Im Streit um die richtige Bitcoin-Strategie meldet sich nun einer der prominentesten Köpfe der Branche zu Wort. Ripple-CEO Brad Garlinghouse hat das Vorgehen von Strategy-Gründer Michael Saylor in einem Interview mit dem US-Sender CNBC ungewöhnlich deutlich kritisiert. Saylors aggressives Finanzierungsmodell habe nicht nur dem eigenen Unternehmen, sondern dem gesamten Krypto-Markt geschadet.
Der Kern der Kritik: Saylor finanziere seine fortlaufenden Bitcoin-Käufe vor allem über sogenannte Vorzugsaktien und damit über Finanzkonstruktionen statt über echten Nutzen. Garlinghouse stellte klar, dass langfristiger Wert digitaler Vermögenswerte aus deren tatsächlicher Anwendung entstehe und nicht aus Hebelwirkung und immer neuen Schuldenrunden. Das Team um Michael Saylor habe sich auf die falschen Dinge konzentriert und damit dem Gesamtmarkt geschadet. Bemerkenswert ist dabei, dass Garlinghouse trotz dieser Schelte ausdrücklich bullisch für Bitcoin selbst bleibt. Er zog also eine klare Linie zwischen dem Asset Bitcoin und der Finanzarchitektur, die Saylor darum herum aufgebaut hat.
STRC-Aktie als Auslöser der Ripple-Attacke
Hintergrund der scharfen Worte ist die Entwicklung der Strategy-Vorzugsaktie STRC. Dieses Papier trägt eine jährliche Dividende von 11,5 Prozent und ist eigentlich darauf ausgelegt, nahe seinem Ausgabepreis von 100 US-Dollar zu notieren. Zuletzt rutschte die Aktie jedoch auf ein Rekordtief und lag zeitweise rund 26 Prozent unter diesem Niveau, also bei etwa 74 US-Dollar. Genau diesen Einbruch bezeichnete Garlinghouse als vernichtendes Urteil über Saylors gesamtes Vorgehen.
Der Mechanismus dahinter ist heikel: Solange STRC unter 100 US-Dollar notiert, kann Strategy kaum noch zu vorteilhaften Konditionen neue Aktien ausgeben. Damit gerät die gesamte Finanzierungsmaschine ins Stocken, denn ohne frisches Kapital kann das Unternehmen auch weniger Bitcoin nachkaufen. Verschärft wird die Lage durch die enormen laufenden Verpflichtungen. Die jährlichen Dividendenzahlungen rund um STRC summieren sich inzwischen auf rund 1,2 Milliarden US-Dollar, während das Polster zur Deckung dieser Zahlungen von einst über sieben Jahren auf nur noch etwa 14 Monate geschrumpft sein soll. Bereits Ende Mai musste Strategy erstmals Bitcoin verkaufen, um Dividenden zu bedienen. Auch die Stammaktie von Strategy fiel zuletzt auf den tiefsten Stand seit Februar 2024, parallel zum Rückgang des Bitcoin-Kurses unter die Marke von 59.000 US-Dollar.
Auch der Ripple-Chef steht in der Kritik
So pointiert Garlinghouses Vorwürfe sind, so wenig unumstritten ist der Ripple-Chef selbst. Aus Teilen der XRP-Community schlägt ihm seit Jahren Misstrauen entgegen, weil Ripple regelmäßig XRP aus seinem Treuhandkonto, dem sogenannten Escrow, freigibt. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, damit dauerhaften Verkaufsdruck auf den XRP-Kurs zu erzeugen, während die Führungsetage öffentlich stets positive Töne anschlage. Manche Stimmen sprechen offen von einem Widerspruch zwischen Worten und tatsächlichem Handeln und fordern als Vertrauensbeweis sogar einen millionenschweren Rückkauf.
Hinzu kommt ein älteres, von Garlinghouse selbst eingeräumtes Detail: Ripple wäre ohne den Verkauf von XRP über lange Zeit nicht profitabel gewesen. Vor diesem Hintergrund werten manche Beobachter seine harsche Kritik an Saylors Finanzierungsmodell als nicht ganz frei von Doppelmoral, schließlich finanziert auch Ripple einen Teil seines Geschäfts über den Verkauf des eigenen Tokens. Zudem warnen Analysten, dass ein möglicher Börsengang von Ripple den Druck zur planmäßigen Verwertung der riesigen XRP-Bestände sogar noch erhöhen könnte, um den Renditeerwartungen der Wall Street zu genügen.
Damit verdichtet sich der Eindruck eines grundsätzlichen Richtungsstreits in der Branche. Auf der einen Seite steht das Bitcoin-Treasury-Modell von Strategy, das auf reine Wertaufbewahrung und darauf aufgebaute Finanzprodukte setzt. Auf der anderen Seite positioniert sich Ripple als Anbieter konkreter Anwendungen im Zahlungsverkehr. Welches Modell sich als tragfähiger erweist, dürfte sich erst in den kommenden Monaten zeigen, wenn der Bitcoin-Kurs und die Finanzierungskosten beide Lager weiter unter Druck setzen.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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