Langfristige Bitcoin-Investoren halten so viele Coins wie nie zuvor – und das ausgerechnet in einer Phase, in der ein Rekordanteil dieser Bestände unter dem Einstandspreis notiert. On-Chain-Daten zeichnen damit ein widersprüchliches Bild: Während die Buchverluste historische Ausmaße erreichen, deutet die wachsende Bestandsmenge auf anhaltende Akkumulation statt auf Kapitulation hin.
Bitcoin hat seit dem Oktober-Hoch über 126.000 US-Dollar mehrere Verkaufswellen durchlaufen. Auffällig ist, wie sich die Cohorte der erfahrenen Halter dabei verhält – und an welcher Stelle die verfügbaren Datenquellen voneinander abweichen.
Langzeithalter-Bestand auf Rekordniveau
Als Langzeithalter (Long-Term Holder, LTH) gelten Investoren, die ihre Bitcoin mindestens 155 Tage nicht bewegt haben. Diese Gruppe besitzt aktuell zwischen 16,3 und 16,7 Millionen BTC – je nach Erhebungszeitpunkt der höchste oder einer der höchsten jemals gemessenen Werte.
Bemerkenswert ist die Entwicklung: Zum Zeitpunkt des Allzeithochs im Oktober hielt diese Cohorte noch rund 14,1 Millionen BTC. Seither ist der Bestand um über zwei Millionen Coins gestiegen. Historisch verteilen Langzeithalter ihre Bestände in Euphoriephasen und kaufen in Schwächephasen zu. Der aktuelle Anstieg passt in dieses Muster und markiert nach Einschätzung mehrerer Analysten den Ausbruch aus einem mehrjährigen Abwärtstrend der LTH-Bestandskurve.
Zum Vergleich liegt der einzige höhere Vergleichswert im Januar 2024 mit rund 16,4 Millionen BTC – kurz vor dem Start der US-Spot-Bitcoin-ETFs. In den Monaten danach verteilte die Cohorte fast zwei Millionen BTC in den steigenden Markt hinein.
Wie viele Coins stehen im Minus? Hier driften die Daten auseinander
An dieser Stelle lohnt ein genauer Blick auf die Quellenlage, denn die kursierenden Zahlen widersprechen sich deutlich. Eine über soziale Medien verbreitete Auswertung auf Basis von Checkonchain-Daten beziffert die verlustbringenden LTH-Bestände auf rund 7,4 Millionen BTC und damit auf einen absoluten Rekord.
Etablierte On-Chain-Dienste kommen jedoch zu einem niedrigeren Wert. Glassnode-Analysten sowie der Marktbeobachter Scott Melker nennen rund 5,3 Millionen BTC, die bei Langzeithaltern im Minus stehen. Auch dieser Wert gilt als Rekord – er übersteigt das Niveau nach dem FTX-Kollaps und reicht an die Extremwerte des Corona-Crashs vom März 2020 heran.
Die Differenz von über zwei Millionen Coins erklärt sich vermutlich durch unterschiedliche Definitionen der Halter-Cohorte und abweichende Kostenbasis-Modelle. Für Anleger ist die Einordnung wichtiger als die exakte Zahl: Unabhängig vom konkreten Wert befindet sich ein historisch hoher Anteil erfahrener Halter auf dem Papier im Verlust. Über alle Cohorten hinweg sind nach verschiedenen Erhebungen rund 9 Millionen BTC und damit etwa 45 bis 46 Prozent des Gesamtangebots unter Wasser.
Halten oder verkaufen? Auch hier ist das Bild differenziert
Der naheliegende Frame lautet: Erfahrene Anleger halten trotz Verlusten eisern durch. Diese Lesart greift jedoch zu kurz. Die Daten zeigen, dass ein Teil der Langzeithalter sehr wohl verkauft – realisierte Verluste sind zwischenzeitlich auf rund 1,3 Milliarden US-Dollar pro Tag gestiegen, wovon Langzeithalter etwa 770 Millionen US-Dollar und damit knapp 60 Prozent ausmachten. Ein erheblicher Teil dieser Verkäufe stammt von Käufern nahe dem Zyklus-Hoch, die den Drawdown zunächst aussaßen und nun doch aussteigen.
Gleichzeitig verschwinden kurzfristige Spekulanten aus dem Markt: Der realisierte Gewinn-Verlust-Quotient kurzfristiger Halter ist auf ein Allzeittief gefallen, was Analysten als eine der ausgeprägtesten Kapitulationen kurzfristiger Halter in der Bitcoin-Historie werten.
Die belastbarere bullische Komponente liegt damit nicht im bloßen Durchhalten, sondern im Netto-Effekt: Trotz Verkäufen einzelner Halter wächst der LTH-Gesamtbestand. Unter dem Strich wandert mehr Angebot in feste Hände, als abgegeben wird.
Was die Daten bedeuten – und was nicht
Historisch treten derart extreme Verlustwerte häufig in den Spätphasen eines Bärenmarktes auf. Die Kombination aus Rekord-Bestand bei Langzeithaltern und Rekord-Buchverlusten deutet darauf hin, dass ein großer Teil des Verkaufsdrucks bereits verarbeitet sein könnte. Eine Garantie ist das nicht: Makroökonomische Faktoren wie Zinserwartungen, geopolitische Risiken und die allgemeine Marktstimmung können den Kurs weiter belasten.
Für Anleger – insbesondere für langfristig orientierte Investoren mit Interesse an On-Chain-Kennzahlen – ergibt sich ein nüchternes Fazit: Die überzeugtesten Halter bauen ihre Positionen netto aus, während ein Rekordvolumen im Minus steht. Ob daraus ein Boden entsteht oder eine weitere Abwärtsstufe folgt, lässt sich aus diesen Daten allein nicht ableiten. Sie beschreiben das Verhalten der Marktteilnehmer, nicht die künftige Kursrichtung.
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Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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