Cardano-Gründer Hoskinson: Krypto soll die KI verschlingen – doch die Kapitalströme laufen gerade genau andersherum

Alex Merten

21.09.2026, 05:00 Uhr

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Charles Hoskinson hat in dieser Woche in einem Podcast-Interview eine These formuliert, die im Krypto-Sektor gern gehört wird: Kryptowährungen würden die Künstliche Intelligenz in den kommenden fünf bis zehn Jahren „verschlingen“, weil Blockchains genau jene Probleme lösten, an denen KI scheitere. Gemeint sind drei: Zahlungen, Governance und die Herkunft von Daten.

Das Argument ist historisch hergeleitet. Hoskinson erinnert daran, wie die akademische Kryptografie lange nichts mit Kryptowährungen zu tun haben wollte – bis genug Kapital im Markt war, um die besten Köpfe abzuwerben. Denselben Verlauf erwartet er nun für die KI-Branche. Dazu kommt eine Infrastrukturprognose: Der Rechenzentrumsausbau sei nicht durchzuhalten, weil Compute-Ausgaben sich nicht jährlich vervielfachen lassen und die Stromnetze nicht mithalten. Er zieht den Vergleich zum Glasfaserboom der späten Neunziger, als rund 90 Prozent der verlegten Kapazität fast ein Jahrzehnt brachlag. Am Ende stünden leerstehende Rechenzentren, kleinere Modelle auf lokalen Geräten und ein verteiltes Netz aus Smartphones und GPUs – koordiniert und abgerechnet über Krypto. Bis 2030 sieht er zehn Billionen US-Dollar an On-Chain-Vermögenswerten und eine Milliarde neuer Nutzer.

Krypto und KI: wo das Argument technisch trägt

Der Zahlungsteil ist nicht aus der Luft gegriffen. Maschinelle Micropayments sind real: Über das HTTP-basierte Bezahlprotokoll x402 liefen bis Ende April 2026 rund 165 Millionen Transaktionen von etwa 69.000 aktiven Agenten. Karten-Netzwerke können solche Beträge schlicht nicht verarbeiten.

Nur: Das kumulierte Volumen dieser 165 Millionen Zahlungen lag bei ungefähr 50 Millionen US-Dollar. Macht rund 30 Cent pro Transaktion. Zum Vergleich: Stablecoins wickelten 2025 ein Volumen im zweistelligen Billionenbereich ab. Das tägliche Settlement-Volumen der Agenten-Schiene ist im laufenden Jahr zudem um rund 93 Prozent eingebrochen, nachdem der Höhenflug im vierten Quartal 2025 offenbar überwiegend aus Entwicklertests bestand. Analysten schätzen, dass ein erheblicher Teil der Transaktionszahl bis heute auf Tests, Eigengeschäfte oder Wash-Aktivität entfällt. Die Schienen sind gebaut, der Verkehr fehlt.

Beim dritten Punkt, der Herkunft von Inhalten, hat die Realität den Blockchain-Ansatz sogar überholt. Der De-facto-Standard für Content-Provenienz sind kryptografisch signierte Metadaten nach C2PA – über 6.000 beteiligte Organisationen, integriert bei den großen Modellanbietern, Kameraherstellern und Plattformen, und passgenau auf die seit August 2026 greifenden Transparenzpflichten des EU AI Act zugeschnitten. Signaturen und Zertifikate reichen dafür aus. Eine Blockchain ist in diesem Design nicht vorgesehen.

Krypto News: Warum die KI derzeit das Mining frisst

Der auffälligste Widerspruch liegt beim Geld. Börsennotierte Bitcoin-Miner haben inzwischen KI- und HPC-Verträge im Volumen von mehr als 100 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Ein einzelnes Megawatt Rechenzentrumskapazität bringt unter einem modernen KI-Hostingvertrag ein Vielfaches dessen, was dasselbe Megawatt im ASIC-Mining erwirtschaftet – die Schätzungen reichen bis zum Sechzehnfachen.

Die Folgen sind messbar. Core Scientific hat den eigenen Bitcoin-Bestand für den Umbau liquidiert, Bitfarms sein komplettes Gigawatt-Portfolio auf KI umgestellt, TeraWulf einen Großteil des künftigen Umsatzes an HPC-Verträge gebunden. Die Netzwerk-Hashrate lag Ende August 2026 über 300 Tage in Folge unter ihrem Allzeithoch – die längste Phase dieser Art seit über einem Jahrzehnt.

Bemerkenswert ist die zweite Zahl: Aus den über 100 Milliarden Dollar Vertragsvolumen fließen bislang etwa 1,1 Milliarden Dollar annualisierter Umsatz. Von mehr als vier Gigawatt kontrahierter Kapazität werden rund 550 Megawatt tatsächlich abgerechnet. Miner mit KI-Verträgen werden im Schnitt mit dem 12,9-Fachen des Enterprise Value zum erwarteten Jahresumsatz bewertet, ohne solche Verträge mit dem 3,7-Fachen. Bewertet wird also eine Erwartung, nicht ein Erlös. Trotzdem gilt für die Richtung: Aktuell absorbiert die KI die Energie- und Standortbasis des Minings, nicht umgekehrt.

Cardano News: ADA zwischen Vision und Marktrealität

Hoskinsons Zehn-Billionen-Krypto-Prognose trifft auf ein Projekt in schwieriger Verfassung. ADA notiert bei rund 0,19 Euro und damit über 90 Prozent unter dem Allzeithoch vom September 2021. Der DeFi-TVL im Cardano-Ökosystem fiel von etwa 905 Millionen US-Dollar Ende 2024 auf einen Bruchteil davon, der Summit 2026 wurde abgesagt, und Hoskinson selbst sprach im Sommer von einer Welle drohender Projektpleiten und davon, müde zu sein, einen Niedergang zu verwalten.

Wer eine Zehn-Jahres-These formuliert, verschiebt die Beweislast in eine Zukunft, in der die aktuellen Zahlen keine Rolle mehr spielen. Das entwertet das Argument nicht – es erklärt aber, warum es gerade jetzt kommt.

Nüchtern bleibt Hoskinson dagegen in der Regulierung: Nach dem gescheiterten Verfahrensvotum zum Clarity Act – 49 zu 50 Stimmen, 60 wären nötig gewesen – rechnet er vor 2029 nicht mit einer Verabschiedung. Ein Antrag auf erneute Beratung hält die Tür formal offen, praktisch ist das Marktstrukturgesetz für diesen Kongress erledigt. Die Zuständigkeit wandert vorerst zu SEC und CFTC.

Was die These belastbar machen würde

Drei Bedingungen wären prüfbar. Erstens: Agenten-Zahlungen müssten nachweisbar von Test- auf Nutzvolumen umschlagen – sichtbar an steigendem Durchschnittsbetrag statt steigender Transaktionszahl. Zweitens: Die KI-Kapazität der Miner müsste von Verträgen in abgerechnete Megawatt übergehen, sonst bleibt der Umbau eine Bewertungsgeschichte. Drittens müsste verteiltes Training auf Endgeräten technisch tragfähig werden; bislang scheitert es an Latenz und Bandbreite, nicht am fehlenden Bezahlsystem.

Bis dahin gilt die einfachere Lesart: Die KI zahlt für Strom, Standorte und Rechenleistung derzeit deutlich mehr als der Krypto-Sektor – und kauft sich damit genau die Infrastruktur, die ihn tragen sollte.