Einen Tag vor dem größten Börsengang aller Zeiten richtet sich der Blick auf einen Investor, der wie kein zweiter vom SpaceX-IPO profitiert: den kanadischen Pensionsfonds Ontario Teachers‘ Pension Plan. Der Fonds investierte Medienberichten zufolge im Juni 2019 rund 220 Millionen US-Dollar in das Raumfahrtunternehmen – damals wurde SpaceX mit etwa 33 Milliarden US-Dollar bewertet. Auf Basis der IPO-Bewertung von rund 1,765 Billionen US-Dollar entspräche dieser Einstieg heute rechnerisch einem Wert von 11,6 bis 11,8 Milliarden US-Dollar. Das wäre vor möglicher Verwässerung ein Plus von ungefähr dem 53-Fachen – und die mit Abstand erfolgreichste Einzelinvestition in der Geschichte des Fonds.
Der erste Deal einer neuen Sparte wird zum Jahrhundert-Investment
Die Pointe der Geschichte: Das SpaceX-Investment war 2019 der allererste Deal der damals frisch gegründeten Venture-Sparte des Pensionsfonds, die heute unter dem Namen Teachers‘ Venture Growth firmiert. Die Einheit war erst zwei Monate zuvor an den Start gegangen, um Beteiligungen an wachstumsstarken Technologieunternehmen einzugehen. SpaceX steckte zu diesem Zeitpunkt noch mitten im Aufbau der ersten Starlink-Satelliten, vom KI-Boom war weit und breit nichts zu sehen.
Der Fonds verwaltet rund 279 Milliarden kanadische Dollar für etwa 346.000 aktive und pensionierte Lehrkräfte der Provinz Ontario. Heruntergebrochen entspräche der rechnerische SpaceX-Gewinn rund 33.500 US-Dollar je Mitglied. Bemerkenswert ist zudem: Die Verantwortlichen haben nach eigenen Angaben seit 2019 mehrfach nachgekauft. Die tatsächliche Gesamtposition dürfte damit noch über der Modellrechnung für den ursprünglichen Einstieg liegen.
Dass Risikokapital auch anders ausgehen kann, hat dieselbe Sparte schmerzhaft erfahren: 2022 wurde eine Beteiligung von 95 Millionen US-Dollar an der kollabierten Krypto-Börse FTX komplett abgeschrieben. Eine Randnotiz mit Ironie liefert zudem die Politik: Während die Provinzregierung von Ontario ihren Starlink-Vertrag mit SpaceX gekündigt hat, verdienen die Pensionskassen der Lehrer derselben Provinz Milliarden an genau diesem Unternehmen.

Warum der Milliardengewinn vorerst nur auf dem Papier steht
Realisiert ist von diesem Gewinn noch nichts. Wie praktisch alle Altinvestoren unterliegt der Pensionsfonds einer Lock-up-Frist von 180 Tagen, die Verkäufe nach dem Handelsstart am 12. Juni zunächst ausschließt. Die Investmentchefin des Fonds machte zuletzt zudem deutlich, dass ein Börsengang nicht automatisch einen Ausstiegszeitpunkt darstellt – die Beteiligung wird offenbar als langfristiges Engagement verstanden.
Wichtig bleibt außerdem: Die genaue Investitionssumme von 2019 wurde von Ontario Teachers nie offiziell beziffert, sondern basiert auf übereinstimmenden Medienberichten, unter anderem von The Globe and Mail. Spätere Finanzierungsrunden, Verwässerungseffekte und die konkrete Beteiligungsstruktur können den tatsächlichen Wert beeinflussen. Und nicht zuletzt entscheidet der Markt: Hält die Bewertung von rund 1,75 Billionen US-Dollar nach dem ersten Handelstag nicht, schmilzt auch der Buchgewinn.
Auch Google sitzt auf einem dreistelligen Milliardenbetrag
Der Pensionsfonds ist nicht der einzige frühe Investor, für den sich der Geduldsfaden auszahlt. Google beteiligte sich bereits im Januar 2015 gemeinsam mit Fidelity mit insgesamt einer Milliarde US-Dollar an SpaceX – der Google-Anteil lag bei rund 900 Millionen, die Bewertung damals bei etwa 12 Milliarden US-Dollar. Ende 2025 hielt der Konzern laut Unterlagen rund 6,1 Prozent an SpaceX, nach der Verwässerung durch die xAI-Fusion dürften es noch etwa 5 Prozent sein. Zur IPO-Bewertung entspricht das einem Paketwert in der Größenordnung von 85 bis 90 Milliarden US-Dollar – aus 900 Millionen Einsatz.
Noch extremer fällt die Rechnung beim Founders Fund von Peter Thiel aus, der bereits 2008 mit 20 Millionen US-Dollar in der Series C einstieg. Schätzungen zufolge hat sich dieser Einsatz seither grob versechshundertfacht. Die Kapitalseite des SpaceX-IPO liest sich damit wie ein Lehrbuch über die Macht früher Wachstumsinvestments – und über deren Kehrseite: Wer erst zum Börsengang einsteigt, zahlt eine Bewertung, in der diese Vervielfachung bereits enthalten ist.
18,7 Milliarden Umsatz treffen auf 1,75 Billionen Bewertung
Genau hier liegt das Spannungsfeld des Börsengangs. Laut dem am 20. Mai bei der SEC eingereichten Börsenprospekt erzielte SpaceX 2025 einen Umsatz von 18,7 Milliarden US-Dollar – ein Plus von rund 33 Prozent gegenüber den 14,1 Milliarden aus dem Vorjahr, aber nur ein Bruchteil dessen, was die Tech-Konzerne erwirtschaften, mit denen SpaceX bei der Bewertung künftig in einer Liga spielt. Alphabet kam 2025 auf rund 402,8 Milliarden, Microsoft auf 281,7 Milliarden und Meta auf 201,0 Milliarden US-Dollar Umsatz.

Unter dem Strich stand 2025 zudem ein Nettoverlust von 4,9 Milliarden US-Dollar, das kumulierte Defizit seit Gründung beläuft sich auf 41,3 Milliarden. Profitabler Kern des Konzerns ist Starlink: Die Satellitensparte erlöste 11,4 Milliarden US-Dollar bei einem operativen Gewinn von rund 4,4 Milliarden und zählte zuletzt 10,3 Millionen Abonnenten – doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Das KI-Segment rund um xAI verbrannte dagegen allein 2025 rund 6,4 Milliarden US-Dollar. Beim angestrebten Ausgabepreis von 135 US-Dollar je Aktie ergibt sich ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von über 90. Das Analysehaus Morningstar taxiert den fairen Wert auf nicht einmal die Hälfte der IPO-Bewertung, auch Bewertungsexperte Aswath Damodaran riet öffentlich von einer Zeichnung ab.
Der größte Börsengang aller Zeiten in Zahlen
Dennoch ist die Nachfrage gewaltig. SpaceX platziert rund 555,6 Millionen Aktien zu je 135 US-Dollar und nimmt damit etwa 75 Milliarden US-Dollar ein – mehr als das Doppelte des bisherigen Rekords von Saudi Aramco mit 29,4 Milliarden aus dem Jahr 2019 und ein Vielfaches der Facebook-Emission von 16 Milliarden im Jahr 2012. Das Orderbuch wurde am Mittwochabend nach US-Börsenschluss geschlossen; Medienberichten zufolge lag die Nachfrage zuletzt deutlich über dem Emissionsvolumen, nachdem Reuters und Bloomberg in der Vorwoche bereits eine rund zweifache Überzeichnung gemeldet hatten. Die finale Preisfestsetzung erfolgt am heutigen Donnerstag, der erste Handelstag an der Nasdaq unter dem Ticker SPCX ist für Freitag, den 12. Juni, geplant.
Für zusätzliche Dynamik nach dem Börsenstart könnte eine Regeländerung der Nasdaq vom März 2026 sorgen: Mega-IPOs können seither binnen 15 Handelstagen in den Nasdaq-100 aufgenommen werden. Analysten schätzen, dass Indexfonds in diesem Fall SpaceX-Aktien im Volumen von rund 7 Milliarden US-Dollar kaufen müssten – bei einem Streubesitz von anfangs nur etwa 3 Prozent ein potenzieller Preistreiber, der allerdings in beide Richtungen Volatilität verspricht.
Einordnung
Die Rechnung des Ontario Teachers‘ Pension Fund zeigt eindrucksvoll, welche Wertzuwächse frühe Wachstumsinvestments im Erfolgsfall liefern können – und sie erklärt zugleich die Euphorie rund um den Börsengang. Für Anleger, die erst jetzt einsteigen, gilt diese Logik jedoch nicht: Sie kaufen zur höchsten Bewertung der IPO-Geschichte ein Unternehmen, das trotz starken Wachstums Verluste schreibt und dessen Kurs-Umsatz-Verhältnis weit über dem etablierter Tech-Konzerne liegt. Wer an die langfristige Vision aus Starlink, Starship und KI-Infrastruktur glaubt und hohe Schwankungen aushält, findet hier eine der spannendsten Wachstumsstorys des Jahrzehnts. Wer dagegen auf nachvollziehbare Bewertungskennzahlen und Substanz setzt, dürfte mit Abwarten besser fahren – die ersten Quartalszahlen als börsennotiertes Unternehmen werden zeigen, wie tragfähig die Erwartungen sind. Sicher ist nur eines: Die 346.000 Lehrerinnen und Lehrer aus Ontario haben ihre Rendite bereits auf dem Papier.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
Boersen-Parkett bei Google als bevorzugte Nachrichtenquelle markieren und keine Finanz- und Krypto-News mehr verpassen.