Die Debatte um eine staatliche US-Bitcoin-Reserve gewinnt an Tempo. Im Zentrum steht die Frage, ob die größte Volkswirtschaft der Welt künftig aktiv Bitcoin am Markt erwirbt – so, wie sie seit Jahrzehnten Goldreserven hält. Ein im Mai 2026 eingebrachter Gesetzentwurf, parallele Bemühungen im Senat und eine seit Wochen angekündigte Erklärung des Weißen Hauses verdichten sich zu einem Bild, das Befürworter als historischen Wendepunkt einordnen.
Faktische Grundlage ist zunächst der Bestand, den der Staat bereits hält. Die US-Regierung verfügt aktuell über rund 328.372 BTC im Gegenwert von etwa 25 Milliarden US-Dollar – größtenteils aus Beschlagnahmungen im Rahmen von Strafverfahren. Damit sind die USA der größte bekannte staatliche Bitcoin-Halter und kontrollieren etwa 1,56 Prozent des umlaufenden Angebots. Diese Coins stammen jedoch nahezu vollständig aus Einziehungen, nicht aus Käufen am offenen Markt. Genau hier verläuft die entscheidende Trennlinie der gesamten Diskussion.
Was der ARMA-Act konkret vorsieht
Den derzeit weitreichendsten Vorstoß bildet der American Reserve Modernization Act of 2026 (ARMA), eingebracht am 21. Mai 2026 von den Abgeordneten Nick Begich und Jared Golden. Der überparteiliche Entwurf sieht den Aufkauf von bis zu 200.000 Bitcoin pro Jahr über fünf Jahre vor, insgesamt also bis zu einer Million BTC unter Bundesaufsicht. Finanziert werden soll dies nicht über zusätzliche Steuergelder, sondern über eine Neubewertung der US-Goldreserven. Mehr als 20 Co-Sponsoren stehen hinter dem Gesetz, das nach Einbringung an den Finanzausschuss des Repräsentantenhauses überwiesen wurde.
Der publizierte Gesetzestext (H.R. 8957) enthält zwei Bedingungen, die den Charakter der Reserve prägen: Alle in der Reserve gehaltenen Bitcoin müssten mindestens 20 Jahre gehalten werden, und ein Verkauf wäre allein zur Tilgung der Staatsschulden zulässig. Damit wäre die Reserve weniger ein Handelsbestand als ein langfristiger Wertspeicher – die Parallele zur Goldfunktion, mit der Befürworter wie der Abgeordnete Pat Harrigan argumentieren, ist explizit gewollt.
Exekutive und Legislative auf zwei Spuren
Parallel zum Repräsentantenhaus treibt der Senat eigene Gesetzgebung voran. Senatorin Cynthia Lummis drängt mit ihrem BITCOIN Act auf eine Abstimmung und koordiniert sich nach eigenen Angaben mit Begich, um beide Kammern anzugleichen. Sollte der BITCOIN Act passieren, projizieren Beobachter den ersten offiziellen Bitcoin-Kauf des Finanzministeriums für das vierte Quartal 2026 – ein Schritt, der die USA zur ersten Nation machen würde, die Bitcoin aktiv als strategische Reserve akkumuliert.
Unabhängig vom Kongress hat das Weiße Haus eine Ankündigung in Aussicht gestellt. Patrick Witt, Exekutivdirektor des President’s Council of Advisors for Digital Assets, sprach wiederholt von einem juristischen Durchbruch und einer bevorstehenden Erklärung zu Struktur und rechtlichem Fundament der Reserve. Die Trennung ist dabei wichtig: Eine Exekutivmaßnahme kann den bestehenden Bestand sichern und das No-Sale-Prinzip festschreiben, neue Käufe am Markt erfordern jedoch eine Bewilligung durch den Kongress. Eine Exekutivorder allein wäre zudem von einer künftigen Regierung reversibel – weshalb Witt selbst betont, dass es flankierende Gesetzgebung braucht.
Markt bleibt bislang unbeeindruckt
Bemerkenswert ist die Reaktion des Kurses. Trotz des historischen Anspruchs der Vorhaben notierte Bitcoin zum Zeitpunkt der ARMA-Einbringung bei rund 77.000 US-Dollar und damit kaum verändert zum Vortag – und rund 34.000 Dollar unter dem Niveau ein Jahr zuvor. Der Markt preist die Pläne offenkundig vorsichtig ein. Das deckt sich mit der Einschätzung von Kritikern, die auf die ungeklärte Finanzierung und die zurückgenommene Haushaltsneutralität verweisen: Finanzminister Bessents Abkehr von budgetneutralen Käufen habe dem Vorhaben im Bankenausschuss ein zentrales Argument genommen.
Ob eine echte staatliche Nachfrage in der Größenordnung von bis zu 200.000 BTC jährlich entsteht, hängt damit weniger an Ankündigungen als am Gesetzgebungsweg. Realistisch gilt der Markup zum National Defense Authorization Act im späten Jahr 2026 als nächstes mögliches Vehikel zur dauerhaften Verankerung. Bis dahin bleibt die Reserve rechtlich das, was sie heute ist: ein großer, überwiegend aus Beschlagnahmungen gespeister Bestand ohne aktive Aufkaufstrategie.
Eigene Meinung
Die Distanz zwischen Schlagzeile und Substanz ist hier groß. Dass der Staat bereits 328.000 BTC hält, ist Fakt; dass er bald „Bitcoin wie Gold“ kauft, ist es nicht. Der entscheidende Hebel – aktive Käufe am offenen Markt – setzt zwingend eine Kongressbewilligung voraus, und genau dort ist der Ausgang offen. Die ruhige Kursreaktion erscheint mir folgerichtig: Der Markt unterscheidet sauber zwischen einer Absichtserklärung und einem durchfinanzierten Gesetz. Für Anleger ist die spannendere Frage nicht, ob Washington Bitcoin gut findet, sondern ob ARMA oder der BITCOIN Act ein Finanzierungsmodell finden, das im Senat eine Mehrheit trägt. Bis dahin bleibt der „historische Plan“ vor allem eine politische Richtungsansage – mit realem, aber noch nicht eingelöstem Marktpotenzial.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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