, Myanmar. Dort sollen zwangsverschleppte Arbeiter von Januar bis November 2025 unter Gewaltandrohung Anleger weltweit um ihre Ersparnisse gebracht haben. Angeklagt wegen Wire-Fraud-Verschwörung sind die beiden chinesischen Staatsbürger Huang Xingshan und Jiang Wen Jie. Huang soll als hochrangiger Manager persönlich an körperlichen Bestrafungen von Zwangsarbeitern beteiligt gewesen sein. Jiang leitete nach Angaben der Ermittler ein Team, das gezielt US-Bürger ins Visier nahm – einem seiner Mitarbeiter gelang es laut Anklage, ein einzelnes Opfer um über drei Millionen Dollar zu bringen. Beide wurden Anfang 2026 in Thailand festgenommen.

Hoher Grad an Professionalität

Nach der Befreiung des Shunda-Komplexes durch die Karen National Liberation Army entsandte das FBI Ermittler nach Thailand, die dort über 1.300 Desktop-Computer und tausende Smartphones auswerteten. Zudem wurden Dutzende ehemalige Zwangsarbeiter befragt.

Erstmals beschlagnahmten die Behörden auch einen Telegram-Kanal mit über 6.000 Abonnenten. Dieser hatte gezielt englischsprachige Arbeiter mit amerikanischem Akzent für vermeintliche Nachtschicht-Jobs in Kambodscha angeworben. Einmal vor Ort, wurden den Betroffenen die Pässe abgenommen und sie mussten unter Zwang US-Bürger betrügen. Die Täter gaben sich am Telefon als JPMorgan-Mitarbeiter aus und warnten Opfer, ihr Konto sei für illegale Waffenkäufe missbraucht worden. Anschließend übernahmen falsche „NYPD-Detectives“ und „New Yorker Staatsanwälte“ das Gespräch und erbeuteten über Druck via WhatsApp und Microsoft Teams Kontodaten und Ersparnisse. JPMorgan Chase, Microsoft und Meta haben nach Behördenhinweis eigene interne Maßnahmen eingeleitet.

Die 503 beschlagnahmten .com-Domains waren als vermeintlich seriöse Investmentplattformen getarnt. Identifiziert wurden sie über die seit Januar 2024 laufende Operation Level Up, die bis März 2026 insgesamt 8.935 Krypto-Betrugsopfer direkt kontaktiert hat. 77 Prozent der Angesprochenen wussten nach FBI-Angaben zuvor nicht, dass sie betrogen werden. Die geschätzte Ersparnis durch diese Intervention beläuft sich auf 562 Millionen Dollar. 93 Betroffene mussten an Suizid-Präventionsspezialisten überwiesen werden.

Zusätzlich zur Justiz-Aktion setzte das US-Außenministerium eine Belohnung von bis zu zehn Millionen Dollar für Informationen aus, die zur Sicherstellung von Erlösen aus dem Tai-Chang-Scam-Komplex in Myanmars Karen State führen. Das Finanzministerium verhängte Sanktionen gegen den kambodschanischen Senator Kok An, den Geschäftsmann Rithy Raksmei und mehrere ihrer Holdingstrukturen.

Einordnung

Der aktuelle Schlag ist der bislang größte sichtbare Erfolg der Scam Center Strike Force, relativiert sich aber bei Betrachtung der Gesamtdimension. Laut dem IC3-Jahresbericht 2025 des FBI, veröffentlicht Anfang April 2026, verursachte Krypto-Anlagebetrug im vergangenen Jahr allein in den USA einen Schaden von 7,2 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 25 Prozent gegenüber 2024. Die gesamten kryptobezogenen Verluste lagen bei über 11,3 Milliarden Dollar und machten damit mehr als die Hälfte aller gemeldeten Cyberkriminalitäts-Schäden aus. Das United States Institute of Peace schätzte die weltweiten Jahresverluste durch solche Syndikate bereits Ende 2023 konservativ auf rund 64 Milliarden Dollar. Gemessen daran entsprechen die nun beschlagnahmten 700 Millionen Dollar rund einem Prozent des jährlichen Schadensvolumens.

Bemerkenswert ist die Struktur der Netzwerke: Huang und Jiang zogen nach der Auflösung des Shunda-Komplexes zunächst nach Kambodscha weiter, um dort ein neues Betrugszentrum aufzubauen. Dieses Muster – der physische Umzug organisierter Strukturen über Landesgrenzen hinweg – zeigt die Grenzen nationaler Strafverfolgung bei transnationaler Cyberkriminalität. Die Aktion der Scam Center Strike Force markiert daher weniger eine Zäsur als einen Nachweis, dass koordinierte Multi-Agency-Arbeit zumindest punktuell wirksam ist. Eine strukturelle Eindämmung hängt dagegen von der Kooperation der betroffenen südostasiatischen Staaten ab.

Für Anleger dürfte der Fall vor allem als Erinnerung daran dienen, wie ausgefeilt und industriell organisiert Krypto-Anlagebetrug inzwischen abläuft. Der von den Tätern intern verwendete Begriff „Pig Butchering“ beschreibt ein Vorgehen, bei dem Opfer über Wochen oder Monate emotional gewonnen werden, bevor sie zur Einzahlung auf gefälschte Plattformen gebracht werden. Die Scam Center Strike Force wurde im November 2025 nach einer Durchführungsverordnung von Präsident Trump vom 6. März 2026 ausgeweitet und bündelt Ressourcen von Justizministerium, FBI, Secret Service, Außen- und Finanzministerium.