Im Streit um angebliche Iran-Geschäfte der weltgrößten Krypto-Börse stehen sich zwei Darstellungen gegenüber, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Auf der einen Seite das Wall Street Journal, das Binance über Monate mit einer Serie von Enthüllungen konfrontiert. Auf der anderen Seite Binance selbst, das die Vorwürfe zurückweist und die Zeitung inzwischen sogar verklagt. Der jüngste Bericht über rund 850 Millionen US-Dollar ist nur das neueste Kapitel eines deutlich größeren Konflikts.
Auslöser der aktuellen Runde ist ein Bericht des Wall Street Journal, wonach der iranische Finanzier Babak Zanjani über ein verdecktes Zahlungsnetzwerk rund 850 Millionen US-Dollar über Binance abgewickelt haben soll. Den internen Compliance-Unterlagen zufolge lief ein Großteil über ein einziges Konto, das bis Ende 2025 aktiv war. Etwa die Hälfte der Summe – rund 425 Millionen US-Dollar – soll laut den vom Journal zitierten Experten der Finanzierung iranischer Militärstrukturen gedient haben. Zanjanis Firma Zedcex war demnach in London registriert und zählte die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) zu ihren Kunden.
Binance widerspricht und nennt eigene Zahlen
Binance-CEO Richard Teng wies die Darstellung öffentlich auf der Plattform X als „grundlegend unzutreffend“ zurück. Die genannten Transaktionen hätten stattgefunden, bevor die beteiligten Personen überhaupt sanktioniert worden seien. Binance habe die Aktivitäten zudem bereits intern untersucht, bevor das Journal die Börse kontaktiert habe.
Entscheidend ist eine Zahl, die in vielen Berichten untergeht: Binances eigene Prüfung soll lediglich 24 Millionen US-Dollar an Wallets ergeben haben, die der IRGC zuzuordnen sind. Zwischen dieser Angabe und den kursierenden Milliardensummen klafft eine erhebliche Lücke. Genau dieser Abstand zwischen der Darstellung der Börse und der Darstellung praktisch aller anderen Beteiligten ist der Kern des Konflikts.
Vom Bericht zur Klage: Der Streit eskaliert juristisch
Was die Sache von einer reinen Schlagzeile unterscheidet, ist die juristische Eskalation. Bereits im März reichte Binance beim US-Bezirksgericht für den Southern District of New York eine Verleumdungsklage gegen Dow Jones ein, den Verlag des Wall Street Journal. Vorgeworfen werden „falsche und diffamierende“ Aussagen über die Compliance-Praktiken der Börse, insbesondere die Behauptung, Binance habe Mitarbeiter entlassen, die auf verdächtige Geldflüsse hingewiesen hätten. Binance bestreitet das: Personalabgänge seien auf Verstöße gegen interne Datenschutzregeln zurückzuführen gewesen.
Parallel läuft eine Untersuchung des US-Justizministeriums zu der Frage, ob iranische Netzwerke die Börse zur Sanktionsumgehung genutzt haben. Ob Binance selbst Ziel der Ermittlungen ist oder nur die Kunden der Plattform, ist bislang nicht geklärt.
Politischer Druck aus dem US-Senat
Der Fall hat längst eine politische Dimension erreicht. Eine Gruppe von US-Senatoren um Richard Blumenthal, Elizabeth Warren, Chris Van Hollen und Ruben Gallego forderte in Schreiben im April und Mai 2026 Aufklärung von Justizministerium und Finanzministerium – sowohl zum Stand der Compliance bei Binance als auch zur Wirksamkeit des Überwachungsprogramms, das die Börse seit ihrem Schuldeingeständnis von 2023 erfüllen muss. Damals hatte sich Binance in einem Vergleich über 4,3 Milliarden US-Dollar zu Verstößen gegen Geldwäsche- und Sanktionsgesetze bekannt.
Der Hintergrund ist ein größeres Muster: Immer wieder gibt es Berichte, wonach Staaten digitale Vermögenswerte nutzen, um westliche Sanktionen zu umgehen. Für Binance ist die zentrale Frage damit weniger eine einzelne Summe als vielmehr, ob das Vertrauen in die eigene Compliance-Architektur Bestand hat – vor Gericht, gegenüber den Aufsichtsbehörden und in der politischen Arena.
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Alex Merten hat Wirtschaftswissenschaften mit Fokus auf Geldpolitik und digitale Märkte studiert. Seit mehr als 5 Jahren analysiert er die Entwicklungen im Krypto- und Finanzsektor und beschäftigt sich besonders mit der Rolle von Bitcoin in einem globalen Marktumfeld. Neben makroökonomischen Einschätzungen liegt sein Fokus auf datenbasierten Kursprognosen, Marktanalysen und verständlich aufbereiteten Infografiken. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er auch Beiträge auf cryptonews.com und 99bitcoins.com. Bei seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf Faktentreue, Relevanz und eine klare Einordnung des täglichen Marktgeschehens.
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