Bitcoin startet nach dem schwächsten Monat seit vier Jahren in den Juli. Am Morgen des 1. Juli notierte die Kryptowährung bei rund 59.089 US-Dollar. Zu Beginn des Juni hatte der Kurs noch über 73.000 Dollar gelegen, woraus sich ein Monatsminus von etwa 20 Prozent ergibt – der schwächste Kalendermonat seit vier Jahren und einer der tiefsten Stände seit rund 20 Monaten. Vom Allzeithoch bei 126.199 Dollar im Oktober 2025 hat sich der Kurs damit ungefähr halbiert.
Statt den Juni-Verlust über das gern zitierte Saisonmuster einzuordnen, lohnt ein Blick auf die konkreten Treiber. Zwei strukturelle Belastungsfaktoren stechen heraus, die ein reiner Kalendervergleich nicht erfasst.
Rekord-Abflüsse aus den Bitcoin-ETFs
Die US-amerikanischen Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten im Juni Nettoabflüsse von rund 4,06 Milliarden US-Dollar. Das ist der höchste Monatswert seit der Einführung dieser Produkte im Januar 2024 und übertrifft den bisherigen Rekord von 3,56 Milliarden Dollar aus dem Februar 2025. Den größten Anteil trug der BlackRock-ETF IBIT mit etwa 3,3 Milliarden Dollar, also rund drei Viertel des Monatsvolumens.
Allein in der letzten Juniwoche flossen rund 1,79 Milliarden Dollar ab. Zusammen mit den Mai-Abflüssen summiert sich der Rückzug über zwei Monate auf etwa 6,5 Milliarden Dollar. Branchendaten zufolge veräußerten die ETF-Anbieter dabei in den vergangenen 30 Tagen rund 51.700 Bitcoin, um Rücknahmen zu bedienen. Als Auslöser gelten gestiegene US-Anleiherenditen und die Erwartung einer länger restriktiven Geldpolitik der Federal Reserve, die risikoärmere Anlagen wieder attraktiver macht.
Wichtig zur Einordnung: IBIT verwaltete zuletzt rund 44,9 Milliarden Dollar. Die Abflüsse sind also groß genug, um den Markt zu bewegen, bleiben gemessen am Fondsvermögen aber ein überschaubarer Anteil. Es handelt sich um eine Umschichtung institutioneller Anleger, nicht um ein Versagen des Produkts.
Strategy gibt das „Niemals verkaufen“ auf
Der zweite Faktor betrifft den größten Unternehmens-Halter von Bitcoin. Strategy, vormals MicroStrategy, stellte am 29. Juni einen „Digital Credit Capital Framework“ vor. Kern des Dokuments ist eine Genehmigung, Bitcoin im Volumen von bis zu 1,25 Milliarden Dollar zu verkaufen – das entspricht etwa 20.000 Bitcoin oder 2,5 Prozent der Bestände. Das Unternehmen hält nach eigenen Angaben rund 847.000 Bitcoin.
Über Jahre hatte Firmenchef Michael Saylor betont, niemals Bitcoin zu verkaufen. Bereits Ende Mai hatte Strategy erstmals seit vier Jahren eine kleine Position von 32 Bitcoin abgestoßen, um eine Dividende zu bedienen. Der neue Rahmen macht den Strategiewechsel hin zu aktivem Kapitalmanagement nun offiziell. Hintergrund sind fixe jährliche Verpflichtungen aus Vorzugsaktien und Wandelanleihen, die sich nach Unternehmensangaben auf rund 1,76 Milliarden Dollar belaufen.
Verschärft wird die Lage durch ein Bewertungssignal: Strategys Verhältnis von Unternehmenswert zu Bitcoin-Beständen, die sogenannte mNAV, fiel im Juni erstmals unter 1,0. Der Markt bewertet das Unternehmen damit niedriger als die Bitcoin in seiner Bilanz – eine Umkehrung des Aufschlags, der das Geschäftsmodell jahrelang trug.
Das Saisonmuster trägt diesmal weniger weit
Die gern zitierte Statistik, wonach auf einen roten Juni stets ein grüner Juli folgte, stützt sich auf wenige belastbare Vergleichsfälle. 2018 folgte auf ein Juni-Minus von rund 15 Prozent ein Juli-Plus von knapp 21 Prozent, 2022 auf ein Minus von 37 Prozent ein Plus von knapp 17 Prozent. Beide Erholungen fanden jedoch in einem anderen Marktumfeld statt – ohne börsengehandelte Bitcoin-ETFs als institutionellen Abflusskanal und ohne einen börsennotierten Großhalter, der einen Verkaufsrahmen in Milliardenhöhe öffnet.
Wer den weiteren Juli-Verlauf abschätzen will, sollte daher weniger auf den Kalender und stärker auf drei Variablen schauen: das Tempo der ETF-Abflüsse, die Zinssignale der Federal Reserve und das Verhalten großer Akteure wie Strategy. On-Chain-Daten deuten im Bereich zwischen 58.000 und 60.000 Dollar zwar eine mögliche Stabilisierung an. Ein nachhaltiger Bruch unter 58.000 Dollar gilt unter Beobachtern aber als kritische Marke. Eine Garantie für eine schnelle Erholung lässt sich aus der Historie nicht ableiten.

Alex Merten hat Wirtschaftswissenschaften mit Fokus auf Geldpolitik und digitale Märkte studiert. Seit mehr als 5 Jahren analysiert er die Entwicklungen im Krypto- und Finanzsektor und beschäftigt sich besonders mit der Rolle von Bitcoin in einem globalen Marktumfeld. Neben makroökonomischen Einschätzungen liegt sein Fokus auf datenbasierten Kursprognosen, Marktanalysen und verständlich aufbereiteten Infografiken. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er auch Beiträge auf cryptonews.com und 99bitcoins.com. Bei seiner Arbeit legt er besonderen Wert auf Faktentreue, Relevanz und eine klare Einordnung des täglichen Marktgeschehens.
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