Eine unlizenzierte Krypto-Börse aus Dubai soll im Zentrum eines der größten bislang dokumentierten Netzwerke zur Umgehung von Iran-Sanktionen stehen. Über die Plattform namens Shelbit flossen seit Mai 2024 mindestens 676 Millionen US-Dollar zur weltgrößten Kryptobörse Binance. Rund 540 Millionen davon wurden bewegt, nachdem die Dubaier Aufsichtsbehörde VARA die Börse bereits im Januar 2025 wegen fehlender Lizenz sanktioniert hatte.
Shelbit als Drehscheibe eines 4-Milliarden-Netzwerks
Betrieben wird Shelbit von einem iranischen Auswanderer, der 2023 in Abwesenheit wegen illegalen Glücksspiels verurteilt wurde. Die Börse hat seit Mai 2024 insgesamt mindestens 4 Milliarden US-Dollar abgewickelt. Zu den Kunden zählt ein Geflecht aus mehr als 2.000 Farsi-sprachigen Glücksspielseiten, über die allein rund 250 Millionen US-Dollar liefen.
Darüber hinaus interagierte Shelbit direkt mit der iranischen Zentralbank sowie mit Wallets, die den Revolutionsgarden (IRGC) zugeordnet werden. Ermittler dokumentierten mindestens 125 Millionen US-Dollar aus der Zentralbank und weitere 20 Millionen aus einem mutmaßlichen iranischen Bitcoin-Mining-Betrieb. Eine physische Website existiert nicht – der operative Sitz liegt über einem Budget-Hotel im Dubaier Stadtteil Deira.
Binance weist direkte Verbindung zurück
Binance erklärte, Shelbit habe nie ein eigenes Konto auf der Plattform gehalten. Konten von Nutzern mit Bezug zu Shelbit seien untersucht, eingefroren und den Behörden gemeldet worden. Die Börse widersprach Teilen der zugrunde liegenden Analyse, bestritt jedoch nicht, Gelder mit Shelbit-Bezug verarbeitet zu haben. Ein unabhängiger Blockchain-Forscher gibt an, Binance bereits im Oktober 2025 vor Shelbit gewarnt zu haben – der Geldfluss setzte sich dennoch fort.
US-Finanzministerium prüft – Haftung auch ohne Vorsatz möglich
Brisant wird der Fall durch die regulatorische Dimension. Das US-Finanzministerium prüft die Vorwürfe. Eine formelle Aufnahme der Shelbit-Adressen in die Sanktionslisten der Behörde OFAC würde Transaktionen für US-Personen und -Unternehmen illegal machen. Entscheidend ist dabei der Strict-Liability-Standard: Sanktionsverstöße können ohne Nachweis geahndet werden, dass eine Börse die Transaktionen wissentlich ermöglicht hat.
Für Binance ist das besonders heikel. Die Börse hatte sich 2023 in einem Vergleich mit US-Behörden schuldig bekannt und über 4,3 Milliarden US-Dollar Strafe akzeptiert – verbunden mit der Auflage eines dreijährigen unabhängigen Compliance-Monitors. Der aktuelle Fall reiht sich in ein wiederkehrendes Muster ein: Als die USA 2022 und 2023 Druck auf Binance ausübten, wanderten iranische Kapitalflüsse zunächst zu einer anderen Krypto-Börse ab. Nachdem diese im Juni 2026 aufflog, lief Shelbit bereits über ein Jahr. Das Netzwerk kollabiert nicht, wenn ein Knoten getroffen wird – es verlagert sich.

Alex Merten hat Wirtschaftswissenschaften mit Fokus auf Geldpolitik und digitale Märkte studiert. Seit mehr als 5 Jahren analysiert er die Entwicklungen im Krypto- und Finanzsektor und beschäftigt sich besonders mit der Rolle von Bitcoin in einem globalen Marktumfeld. Neben makroökonomischen Einschätzungen liegt sein Fokus auf datenbasierten Kursprognosen, Marktanalysen und verständlich aufbereiteten Infografiken. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er auch Beiträge auf cryptonews.com und 99bitcoins.com. Bei seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf Faktentreue, Relevanz und eine klare Einordnung des täglichen Marktgeschehens.
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