Der eigentliche Crash findet nicht auf dem Kurszettel statt – sondern in den Köpfen. Während Bitcoin um die Marke von 60.000 US-Dollar ringt, brechen die Erwartungen der Anleger schneller ein als der Kurs selbst. Nur noch 11,2 Prozent der Anleger in Deutschland trauen Bitcoin bis 2030 einen Kurs von über 500.000 Euro zu. Vor einem Jahr waren es noch 23,1 Prozent – ein Rückgang um 51,5 Prozent. Die Fraktion der Extrem-Optimisten hat sich halbiert. Noch drastischer fällt das Urteil dort aus, wo mit echtem Geld gewettet wird: Auf dem US-Prognosemarkt Kalshi ist die Wahrscheinlichkeit, dass Bitcoin vor Januar 2027 wieder 100.000 US-Dollar erreicht, von rund 49 Prozent im Mai auf aktuell 15 Prozent kollabiert. Zwei Monate, mehr als zwei Drittel der Hoffnung ausradiert.

Die 500.000-Euro-Fantasie stirbt zuerst
Die langfristigen Zahlen stammen aus der vierten gemeinsamen Marktstudie von KPMG und BTC-ECHO, für die mehr als 1.400 Teilnehmer zwischen dem 15. November 2025 und dem 13. Januar 2026 befragt wurden. Das Muster darin ist bemerkenswert – denn es zeigt keine Panik, sondern etwas Selteneres: einen geordneten Rückzug.
Die Anleger geben Bitcoin nicht auf. Sie handeln nur ihre Träume herunter. Das Kursziel von 250.000 Euro legte um 11,7 Prozentpunkte zu und vereint mit 55,8 Prozent inzwischen die Mehrheit aller Prognosen auf sich. Weitere 26,2 Prozent taxieren den Wert bis 2030 auf exakt 500.000 Euro. Unterm Strich erwarten damit weiterhin 93 Prozent der deutschen Krypto-Anleger, dass Bitcoin bis zum Ende des Jahrzehnts mindestens 250.000 Euro erreicht. Die Mondfantasie wandert ins Mittelfeld – der Glaube an das Asset selbst bleibt intakt.

Ein Detail macht die Zahlen dabei noch brisanter: Die Befragung endete Mitte Januar – bevor der Bärenmarkt seine volle Wucht entfaltete. Die 11,2 Prozent sind also eine Momentaufnahme aus einer Zeit, in der die Welt noch deutlich freundlicher aussah. Wer heute fragt, dürfte tiefere Werte messen.
Skepsis auf Prognosemärkten
Umfragen messen Meinungen. Prognosemärkte messen Überzeugungen – denn hier kostet jede Fehleinschätzung bares Geld. Und genau dort ist der Absturz am steilsten. Der Kalshi-Markt zur Frage, wann Bitcoin wieder die 100.000-Dollar-Marke überquert, gehört mit einem Handelsvolumen von 10.499.647 US-Dollar zu den größeren Bitcoin-Kontrakten der Plattform. Im Mai preisten die Händler eine Rückkehr über 100.000 US-Dollar vor Januar 2027 noch mit rund 49 Prozent ein – praktisch ein Münzwurf. Heute stehen nur noch 15 Prozent auf der Anzeigetafel.
Je näher der Zeithorizont, desto brutaler die Zahlen: Für eine Rückeroberung der Marke vor Oktober 2026 sehen die Händler gerade einmal rund 6 Prozent Wahrscheinlichkeit. Und die Wetten auf die Unterseite laufen heiß: Ein separater Kalshi-Kontrakt zur Frage, ob Bitcoin zuerst 50.000 oder zuerst 100.000 US-Dollar erreicht, zeigt eine Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent – zugunsten der 50.000.
Der Auslöser liegt auf der Hand: Bitcoin beendete den Juni mit einem Verlust von über 20 Prozent, dem schlechtesten Monat seit dem Start der Spot-ETFs im Januar 2024, und eröffnete den Juli bei rund 59.500 US-Dollar – einem 21-Monats-Tief. Allein im Juni zogen Anleger rund 4,5 Milliarden US-Dollar aus den US-Spot-Bitcoin-ETFs ab. Ausgerechnet die Produkte, die den Bullenmarkt 2024 befeuerten, wurden zum größten Verkaufsdruck.
82,1 Prozent im Minus: Der Juni ließ fast nichts stehen
Wer glaubt, es handle sich um ein reines Bitcoin-Problem, den korrigieren die Marktbreite-Daten von CryptoRank. Im Juni fielen 82,1 Prozent der aktuellen Top-100-Krypto-Assets (ohne Stablecoins) im Monatsverlauf – nur 17,9 Prozent retteten sich ins Plus. Es war die schwächste Marktbreite des Jahres 2026, mit einer Medianrendite von minus 16,8 Prozent. Zur Erinnerung: Im April, dem stärksten Monat des Jahres, lagen noch 64 Prozent der Top-100 im Plus. Vom besten zum schlechtesten Monat brauchte der Markt keine acht Wochen.

Ein Versteck gab es nicht. Alle acht großen Krypto-Sektoren verzeichneten im Juni negative Medianrenditen – angeführt von Layer-2-Projekten mit minus 24,9 Prozent, DePIN mit minus 24,8 Prozent und Layer-1-Chains mit minus 22,8 Prozent. Ethereum schloss das zweite Quartal mit einem Minus von 25 Prozent ab und kassierte damit das dritte Verlustquartal in Folge – eine Serie, die es in der gesamten Geschichte des Assets noch nie gab. Die Bitcoin-Dominanz kletterte derweil auf rund 56 Prozent: Das verbliebene Risikokapital flüchtet in den größten und liquidesten Wert. Ein Muster, das erfahrene Marktbeobachter aus jedem Bärenmarkt kennen.
Einordnung: Der Pessimismus von heute ist das Kursziel von gestern
Drei Datensätze, eine Geschichte: Die Anleger kalibrieren ihre Ziele nach unten, ohne auszusteigen. Die Prognosemärkte, die schneller reagieren als jede Umfrage, haben die Sechsstellig-Hoffnung für dieses Jahr bereits weitgehend abgeschrieben. Und die Marktbreite belegt, dass die Korrektur den gesamten Sektor durchgeschüttelt hat – nicht nur die Leitwährung.
Für langfristig orientierte Anleger steckt darin eine unbequeme, aber altbekannte Wahrheit: Erwartungen laufen den Kursen hinterher – nach oben wie nach unten. Als vor einem Jahr 23,1 Prozent der Anleger einen Bitcoin über 500.000 Euro erwarteten, notierte der Kurs nahe seinem Allzeithoch. Heute, bei maximalem Pessimismus, stellt sich die Gegenfrage: Sind 15 Prozent Kalshi-Wahrscheinlichkeit und extreme Angst im Markt das Spiegelbild der damaligen Euphorie? Eine Antwort liefern die Daten nicht. Aber sie zeigen mit seltener Präzision, wo der Markt gerade steht: tief im Pessimismus – ohne kapituliert zu haben. Und genau diese Lücke zwischen Stimmung und Substanz war historisch oft die interessanteste Zone des gesamten Zyklus.
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Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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