Stablecoin-Emittenten halten inzwischen knapp 200 Milliarden US-Dollar in kurzlaufenden amerikanischen Staatspapieren. Diese Zahl nannte der stellvertretende US-Finanzminister Francis Brooke am Dienstag. Nur einen Tag später wurde bekannt, dass die US-Regierung diesen Hebel gezielt ausbauen will. Nach Angaben von Personen, die mit den Plänen vertraut sind, prüft die Regierung von Donald Trump eine Initiative, um dollarbasierte Stablecoins im Ausland zu verbreiten. Der Stablecoin würde damit vom Krypto-Produkt zum Instrument der Währungspolitik.
Stablecoin News: Was die US-Regierung plant
Im Kern geht es um Joint Ventures zwischen dem Staat und privaten Unternehmen. Beteiligt sein könnten das Finanzministerium, das Außenministerium und die U.S. International Development Finance Corporation (DFC). Die DFC ist die staatliche Entwicklungsfinanzierungsbehörde, die gemeinsam mit Privatunternehmen Projekte im Ausland finanziert. Sie verfügt inzwischen über erweiterte Eigenkapitalbefugnisse und einen Investitionsrahmen von 205 Milliarden US-Dollar. Damit hätte Washington das passende Vehikel bereits zur Hand.
Offiziell ist noch nichts. Es wurden weder Unternehmen noch Zielländer, Summen oder ein Zeitplan genannt. Das Außenministerium und die DFC wollten sich nicht äußern, das Finanzministerium und das Weiße Haus reagierten nicht auf Anfragen. Es handelt sich also um Überlegungen in einem frühen Stadium und nicht um eine beschlossene Politik.
Die Richtung ist allerdings nicht neu. Schon kurz nach seinem Amtsantritt im Januar 2025 erklärte Trump per Präsidialerlass die weltweite Förderung legaler Dollar-Stablecoins zum Regierungsziel. Mit dem GENIUS Act folgte im Juli 2025 der gesetzliche Rahmen. Neu ist die Frage, ob der Staat die Verbreitung künftig aktiv mitfinanziert.
Warum Stablecoins für US-Staatsanleihen so wichtig sind
Der Mechanismus ist einfach. Regulierte Stablecoin-Anbieter müssen jeden ausgegebenen Token eins zu eins mit Reserven decken, vor allem mit Bargeld und kurzlaufenden Treasury Bills. Jeder zusätzliche Dollar-Token, der in Lagos, Buenos Aires oder Istanbul gehalten wird, erzeugt damit fast automatisch Nachfrage nach US-Schulden.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt über fünf Prozent, und die Refinanzierung des Haushaltsdefizits wird teurer. Wer neue Käufer für amerikanische Staatspapiere sucht, findet sie in Stablecoin-Emittenten, die strukturell dazu verpflichtet sind, solche Papiere zu kaufen. Allein Tether hielt im Frühjahr 2026 direkt und indirekt rund 141 Milliarden US-Dollar an US-Treasuries. Damit gehört der Konzern zu den größten Gläubigern der Vereinigten Staaten, noch vor vielen Staaten.
USDT und USDC: Wer von der Offensive profitieren würde
Der Stablecoin-Markt umfasst derzeit rund 292 Milliarden US-Dollar. Tether (USDT) und USD Coin (USDC) vereinen davon fast 90 Prozent. Eine staatlich flankierte Expansion würde also vor allem diese beiden Anbieter stärken, dazu die Blockchains, über die ihre Token abgewickelt werden.
Die Zahlen passen allerdings nicht ganz zur Erzählung vom unaufhaltsamen Boom. Im ersten Halbjahr 2026 ist das Stablecoin-Angebot bei beiden großen Emittenten geschrumpft. Die Regierung würde also einen Markt ankurbeln wollen, der zuletzt eher an Schwung verloren hat. Außerdem greifen die zentralen Bestimmungen des GENIUS Act erst zum 18. Januar 2027, und die Emissionsregeln des Finanzministeriums liegen bisher nur als Entwurf vor.
Dollarisierung per Token: Die Kehrseite für Schwellenländer
Was in Washington als Stärkung des Dollars gilt, sehen andere als Risiko. Der Internationale Währungsfonds und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnen, dass eine breite Nutzung von Dollar-Token die Kapitalflucht aus Schwellenländern beschleunigen könnte. Heimische Währungen würden geschwächt, und nationale Notenbanken verlören an Kontrolle über die Finanzströme im eigenen Land. Früher brauchte man für eine Dollarisierung ein Bankkonto in den USA, künftig reicht eine Wallet auf dem Smartphone.
Auch Europa ist betroffen. Die Europäische Zentralbank weist seit Längerem darauf hin, dass sich private Dollar-Stablecoins im Zahlungsverkehr festsetzen könnten, und treibt deshalb den digitalen Euro voran. Eine aktive Exportstrategie aus Washington würde diese Debatte deutlich verschärfen.
Einordnung: Signal wichtiger als Substanz
Für Bitcoin und Ether bringt die Meldung kurzfristig kaum Bewegung. Entscheidend ist das Signal: Die US-Regierung betrachtet Stablecoins nicht mehr nur als Finanzprodukt, das reguliert werden muss, sondern als geopolitisches Werkzeug. Das Werkzeug soll die Dollar-Dominanz sichern und gleichzeitig die eigene Verschuldung finanzieren.
Ob daraus eine echte Initiative wird, zeigt sich erst, wenn das Finanzministerium oder die DFC die Pläne bestätigen und erste Partner und Zielländer nennen. Bis dahin bleibt es ein Plan mit großer Tragweite, aber ohne Unterschrift.
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Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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