Mehr als 140 Unternehmen aus Zahlungsverkehr, Bankwesen, Tech und Krypto haben am 30. Juni 2026 Open USD (OUSD) vorgestellt – einen neuen US-Dollar-Stablecoin, der noch in diesem Jahr live gehen soll. Zu den Partnern zählen Visa, Mastercard, American Express, Stripe, BlackRock, BNY, Standard Chartered, Coinbase, Ripple, Solana, Google, Shopify und DoorDash. Betrieben wird der Token von Open Standard, einer eigens gegründeten unabhängigen Gesellschaft, deren Vorstand sich aus den Partnerfirmen zusammensetzt. Geführt wird die Initiative von Zach Abrams, Mitgründer des Stablecoin-Infrastruktur-Anbieters Bridge, den Stripe 2024 übernommen hatte.
Der Ansatz unterscheidet sich grundlegend von etablierten Anbietern: Open USD soll keinem einzelnen Emittenten gehören, sondern als gemeinsame Infrastruktur funktionieren. Open Standard nennt drei Designprinzipien. Erstens können Unternehmen den Token kostenlos und ohne Volumengrenze prägen und einlösen. Zweitens fließt nahezu der gesamte Ertrag aus den hinterlegten Reserven an die Partner zurück – abzüglich einer geringen Verwaltungsgebühr für die Betriebskosten. Drittens entscheidet ein Gremium aus den Partnerunternehmen kollektiv über die Weiterentwicklung. Damit zielt das Konsortium direkt auf die wirtschaftlichen Schwachstellen heutiger Stablecoins: hohe Mint- und Redeem-Kosten bei großen Volumina sowie die Tatsache, dass die Reserveerträge bislang beim Emittenten verbleiben.
Angriff auf Tether und Circle – Reaktion an der Börse
Auffällig ist, wer nicht dabei ist: Die drei größten Dollar-Stablecoin-Emittenten – Tethers USDT (rund 145 Mrd. US-Dollar im Umlauf), Circles USDC (rund 73 Mrd. US-Dollar) und PayPals PYUSD – fehlen auf der Partnerliste. Der Markt wertete Open USD prompt als Frontalangriff: Die Aktie von Circle (CRCL) fiel am Dienstag um über 12 Prozent auf ein Viermonatstief. Der Grund liegt im Geschäftsmodell. Klassische Emittenten verdienen primär an den Zinserträgen der Reserven. Indem Open USD genau diese Erträge an seine Partner ausschüttet, untergräbt das Konsortium die zentrale Einnahmequelle der Platzhirsche.
Open-Standard-CEO Zach Abrams begründete den Schritt mit den Hürden im Unternehmenseinsatz. Bestehende Stablecoins hätten Stärken, doch für den Einsatz im großen Maßstab brauche es eine Lösung, die offen, kostengünstig, leistungsfähig und auf die Interessen der Nutzer ausgerichtet sei.
Solana ab Tag eins – Banken sehen Billionenmarkt
Technisch startet Open USD nach Angaben von Solana nativ auf der Solana-Blockchain ab dem ersten Tag; weitere Chains wie Stellar, Base und Polygon sind im Gespräch. Mehrere Schwergewichte begründeten ihren Beitritt mit der erwarteten Marktgröße. BlackRock-Managerin Samara Cohen verwies auf das Potenzial, BNY rechnet damit, dass der Stablecoin-Markt allein bis 2030 auf 1,5 Billionen US-Dollar anwachsen könnte – andere Schätzungen wie die von Citi gehen bis 2030 sogar von bis zu 4 Billionen US-Dollar aus. Zahlungsdienstleister Stripe will Open USD zum Standard-Stablecoin für alle Unternehmen auf seiner Plattform machen. Visa wiederum betont, man bringe dieselben Risiko- und Betriebsstandards ein wie im globalen Kartennetz, um Vertrauen in den neuen Token zu schaffen.
Ob sich das kollektive Modell gegen die etablierten, einzelemittierten Stablecoins durchsetzt, ist offen. Klar ist: Die Breite der Allianz – von Wall-Street-Riesen über globale Banken bis zu Krypto-Börsen – signalisiert ein erhebliches institutionelles Interesse an einer Alternative zum bisherigen Stablecoin-Modell. Parallel formiert sich in Europa mit Qivalis bereits ein Banken-Konsortium für einen Euro-Stablecoin.
Eigene Meinung: Mehr als nur ein weiterer Stablecoin?
Für Anleger und Unternehmen lohnt es sich, Open USD nüchtern einzuordnen. Bemerkenswert ist weniger der Token selbst – ein dollargedeckter Stablecoin ist nichts Neues – als vielmehr die Allianz dahinter: Wenn Konzerne, die sonst erbittert konkurrieren, sich auf einen gemeinsamen, neutral verwalteten Standard einigen, ist das ein starkes Signal dafür, wohin sich die Branche bewegt. Der Wettbewerb verlagert sich von der Frage, wer den besten Token ausgibt, hin zur Frage, wer die Infrastruktur kontrolliert.
Gleichzeitig ist Skepsis angebracht: Ein Gremium aus über 140 Partnern verspricht zwar geteilte Erlöse, birgt aber auch das Risiko zäher Entscheidungsprozesse, und ob die kollektive Governance in der Praxis schneller liefert als ein einzelner Emittent, muss sich erst zeigen. Auch die Ankündigung „noch in diesem Jahr“ lässt offen, ob aus dem prominenten Partner-Tableau am Ende echtes Transaktionsvolumen wird oder ob es bei Absichtserklärungen bleibt. Wer auf den Trend setzen will, beobachtet daher am besten zwei Dinge konkret: den tatsächlichen Live-Start und die Umlaufmenge in den ersten Monaten – daran wird sich messen lassen, ob Open USD das etablierte Duopol aus USDT und USDC wirklich herausfordert oder nur ein weiterer ambitionierter Name auf einer langen Liste gescheiterter Stablecoin-Projekte wird.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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