Infografik: Riskante PR-Strukturen im Kryptosektor und Verluste bei Prognosemärkten – wie zweifelhafte Akteure Ereignisse instrumentalisieren

Raphael Lulay

26.03.2026, 11:45 Uhr

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Mehr als jede zweite Krypto-Pressemitteilung stammt aus Projektumfeldern mit erhöhtem Risiko. Neue Daten zeigen, wie stark Marketing-Narrative inzwischen die Wahrnehmung des Marktes prägen – und wie schwierig es für Anleger geworden ist, zwischen Innovation und Inszenierung zu unterscheiden.

Rund 26,9 % der untersuchten Meldungen lassen sich direkt einem Scam-Umfeld zuordnen, weitere 35,6 % entfallen auf sogenannte High-Risk-Projekte. Diese gelten nicht zwingend als Betrug, weisen jedoch deutliche Warnsignale auf – etwa aggressive Rendite-Narrative, mangelnde Transparenz oder wirtschaftlich schwer nachvollziehbare Modelle.

Anteil der Krypto-Pressemitteilungen aus Hochrisiko- oder Scam-Umfeldern. Grundlage sind 2.893 von Chainstory analysierte Pressemitteilungen. Eigene Darstellung. Quelle: chainstory.co

Damit entsteht ein Marktumfeld, in dem PR-Kommunikation häufig stärker sichtbar ist als fundamentale Entwicklung. Besonders deutlich wird dies in der Themenverteilung: Fast 49 % aller Pressemitteilungen drehen sich um Produkt- oder Feature-Updates, weitere 24 % um Trading-Themen, Listings oder Börsen-News. Substanzielle Unternehmensmeldungen sind dagegen selten. Finanzierungen, Venture-Capital-Deals oder Corporate-Finance-Themen machen lediglich rund 2 % der Inhalte aus.

Fast 50 % aller Meldungen behandeln Produkte oder Features – Finanzierungsthemen machen nur rund 2 % aus. Eigene Darstellung. Quelle: chainstory.co

Gleichzeitig sind nur knapp 10 % der Mitteilungen neutral formuliert, während der Großteil werblich oder deutlich überhöht dargestellt wird.

Nur knapp jede zehnte Krypto-Pressemitteilung ist neutral formuliert – über die Hälfte wirkt überhöht. Eigene Darstellung. Quelle: chainstory.co

Diese Kommunikationsstruktur passt zu einem Markt, der stark von Aufmerksamkeit und Erwartungshaltungen lebt. Aktuell haben Prognosemärkte wie Polymarket spürbar Momentum übernommen und dominieren zeitweise Teile der Debatte. In solchen Phasen verschiebt sich der Fokus vieler Marktteilnehmer von fundamentalen Entwicklungen hin zu kurzfristigen Narrativen über politische Ereignisse oder makroökonomische Szenarien.

Dass diese Dynamik nicht automatisch zu positiven Ergebnissen für Teilnehmer führt, zeigt ein weiterer Befund: Die Median-Rendite von Prediction-Market-Nutzern liegt bei minus 8 %. Selbst klassische Sportwetten schneiden in den USA mit rund minus 5 % noch etwas weniger negativ ab.

Prediction-Market-Nutzer erleiden im Median höhere Verluste als klassische Sportwetter. Eigene Darstellung. Quelle: Citizens JMP; Coindesk.com

Ein möglicher Grund liegt im Plattformdesign. Regulierte Anbieter begrenzen häufig erfolgreiche Kunden oder schließen sie aus. Prediction Markets verfolgen dieses Modell in der Regel nicht – wodurch professionelle Händler und Market Maker gezielt gegen weniger erfahrene Nutzer handeln können. Auf einem Analysten-Call von Citizens JMP erklärten zwei professionelle Wettkunden, diese Märkte seien besonders attraktiv, weil Privatanleger häufig die Gegenseite ihrer Trades stellten.

Gleichzeitig verweisen Kritiker auf eine weitere strukturelle Herausforderung: In politisch sensiblen Märkten könnten Informationsvorteile einzelner Akteure eine größere Rolle spielen, etwa wenn Entscheidungen oder öffentliche Statements vorab antizipiert werden. Konkrete Belege für systematischen Insiderhandel liegen zwar nicht vor. Dennoch zeigt die Debatte rund um Trades im Umfeld von Donald Trump sowie politischer Ereignisse, wie stark Vertrauen und Marktintegrität inzwischen in den Fokus rücken.

Ein Blick auf das weltweite Suchinteresse nach „crypto scam“ verdeutlicht zudem ein wiederkehrendes Muster. Der Google-Trend-Score erreichte seinen Höchstwert im Oktober 2025, als Bitcoin ein neues Allzeithoch markierte. Aktuell liegt der Wert deutlich niedriger. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass Betrugsaktivitäten besonders in starken Marktphasen Hochkonjunktur haben, wenn steigende Kurse neue Anleger anziehen und zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen.

Die Grafik zeigt das relative Suchvolumen (Google-Trend-Score) für den Suchbegriff „crypto scam“. Weltweit, 5-Jahres-Rückblick. Eigene Darstellung. Quelle: trends.google.de

Aktuelle Recherchen unterstreichen zudem, wie professionell Narrative im Kryptomarkt eingesetzt werden. Der Blockchain-Analyst ZachXBT deckte kürzlich ein koordiniertes Betrugsnetzwerk auf, das gezielt geopolitische Angstnarrative rund um den Iran-Konflikt nutzte, um Reichweite aufzubauen und Nutzer in Krypto-Scams zu lenken. Mehrere Social-Media-Accounts verbreiteten wiederholt panikgetriebene Kriegs-Updates, bevor sie Fake-Airdrops, Phishing-Links oder Pump-and-Dump-Token bewarben. Der Fall zeigt exemplarisch, wie sich Betrugsstrategien im Markt professionalisieren und emotionale Themen bewusst eingesetzt werden, um Vertrauen aufzubauen und Investitionsentscheidungen zu beeinflussen.

Wie die Infografik zeigt, entsteht insgesamt ein ambivalentes Bild: Der Kryptomarkt bleibt ein Feld technologischer Innovation – gleichzeitig aber auch ein Umfeld, in dem Aufmerksamkeit zu einer handelbaren Ressource geworden ist. Für Anleger gewinnt daher die Fähigkeit zur kritischen Einordnung zunehmend an Bedeutung, insbesondere dann, wenn steigende Kurse neue Narrative und neue Marktteilnehmer anziehen.