Der bekannte Blockchain-Ermittler ZachXBT hat heute ein koordiniertes Betrugsnetzwerk auf der Plattform X (ehemals Twitter) aufgedeckt. Mehr als zehn miteinander verknüpfte Accounts sollen gezielt mit reißerischen Kriegs- und Geopolitik-Inhalten Millionen von Aufrufen generiert haben – um Nutzer anschließend in Krypto-Betrugsmaschen zu locken.
Wie die Masche funktionierte
Die Accounts wurden laut ZachXBT mit bereits bestehenden Follower-Basen gekauft und dann systematisch umfunktioniert. Sie verbreiteten übertriebene oder frei erfundene Berichte über militärische Konflikte und politische Krisen – sogenannte „Doomposts“ – die sich durch ihre emotionale Wirkung schnell viral verbreiteten. Sobald die Reichweite ihren Höhepunkt erreichte, schwenkten die Accounts auf gefälschte Krypto-Giveaways und Pump-and-Dump-Schemata um.
Zur Verstärkung setzten die Hintermänner KI ein, um prominente Social-Media-Persönlichkeiten zu imitieren – darunter etwa Mario Nawfal. Onchain-Daten deuten laut ZachXBT darauf hin, dass das Netzwerk damit sechsstellige Gewinne erzielte. Ein konkretes Beispiel: Am 22. Februar wurde über diese Accounts ein Pump-and-Dump-Token namens „Oramama“ beworben.
Größere Accounts unbewusst als Verstärker missbraucht
Besonders tückisch: ZachXBT identifizierte zahlreiche große, legitime Accounts, die auf die Beiträge reagierten oder sie zitierten – ohne zu merken, dass sie dadurch die Reichweite der Betrugsoperatoren steigerten. Ein klassischer Fall von unbewusster Komplizenschaft durch algorithmisches Engagement.
Der Fund kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt für X. Erst letzten Monat kündigte Produktchef Nikita Bier verbesserte Anti-Bot-Maßnahmen an, darunter neue Erkennungssysteme und Kennzeichnungen für KI-generierte Inhalte. Die Enthüllung von ZachXBT zeigt jedoch, dass koordinierte Netzwerke diese Maßnahmen weiterhin umgehen können – besonders wenn sie mit gekauften Echtaccounts operieren statt mit frisch erstellten Bots.
Warnung und Liste der Verdächtigen
ZachXBT veröffentlichte eine Liste der mutmaßlich beteiligten X-Accounts, damit die Öffentlichkeit sie im Blick behalten kann, falls die Betreiber Nutzernamen ändern oder Accounts löschen. Er rief Nutzer außerdem dazu auf, bei sensationalistischen Posts grundsätzlich zuerst Profil und Accounthistorie zu prüfen, bevor sie interagieren oder teilen. Das Netzwerk sei möglicherweise noch aktiv und bereite bereits die nächste Kampagne vor, warnte der Ermittler.
Einordnung von boersen-parkett.de: KI macht Krypto-Betrug skalierbarer
Was diesen Fall über einen gewöhnlichen Scam hinaushebt, ist der Einsatz von KI zur Imitation echter Persönlichkeiten – kombiniert mit einem bewusst gewählten emotionalen Aufhänger. Krieg und Krisen erzeugen reflexartige Reaktionen, die kritisches Denken kurzschließen. Genau das machen sich Bitcoin-Betrug und Krypto-Scams dieser Art zunutze: Je viraler der Köder, desto weniger hinterfragen Nutzer den nächsten Schritt. Wer auf X Krypto-Inhalte konsumiert, sollte bei stark emotionalisierenden Posts mit angehängten Token-Links grundsätzlich misstrauisch sein.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Seit 2018 berichtet er über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
