Michael Saylor hat am Montag den nächsten Bitcoin-Kauf gemeldet: 535 BTC für rund 43 Millionen US-Dollar, durchschnittlich 80.340 Dollar pro Coin. Strategy hält damit 818.869 BTC, gekauft für rund 61,86 Milliarden Dollar zu einem Durchschnittspreis von 75.540 Dollar. Die Käufe der vergangenen Woche wurden über die laufenden Aktienprogramme MSTR (42,9 Millionen Dollar) und STRC (0,1 Millionen Dollar) finanziert. Year-to-date weist Strategy eine BTC-Yield von 9,4 Prozent aus.
Der Kauf wirkt auf den ersten Blick wie business as usual. Tatsächlich markiert er den Beginn einer Phase, in der zum ersten Mal seit Saylors „never sell“-Doktrin von 2020 ein konkreter Auslöser für Bitcoin-Verkäufe auf dem Tisch liegt – und der ist nicht ideologisch, sondern mathematisch.
Polymarket: 13 % vor dem Earnings-Call, jetzt 83 %
Wie radikal sich die Marktwahrnehmung gedreht hat, zeigt die Prognosebörse Polymarket. Vor dem Q1-Call am 5. Mai lag die Wahrscheinlichkeit, dass Strategy bis Jahresende Bitcoin verkauft, bei 13 Prozent. Aktuell stehen die Wetten bei 83 Prozent für einen Verkauf bis zum 31. Dezember 2026. Selbst für einen Verkauf bereits bis Ende Juni preist der Markt eine Wahrscheinlichkeit von rund 67 Prozent ein.

Auslöser war ein Satz von Saylor, der in der deutschen Berichterstattung bislang unterschätzt wurde. Auf dem Earnings-Call sagte er, Strategy werde „wahrscheinlich etwas Bitcoin verkaufen, um eine Dividende zu zahlen – einfach, um den Markt zu impfen und die Botschaft zu senden, dass wir es getan haben.“ CEO Phong Le legte später nach: „Ich glaube an Mathematik, nicht an Ideologie.“
Die Schwelle, die alles entscheidet: mNAV
Um zu verstehen, warum der Markt jetzt mit einem Verkauf rechnet, hilft eine Kennzahl: der mNAV. Das ist nichts anderes als das Verhältnis zwischen dem Börsenwert von Strategy und dem reinen Marktwert seiner Bitcoin-Bestände.
Liegt der mNAV über 1, ist Strategy an der Börse mehr wert als seine Bitcoin – Anleger zahlen also einen Aufschlag auf den reinen Coin-Bestand.
Liegt der mNAV unter 1, ist Strategy weniger wert als seine Bitcoin – die Aktie handelt mit Abschlag.
Solange ein Aufschlag besteht, kann Strategy neue Aktien ausgeben, mit dem Erlös Bitcoin kaufen und damit den Bitcoin-Bestand pro Aktie sogar erhöhen. Genau das ist Saylors Geschäftsmodell. Fällt der Aufschlag weg, funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr – jede neue Aktienausgabe würde die bestehenden Aktionäre verwässern, statt sie reicher zu machen.
Der Druck kommt von den Vorzugsaktien
Das Problem liegt im Finanzierungsinstrument, das Strategy als „Bitcoin Accretion Engine“ feiert: die STRC-Vorzugsaktien. Sie zahlen eine variable Dividende und sollen nahe ihrem Nennwert von 100 Dollar handeln. Um diesen Kurs zu halten, musste Strategy die Dividende seit dem Launch im Juli 2025 in sieben Schritten von 9 auf 11,5 Prozent erhöhen. Jährlich werden so 1,5 Milliarden Dollar an Dividenden fällig.
BitMEX Research beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass der mNAV in der zweiten Jahreshälfte 2026 unter 1,0 fällt, mit 70 Prozent. Geschieht das, ist der Verkauf von Bitcoin keine Option mehr, sondern Pflicht – um Dividenden zu zahlen, Wandelanleihen zu bedienen oder eigene Aktien zurückzukaufen.
Der bilanzielle Trick im Hintergrund
Hinzu kommt eine steuerliche Komponente, die kaum als Zufall durchgeht. Im ersten Quartal verbuchte Strategy nach den seit Januar 2025 geltenden FASB-Fair-Value-Regeln einen unrealisierten Verlust von 12,54 Milliarden Dollar. Über 434.000 BTC wurden zu Preisen oberhalb von 80.000 Dollar gekauft. Daraus entstand ein latenter Steueranspruch von 2,2 Milliarden Dollar bei einem effektiven Steuersatz von 29 Prozent.
Verkauft Strategy aufgewertete Bitcoin im aktuellen Erholungsumfeld, lassen sich damit künftige Gewinne steuerlich neutralisieren. Genau dieses Manöver hat Strategy im Dezember 2022 schon einmal durchgespielt – damals 704 BTC bei 16.776 Dollar, zwei Tage später wieder zurückgekauft. Der steuerliche Tax-Loss-Harvest war erfolgreich, der Bitcoin-Bestand blieb unverändert. Die Logik heute ist dieselbe, nur die Dimension eine andere.
Saylors Konter: das 20-zu-1-Argument
Auf einer Podcast-Tour am Wochenende ruderte Saylor verbal zurück. Pro verkauftem Bitcoin werde Strategy 10 bis 20 neue kaufen. „You should be a net accumulator of bitcoin“, sagte er. „Wenn ich gesagt habe ‚never sell your bitcoin‘, meinte ich: Wenn du etwas damit bezahlst, sorge dafür, dass du es in der gleichen Zeit wieder auffüllst.“
Das mag stimmen, solange die Kapitalmaschine läuft. Sie läuft aber nur, solange STRC-Investoren weiter zum Nennwert kaufen, der mNAV oberhalb von 1,22 bleibt und Bitcoin im Schnitt mindestens 2,3 Prozent pro Jahr zulegt – der Schwellenwert, den Saylor selbst als Mindestrendite zur Dividendendeckung nannte.
Peter Schiff hat aus einer anderen Richtung eingeworfen, was viele übersehen: Im Ernstfall werde Saylor die Bitcoin-Reserven über die STRC-Investoren stellen – also lieber die Dividende aussetzen als die Bitcoin verkaufen. Damit wäre nicht der „never sell“-Stil verteidigt, sondern die Kreditwürdigkeit der STRC-Konstruktion zerstört.
Die strukturelle Frage für den gesamten Sektor
Strategy ist mit 818.869 BTC weiterhin der mit großem Abstand größte Corporate-Holder. Twenty One Capital folgt mit 43.514 BTC, Metaplanet mit 40.177 BTC, MARA Holdings mit 38.689 BTC. Bei den meisten Wettbewerbern läuft der Mechanismus bereits rückwärts: Metaplanet handelt bei einem mNAV von 0,99, Strive bei 0,83, OranjeBTC bei 0,81, Nakamoto Inc. bei 0,22. Rund 15 Prozent aller Digital-Asset-Treasury-Firmen handeln laut Forbes inzwischen unter ihrem Bitcoin-Bilanzwert.
Was bei Strategy bisher als selbstverstärkender Mechanismus wirkte – hoher Aufschlag ermöglicht Aktienemission, ermöglicht BTC-Käufe, ermöglicht höheren Aufschlag – kippt im gesamten Sektor. Strategy hat den Punkt noch nicht erreicht, aber durch die offizielle 1,22-Regel selbst definiert, wann der Schalter umgelegt wird.
Einordnung
Drei Datenpunkte werden in den kommenden Wochen die Richtung vorgeben: erstens die Entwicklung des mNAV relativ zur 1,22-Schwelle, zweitens die STRC-Dividendenrate als Frühindikator für die Refinanzierungskosten der Kapitalmaschine, drittens das Volumen der MSTR- und STRC-Aktienprogramme als Beleg dafür, ob die Aktienseite noch frisches Kapital aufnimmt.
Solange diese drei Faktoren intakt bleiben, ist der nächste 535-BTC-Kauf nur das nächste in einer langen Reihe. Kippt einer davon, bekommt Saylors „Impf-Verkauf“ eine ganz andere Größenordnung – und Polymarket wird recht behalten.

Alex Merten hat Wirtschaftswissenschaften mit Fokus auf Geldpolitik und digitale Märkte studiert. Seit mehr als 5 Jahren analysiert er die Entwicklungen im Krypto- und Finanzsektor und beschäftigt sich besonders mit der Rolle von Bitcoin in einem globalen Marktumfeld. Neben makroökonomischen Einschätzungen liegt sein Fokus auf datenbasierten Kursprognosen, Marktanalysen und verständlich aufbereiteten Infografiken. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er auch Beiträge auf cryptonews.com und 99bitcoins.com. Bei seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf Faktentreue, Relevanz und eine klare Einordnung des täglichen Marktgeschehens.