Michael Saylor hat auf der Bitcoin-Konferenz BTC Prague für eine der größten Kontroversen seiner Karriere als Bitcoin-Vordenker gesorgt. Der Strategy-Gründer erklärte am 11. Juni vor Publikum, sein bekanntes Mantra „Verkaufe niemals deine Bitcoin“ sei stets als Ratschlag an Privatanleger gemeint gewesen – nicht als Versprechen des Unternehmens. „Ich habe euch gesagt: Verkauft niemals eure Bitcoin. Ich habe nie gesagt, dass das Unternehmen seine Bitcoin nicht verkaufen würde“, so Saylor nach einem Bericht des Informationsportals blocktrainer.de wörtlich. Das Problem: Dokumentierte Aussagen aus den vergangenen Jahren zeichnen ein anderes Bild.
Auslöser der Debatte ist der erste Bitcoin-Verkauf in der Geschichte von Strategy: Am 1. Juni legte das Unternehmen offen, zwischen dem 26. und 31. Mai 32 BTC für rund 2,5 Millionen US-Dollar veräußert zu haben. Der Verkaufspreis lag bei durchschnittlich 77.135 US-Dollar je Coin und damit über den ausgewiesenen Anschaffungskosten von 75.699 US-Dollar. Die Summe ist gemessen am Gesamtbestand vernachlässigbar – die Symbolwirkung war es nicht. Bitcoin verlor seit der Offenlegung rund 15 Prozent, die Strategy-Aktie (MSTR) büßte im selben Zeitraum etwa 24 Prozent ein.
Alte Zitate widerlegen die neue Lesart
Die Verteidigungslinie aus Prag hielt der Überprüfung durch die Community nur wenige Stunden stand. In sozialen Netzwerken kursieren inzwischen mehrere Videoausschnitte, in denen Saylor das Halteversprechen ausdrücklich auf das Unternehmen bezog. Noch im Februar erklärte er bei einem Auftritt, das Geschäft von Strategy bestehe darin, keine Bitcoin zu verkaufen – man habe „einen Doktortitel im Hodling“. Bei CNBC sagte er im selben Monat: „Wir werden nicht verkaufen. Wir werden Bitcoin kaufen.“ Im März 2025 beschrieb er die Unternehmensstrategie in einem Interview wörtlich als „weiter Bitcoin kaufen und niemals Bitcoin verkaufen“.
In Prag konterte Saylor die Kritik mit deutlichen Worten: Er weigere sich, „ein 100-Milliarden-Dollar-Unternehmen zu zerstören“, nur weil „ein Troll auf Twitter“ ihm sein altes Zitat vorhalte. Wer den Earnings Calls zugehört oder die Offenlegungen gelesen habe, wisse seit fünf Jahren, dass das Unternehmen Bitcoin verkaufe, wenn es nötig sei. Am Freitag legte er auf X nach: Er persönlich habe „keinen einzigen Sat verkauft“, Strategy akkumuliere weiter.
Tatsächlich hatte das Management den Kurswechsel kommunikativ vorbereitet. Bereits im Dezember 2025, im Zuge des Aufbaus der Dollar-Cash-Reserve, erklärte Saylor, Bitcoin könnten verkauft werden, wenn es im Interesse der Aktionäre liege. Hintergrund ist auch der Druck der Ratingagenturen: S&P hatte Strategy im Oktober 2025 nur das Rating B– zugestanden und unter anderem bemängelt, dass das Unternehmen vor Verkäufen zurückschrecke. Bei niedriger Aktienbewertung können Bitcoin-Verkäufe zudem die wirtschaftlich sinnvollere Alternative zur Ausgabe neuer, verwässernder Stammaktien sein – und sie signalisieren den Haltern der dividendenpflichtigen Vorzugsaktien, dass die Reserve im Ernstfall angezapft würde.
Großer Auftritt, kleiner Markteffekt
Die Bühne für den Schlagabtausch hätte kaum prominenter sein können: Die BTC Prague gilt als Europas größte Bitcoin-only-Konferenz und findet in ihrer vierten Ausgabe vom 11. bis 13. Juni im PVA Expo Center in Prag statt. Erwartet werden über 10.000 Teilnehmer und mehr als 200 Sprecher auf vier Bühnen – darunter neben Saylor unter anderem Vertreter von Tether, Strike und Twenty One. Dass die Verkaufsdebatte ausgerechnet dort eskalierte, wo das „Hodl“-Ethos gepflegt wird wie nirgendwo sonst in Europa, verleiht der Episode zusätzliche Brisanz.
Am Markt blieb die jüngste Wortmeldung ohne nennenswerte Reaktion. Die MSTR-Aktie legte in Bitcoin gerechnet am Freitag zeitweise sogar über 4 Prozent zu. Strategy hält nach dem jüngsten Zukauf von 1.550 BTC für rund 101 Millionen US-Dollar etwa 845.256 Bitcoin und bleibt damit mit Abstand größter Unternehmens-Halter weltweit. Die eigentliche Frage ist nun, ob das Unternehmen bei künftigen Dividenden- und Schuldenverpflichtungen erneut auf den Bestand zugreift – oder doch auf frisches Eigenkapital setzt.
Eigene Meinung
Der 32-BTC-Verkauf selbst ist betriebswirtschaftlich vertretbar und in der Größenordnung irrelevant. Problematisch ist die Kommunikation: Wer jahrelang ein absolutes Halteversprechen als Markenkern aufbaut, kann es nicht rückwirkend zum reinen Privatanleger-Ratschlag umdeuten – dafür ist die Beleglage zu eindeutig. Ein offenes „Wir haben unsere Position weiterentwickelt“ hätte weniger Vertrauen gekostet als das Abstreiten. Für Privatanleger heißt das: Wer MSTR oder die Vorzugsaktien hält, investiert in ein Finanzkonstrukt mit eigener Kapitalmarktlogik, nicht in ein Bitcoin-Gelübde. Und wer Bitcoin direkt hält, sollte Anlageentscheidungen ohnehin nicht an Mantras einzelner Akteure knüpfen, sondern an der eigenen Strategie und Risikotragfähigkeit. Glaubwürdigkeit ist bei einem Geschäftsmodell, das auf permanentem Kapitalmarktzugang basiert, kein weicher Faktor – sie ist die Geschäftsgrundlage.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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