Der MVRV Z-Score liegt Mitte Juli 2026 bei rund 0,39. Das klingt nach einer beliebigen Zahl, ist aber für viele On-Chain-Analysten die wichtigste offene Frage dieses Bitcoin-Zyklus. Denn in vier Bärenmärkten seit 2011 fiel dieser Wert am Zyklustief jedes Mal unter null. Dieses Mal nicht.
Wer den Indikator nicht kennt: Der MVRV vergleicht zwei Zahlen miteinander. Die erste ist der Marktwert aller Bitcoin, also schlicht Preis mal Umlaufmenge. Die zweite ist der sogenannte Realized Value. Dafür wird jeder einzelne Bitcoin nicht mit dem heutigen Preis bewertet, sondern mit dem Preis, zu dem er zuletzt on-chain bewegt wurde. Vereinfacht gesagt: Was hat der Markt im Durchschnitt für seine Coins bezahlt? Aktuell liegt dieser realisierte Preis nach Daten von BGeometrics bei etwa 52.500 US-Dollar.
Der Z-Score setzt die Differenz zwischen beiden Werten dann noch ins Verhältnis zur historischen Schwankungsbreite. Das Ergebnis ist eine dimensionslose Kennzahl, die sich über Zyklen hinweg vergleichen lässt. Werte über sieben markierten in der Vergangenheit Zyklushochs. Werte unter null markierten Böden.
Bitcoin MVRV Z-Score aktuell: die Zahlen im Überblick
Der aktuelle MVRV-Ratio liegt bei 1,19. Der Markt sitzt also im Schnitt auf einem Buchgewinn von rund 19 Prozent. Das ist historisch betrachtet ein sehr niedriger Wert, aber eben kein negativer.
Das Tief dieses Zyklus fiel in den Juni 2026. Nach Daten von BitBo erreichte der Z-Score damals 0,24 und damit knapp die Oberkante jener Zone, die Analysten als Akkumulationsbereich bezeichnen. Je nach Datenanbieter kursieren leicht abweichende Werte, weil Glassnode, Coinglass und BGeometrics den realisierten Wert unterschiedlich berechnen. An der Grundaussage ändert das nichts: Die Nulllinie wurde in diesem Zyklus bislang nicht unterschritten.
Zum Vergleich die Tiefstwerte vergangener Zyklen: 2011 lag der Z-Score im Bärenmarkttief deutlich im negativen Bereich, ebenso 2015, 2018 und 2022. Vier von vier Zyklen, keine Ausnahme. Genau darauf stützt sich die These, dass der Boden diesmal noch aussteht.
Warum steigt der MVRV Z-Score nicht mehr so stark aus?
Hier lohnt ein genauer Blick auf die Formel, denn sie enthält eine eingebaute Verzerrung, die in der Diskussion meist untergeht.
Der Z-Score teilt die Differenz aus Marktwert und realisiertem Wert durch die Standardabweichung des Marktwerts über die gesamte Historie. Dieser Nenner wächst mit jedem Jahr, das an Kursdaten hinzukommt. Je länger die Zeitreihe, desto größer die kumulierte Schwankungsbreite und desto stärker werden neue Ausschläge rechnerisch gestaucht.
Das erklärt, warum die Extremwerte in jedem Zyklus schwächer ausfielen. Der Spitzenwert von 2011 wurde nie wieder erreicht, der von 2017 ebenfalls nicht. Nach oben akzeptieren Analysten diese Abschwächung inzwischen selbstverständlich. Niemand wartet mehr auf einen Z-Score von zwölf, um von einem Zyklushoch zu sprechen.
Nach unten wird derselbe Effekt jedoch ignoriert. Wenn ein Indikator seine Obergrenze nachweislich nicht mehr erreicht, weil sein Nenner wächst, dann gilt das für die Untergrenze genauso. Ein Wert von 0,24 im Jahr 2026 ist statistisch möglicherweise dasselbe Signal wie ein Wert von minus 0,3 im Jahr 2018. Das ist kein Strukturbruch, sondern schlicht Mathematik.
Bitcoin Prognose: die zwei gängigen Deutungen
In der Debatte stehen sich zwei Lager gegenüber.
Die erste Lesart: Der finale Abverkauf steht noch aus. Die Kostenbasis des Marktes wird ein letztes Mal getestet, schwache Hände geben ab, und erst danach ist der Boden tragfähig. So verlief es in jedem bisherigen Zyklus, und wer diesem Muster folgt, wartet auf tiefere Kurse.
Die zweite Lesart: Die Marktstruktur hat sich verändert. Spot-ETFs, börsennotierte Treasury-Unternehmen und institutionelle Käufer absorbieren Verkaufsdruck, bevor er die alten Extremzonen erreicht. Wer in diesem Umfeld auf ein Signal aus einer anderen Marktphase wartet, läuft dem Markt hinterher.
Beide Deutungen haben eine Schwäche gemeinsam. Ein Boden lässt sich grundsätzlich erst rückwirkend bestätigen. Die Aussage, der Boden stehe noch aus, ist deshalb nicht überprüfbar, solange der Markt nicht ohnehin schon gedreht hat. Wer sie als Prognose verkauft, verkauft eine Tautologie.
Diese Kennzahlen sind derzeit aussagekräftiger
Statt auf eine einzelne Schwelle zu starren, lohnt der Blick auf drei ergänzende Größen.
Die Realized Cap zeigt, ob trotz fallender Kurse frisches Kapital in das Netzwerk fließt. Steigt sie, während der Preis sinkt, kaufen Anleger auf niedrigerem Niveau und heben die durchschnittliche Kostenbasis an. Das ist der greifbarste Beleg für die These vom veränderten Marktumfeld, weil er sich nicht auf Erzählungen stützt, sondern auf tatsächlich bewegtes Kapital.
Der Short-Term-Holder-MVRV bildet nur Coins ab, die jünger als 155 Tage sind. Er reagiert deutlich schneller als der Gesamtindikator und zeigt, ob der Verkaufsdruck von kurzfristigen Käufern oder von Altbeständen ausgeht. Kapitulieren die kurzfristigen Halter, während die langfristigen still halten, spricht das für eine Bereinigung statt für einen strukturellen Bruch.
Das makroökonomische Umfeld liefert den dritten Filter. Die zehnjährige US-Staatsanleihe rentiert derzeit bei rund 4,58 Prozent, der Dollar-Index steht bei knapp 101, Gold notiert um 4.057 US-Dollar. Hohe Realzinsen und ein fester Dollar belasten langlaufende Risikoanlagen unabhängig davon, was die On-Chain-Daten zeigen. Eine Bewertung nahe der Kostenbasis wiegt weniger schwer, wenn die Liquiditätsbedingungen dagegen arbeiten.
Was Anleger daraus mitnehmen sollten
Der MVRV Z-Score bleibt eines der brauchbarsten Werkzeuge der Zyklusanalyse. Er beschreibt präzise, wie weit der Preis von der durchschnittlichen Kostenbasis des Marktes entfernt ist, und er hat in der Vergangenheit Extremzonen zuverlässig markiert.
Was er nicht leistet: eine Schwelle liefern, deren Über- oder Unterschreiten mechanisch eine Entscheidung auslöst. Seine Skala verschiebt sich mit der Länge der Zeitreihe, und die Zusammensetzung der Marktteilnehmer hat sich seit 2018 messbar verändert. Beides spricht gegen die starre Anwendung historischer Grenzwerte.
Die relevante Frage lautet damit nicht, ob der Indikator noch funktioniert. Sie lautet, ob die Bedingungen, unter denen seine Grenzwerte ermittelt wurden, heute überhaupt noch gelten.
Ob man gerade jetzt Bitcoin kaufen sollte, wird aktuell kontrovers diskutiert. Wenn auch du mit dem Gedanken spielst, kann sich ein Blick auf unsere aktuelle BTC Prognose lohnen.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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