Der größte Börsengang der Geschichte und ein zweistelliger Bitcoin-Einbruch fallen zeitlich zusammen – und im Netz kursiert prompt eine naheliegende Erklärung: Privatanleger sollen ihre Kryptobestände verkaufen, um sich Anteile am SpaceX-IPO zu sichern. Die Datenlage erzählt jedoch eine andere Geschichte.
SpaceX platziert bis zu 30 Prozent seines 75 Milliarden US-Dollar schweren Angebots direkt bei Privatanlegern – mehr als das Dreifache der üblichen Retail-Quote bei einem Börsengang dieser Größe. Der Ausgabepreis steht bei 135 US-Dollar je Aktie fest, die angestrebte Bewertung liegt bei rund 1,75 Billionen US-Dollar. Bepreist wird die Aktie am 11. Juni, der Handel unter dem Tickerkürzel SPCX an der Nasdaq beginnt am 12. Juni. Die Roadshow startete bereits überzeichnet.
Im selben Zeitfenster geriet Bitcoin massiv unter Druck. Die Kryptowährung notiert aktuell bei rund 60.666 US-Dollar und hat damit auf Wochensicht etwa 17,8 Prozent verloren – ein Rückgang von über 20 Prozent gegenüber dem Mai-Hoch.
Was die On-Chain-Daten wirklich zeigen
Der direkteste Indikator für abfließendes Krypto-Kapital sind Stablecoins. Wer Bitcoin verkauft, um ein Brokerage-Konto zu füllen, tauscht erst in USDC oder Tether und löst diese dann in Dollar ein. Genau hier zeigt sich nichts Auffälliges. Die Stablecoin-Abflüsse von den Börsen bewegen sich laut CryptoQuant im Rahmen der Werte seit Februar. Die größten Einzeltage lagen mit 2,5 Milliarden USDC und 3,6 Milliarden Tether zudem vor dem Ausverkauf.
Auch die hohen Bitcoin- und Ether-Abflüsse vom Freitag sprechen eher gegen die These. Rund 66.470 BTC und etwa 2,49 Millionen ETH verließen die Börsen – laut CryptoQuant eines der größten Tagesvolumina des Jahres. Ein solcher Abfluss bedeutet aber, dass Coins in private Wallets wandern, was typisch für Käufer und Dip-Käufe ist. Ein Verkauf würde das Gegenteil bewirken, nämlich Zuflüsse auf die Handelsplätze.
Die einzige klare Abflussquelle: ETFs
Wo tatsächlich Geld aus dem Kryptobereich floss, waren die Fonds. Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten 13 Handelstage in Folge Rücknahmen von zusammen rund 4,4 Milliarden US-Dollar – die längste Negativserie seit dem Start dieser Produkte im Januar 2024. Erst am 4. Juni beendete ein kleiner Zufluss die Serie. Ether-ETFs liefen mit 17 Tagen sogar noch länger negativ. Da der Emittent bei Rücknahmen die zugrunde liegenden Coins verkauft, handelt es sich hier um echte Verkäufe – allerdings nicht zwingend um Umschichtungen in den IPO. Analysten verweisen eher auf eine breite Risk-off-Bewegung und verschobene Zinssenkungserwartungen.
Bei aller Euphorie gibt es auch Gegenstimmen zur SpaceX-Bewertung. Der unabhängige Research-Anbieter Morningstar taxiert das Unternehmen auf rund 780 Milliarden US-Dollar – etwa 55 Prozent unter dem IPO-Ziel – und hält die Aktie für deutlich überbewertet. Anleger fänden vermutlich attraktivere Einstiegspunkte erst nach dem Auslaufen der Sperrfristen.
Beweis steht noch aus
Die ehrliche Antwort lautet daher: Noch lässt sich die Umschichtungs-These nicht belegen. On-Chain-Daten haben einen blinden Fleck, denn ein Verkauf von Bitcoin gegen Dollar innerhalb eines Robinhood- oder Coinbase-Kontos berührt keine öffentliche Blockchain. Klarheit bringen erst die Broker-Zahlen: Robinhood meldet die Krypto-Volumina für Juni Mitte Juli, Coinbase schlüsselt das Privatkundengeschäft im Quartalsbericht auf.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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