MiCA-Stichtag am 1. Juli: Diese Folgen drohen deutschen Krypto-Nutzern – und warum Gründer abwandern

Raphael Lulay

01.07.2026, 06:00 Uhr

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Am 1. Juli 2026 läuft die letzte EU-weite Übergangsfrist der Markets-in-Crypto-Assets-Verordnung (MiCA) aus. Ab diesem Stichtag dürfen Krypto-Dienstleister ohne CASP-Lizenz keine Kunden mehr in der Europäischen Union bedienen. Ein laufender, aber noch nicht beschiedener Antrag reicht ausdrücklich nicht aus. Wer ohne Zulassung weiterarbeitet, handelt rechtswidrig. Eine Verlängerung oder zusätzliche Schonfrist haben ESMA und die nationalen Aufsichtsbehörden ausgeschlossen.

Für Anleger in Deutschland ist der entscheidende Einschnitt allerdings bereits Geschichte. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat die nationale Übergangsfrist über das Kryptomärkteaufsichtsgesetz auf Ende Dezember 2025 vorgezogen. Seitdem dürfen hierzulande nur noch vollständig lizenzierte Anbieter operieren. Der vorgezogene Stichtag hat Deutschland einen Vorsprung verschafft: Die BaFin zählt nach Branchenauswertungen mit Abstand die meisten erteilten MiCA-Zulassungen in der EU, gefolgt von den Niederlanden, Frankreich, Malta und Irland.

Was der Stichtag für Nutzer konkret bedeutet

Wer ausschließlich bei BaFin-lizenzierten Anbietern oder bei in Deutschland zugelassenen europäischen Instituten handelt, hat zunächst wenig Anpassungsbedarf. Zu den regulierten Plattformen im deutschen Markt zählen unter anderem Trade Republic, Bitpanda, Bison von der Börse Stuttgart sowie über das europäische Passporting auch Coinbase, Bitvavo, Crypto.com, OKX und Bybit. Anbieter ohne gültige Lizenz, darunter Binance und Bitget, müssen ihr EU-Geschäft dagegen einstellen oder geordnet zurückfahren.

MiCA reguliert ausschließlich die Anbieter, nicht den privaten Besitz von Kryptowährungen. Wer Coins in Selbstverwahrung hält, ist nicht direkt betroffen. Wer dagegen Guthaben bei einer nicht lizenzierten Börse hält, sollte deren Status im offiziellen ESMA-Register oder in den Verzeichnissen von BaFin und der österreichischen FMA prüfen – und dabei auf die rechtliche Gesellschaft hinter der Plattform achten, nicht nur auf den Markennamen. Ein abruptes Sperren der Konten soll im regulären Rückzugsprozess vermieden werden: Die ESMA verlangt einen geordneten Ablauf mit Vorwarnung, funktionierenden Auszahlungen und ausreichend Zeit zur Abwicklung, in der Regel über 30 bis 90 Tage.

Ein häufig unterschätztes Risiko liegt nicht im Abschalten einer App, sondern im Steuerrecht. Der Transfer eigener Bestände zwischen eigenen Wallets löst keinen steuerpflichtigen Vorgang aus. Ein erzwungener Verkauf mit anschließendem Rückkauf auf einer anderen Plattform hingegen kann einen steuerpflichtigen Gewinn realisieren. Anleger sollten daher prüfen, ob die einjährige Haltefrist nach Paragraf 23 EStG für ihre Positionen bereits erfüllt ist, bevor sie unter Zugzwang reagieren.

Der Fall Binance und die Konkurrenz

Den größten Aufmerksamkeitswert hat das Scheitern der weltgrößten Kryptobörse. Binance zog seinen MiCA-Antrag in Griechenland Ende Juni zurück, nachdem sich eine Ablehnung abgezeichnet hatte. Das Unternehmen kündigte an, einige Dienste für EU-Nutzer auszusetzen und einen anderen regulatorischen Weg zu suchen, bekräftigte jedoch sein Festhalten am europäischen Markt und die Zuversicht, in den kommenden Monaten eine Lizenz zu erhalten. Wettbewerber versuchen, die Lücke zu nutzen: Coinbase und OKX warben zwischenzeitlich mit Bonusaktionen für wechselwillige Neukunden.

Abwanderung in die Vereinigten Arabischen Emirate

Parallel zum Stichtag verschiebt sich ein Teil der Branche aus Europa heraus. Die in Dubai ansässige Anwältin Irina Heaver von der Kanzlei NeosLegal berichtet von einem deutlichen Anstieg an Anfragen europäischer Gründer, die eine Niederlassung in den VAE prüfen. Nach ihren Angaben erreichen die Kanzlei inzwischen mehr als 120 Anfragen pro Woche zur Firmengründung, rund die Hälfte davon aus Europa, darunter aus Deutschland, Spanien und Italien sowie aus der Schweiz und Großbritannien, die außerhalb des MiCA-Geltungsbereichs liegen.

Als Gründe nennen Befürworter schnellere Lizenzierungsverfahren, einen eigens für digitale Vermögenswerte geschaffenen Regulierungsrahmen über die Dubaier Behörde VARA und den Zugang zu Märkten in Asien, Nordafrika und dem globalen Süden. Während europäische Aufsichtsbehörden vielfach weiterhin primär Banken beaufsichtigten, sei in den Emiraten eine Unternehmensgründung in Tagen statt Monaten möglich. Heaver warnt vor einem Abfluss von Fachkräften, Steuereinnahmen und Arbeitsplätzen aus der EU. Erald Ghoos, Europachef von OKX, hatte zuvor geschätzt, dass ein erheblicher Teil der kleineren Krypto-Unternehmen MiCA nicht überstehen und gezwungen sein werde, die EU zu verlassen.

Marktbereinigung statt Krypto-Ende

Für den europäischen Markt bedeutet der Stichtag in erster Linie eine Konsolidierung. Branchenbeobachter rechnen damit, dass kleinere Anbieter ohne ausreichende Kapitaldecke für Compliance fusionieren oder übernommen werden. In Anwaltskanzleien fällt bereits das Stichwort M&A: Internationale Marktteilnehmer dürften in der zweiten Jahreshälfte 2026 gezielt bereits lizenzierte Einheiten kaufen, um über den EU-Pass in den Binnenmarkt einzutreten – ein Muster, das schon bei der Einführung von MiFID II zu beobachten war. Das Ende von Krypto in Europa ist der 1. Juli damit nicht. Wohl aber das Ende der regulatorischen Grauzone, in der die Branche jahrelang nach 27 unterschiedlichen nationalen Regeln arbeitete.