Der US-Vermögensverwalter Grayscale hat am Freitag vier Blockchains benannt, die seiner Einschätzung nach am besten aufgestellt sind, um institutionelles Kapital aufzunehmen, sobald der CLARITY Act in Kraft tritt: Ethereum, Solana, BNB Chain und Canton Network. Die Begründung des Unternehmens ist nüchtern: Es geht nicht um Kursfantasie, sondern um die Frage, welche Netzwerke heute schon den Großteil der Aktivität bei tokenisierten Vermögenswerten, Stablecoins und DeFi abwickeln.
Grayscale-Forschungschef Zach Pandl fasst die These so zusammen: Reguliertes Kapital fließt zuerst dorthin, wo bereits eine tiefe Nutzungsbasis existiert. Anders gesagt – die etablierten Player profitieren überproportional, weil sie schon an die Infrastruktur der traditionellen Finanzwelt angebunden sind. Das ist eine bewusste Absage an die verbreitete Vorstellung, regulatorische Klarheit würde vor allem kleinen Coins zum Durchbruch verhelfen.
Warum genau diese vier Blockchains?
Grayscale ordnet die Netzwerke entlang dreier Kennzahlen ein. Bei tokenisierten Vermögenswerten mit voller On-Chain-Funktionalität führt Ethereum, gefolgt von BNB Chain und Solana. Beim Stablecoin-Angebot – gemessen sowohl an der Versorgung als auch am Transaktionsvolumen – stechen dieselben drei Netzwerke heraus. Und bei DeFi, gemessen am Total Value Locked und der Anwendungsaktivität, sind erneut Ethereum, Solana und BNB Chain die Anführer. Der gesamte in DeFi gebundene Wert liegt derzeit bei rund 82 Milliarden US-Dollar.
Canton Network nimmt eine Sonderrolle ein. Die auf Datenschutz ausgelegte Layer-1-Blockchain wurde gezielt für regulierte Institutionen gebaut. Über sie läuft inzwischen der Tokenisierungs-Pilot für US-Staatsanleihen der DTCC, zu den Validierern zählen J.P. Morgan, HSBC und Visa. Canton begründet seine Relevanz mit harten Zahlen: Täglich würden über das Netzwerk 350 Milliarden US-Dollar abgewickelt, bei mehr als 6 Billionen US-Dollar in tokenisierten realen Vermögenswerten.
Über die vier Kernkandidaten hinaus nennt Grayscale eine zweite Reihe möglicher Profiteure: Avalanche, die Ethereum-Layer-2-Netzwerke Base und Arbitrum, das auf Perpetuals fokussierte Hyperliquid sowie das stablecoin-lastige Tron. Auch Bitcoin geht laut Grayscale nicht leer aus – zwar unterstützt es keine nativen Smart Contracts, profitiert aber als sicherstes Asset und führendes Sicherheitsmittel der Branche von mehr regulatorischer Klarheit.
Ein wichtiges Detail: Canton, nicht Cardano
Hier lohnt ein genauer Blick, denn mehrere Medien haben die Liste falsch wiedergegeben. Einige Outlets nannten Cardano statt Canton Network als vierte Blockchain. Die Grayscale-Originalquelle spricht jedoch eindeutig von Canton. Die Verwechslung ist nicht trivial: Canton zielt auf institutionelle Datenschutz-Anwendungen ab, während Cardano eine völlig andere Marktposition besetzt. Wer die Liste als Orientierung nutzt, sollte die korrekte Version kennen.
Der Haken: Der Zeitplan im Senat
So konkret die Coin-Liste ist – der entscheidende Vorbehalt steckt im Gesetzgebungsprozess selbst. Der Digital Asset Market Clarity Act passierte am 14. Mai mit 15 zu 9 Stimmen den Bankenausschuss des Senats. Das Gesetz würde die Aufsicht über Kryptowährungen zwischen SEC und CFTC aufteilen und liegt nun dem gesamten Senat vor.
Damit ist die Hürde aber keineswegs genommen. Für die endgültige Verabschiedung sind 60 Stimmen nötig – der Erfolg hängt also von der Unterstützung der Demokraten ab. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Das Gesetz konkurriert im Juni um knappe Floor-Time mit anderen Vorhaben, darunter Haushalts-Reconciliation, die Verlängerung des FISA und ein bereits vom Repräsentantenhaus verabschiedetes Wohnungsbaugesetz. Der Weg von der Ausschuss-Abstimmung zum unterschriebenen Gesetz ist damit alles andere als ein Selbstläufer.
Was bedeutet das für Anleger im DE-Markt?
Für deutsche Krypto-Anleger ist die Grayscale-Analyse vor allem als Strukturhinweis interessant, weniger als kurzfristiges Trading-Signal. Die Botschaft lautet: Sollte sich der regulatorische Rahmen in den USA verfestigen, dürften die Netzwerke mit der größten realen Nutzung – ETH, SOL, BNB – die ersten institutionellen Zuflüsse sehen. Das deckt sich mit der Logik, dass professionelles Kapital Risiko meidet und auf etablierte Infrastruktur setzt.
Gleichzeitig gilt es, zwei Dinge auseinanderzuhalten. Erstens ist die Liste eine Prognose unter der Bedingung, dass der CLARITY Act tatsächlich kommt – und dieser Eintritt ist, wie gezeigt, zeitlich und politisch unsicher. Zweitens betrifft das Gesetz US-Regulierung; für europäische Anleger ist der unmittelbar geltende Rahmen weiterhin MiCA. Eine US-Klarheit kann zwar global auf Stimmung und Kapitalflüsse wirken, ersetzt aber nicht die hiesige Rechtslage. Wer auf Basis solcher Analysen Positionen aufbaut, sollte das Szenario-Charakter der Aussage im Blick behalten und nicht von einem garantierten Zeitplan ausgehen.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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