Blockstream-CEO Adam Back, einer der frühesten Bitcoin-Entwickler und im Whitepaper von 2008 namentlich erwähnt, hat in einem aktuellen Coindesk-Interview eine Erwartungshaltung relativiert, die sich in den vergangenen Wochen am Markt breitgemacht hat. Der Einstieg von Morgan Stanley in das US-Spot-Bitcoin-ETF-Geschäft Anfang April war von vielen Beobachtern als finaler Katalysator gefeiert worden, der den aktuellen Bärenmarkt beenden und über das 8 Billionen US-Dollar schwere Beraternetzwerk der Wall-Street-Bank frisches Kapital in den Markt spülen sollte. Back hält dagegen: Wer institutionelle Adoption mit dem Tempo von Privatanlegern verwechselt, macht einen kostspieligen Denkfehler.
Sein Kernargument ist nüchtern. Zwar haben die Spot-ETFs nach ihrem Start einen Käuferansturm erlebt, doch wenn BlackRock seinen Kunden eine Allokation von 2 bis 4 Prozent in das allgemeine Aktienportfolio empfiehlt, ist das eine Empfehlung – keine Umsetzung. Genau hier klafft die Lücke: Die meisten Fondsmanager haben diese Allokation bislang schlicht nicht aufgebaut. Back rechnet damit, dass dieser Prozess zwölf bis achtzehn Monate dauern wird, bis sich die institutionellen Positionen tatsächlich materialisieren. Investoren stürzen sich nun einmal nicht über Nacht auf einen volatilen Vermögenswert, schon gar nicht in regulierten Mandaten, in denen Compliance-Prozesse, Risikokomitees und Anlageausschüsse jede Entscheidung verlangsamen, so die Einschätzung.
Dass der Markt diese Trägheit gerade in Echtzeit vorgeführt bekommt, zeigt der Blick auf die jüngsten ETF-Daten. In den vergangenen 3 Tagen kam es wieder zu Nettoabflüssen. Damit relativiert sich auch die euphorische Bilanz aus der zweiten Aprilwoche, in der IBIT noch 91 Prozent aller wöchentlichen Spot-ETF-Zuflüsse auf sich vereint hatte. Genau diese Schwankungen meint Back, wenn er von einer langen, holprigen Aufbauphase spricht.
Geduld bleibt gefragt
Spannend ist Backs zweites Argument, das in der deutschsprachigen Berichterstattung bisher kaum gewürdigt wurde: Die institutionelle Verankerung schafft eine politische Schutzschicht, die unabhängig von Wahlausgängen funktioniert. BlackRock, Fidelity und Morgan Stanley verdienen mit den Krypto-ETFs konkretes Geld – und Unternehmen, die Geld verdienen, verteidigen ihr Geschäftsmodell. Back verweist explizit auf die Lobbymacht dieser Häuser, die im Zweifelsfall jede regulatorische Verschärfung gegen ihr Produkt blockieren würden. Für Bitcoin als Anlageklasse ist das eine strukturelle Entwicklung, die weit über kurzfristige Kursbewegungen hinausreicht: Erstmals haben systemrelevante Wall-Street-Akteure ein hartes Eigeninteresse daran, dass Bitcoin nicht regulatorisch ausgehöhlt wird.
ETFs & Treasuries
Als wachsende Nachfrageseite identifiziert Back neben den ETF-Käufern und Staatsfonds vor allem die Bitcoin-Treasury-Unternehmen. Strategy (ehemals MicroStrategy) sticht hier hervor: Über das Stretch-Produkt (STRC), eine Vorzugsaktie mit hoher Dividende und Bitcoin-Deckung, hat das Unternehmen in den vergangenen Wochen beschleunigt Bitcoin nachgekauft. Diese wiederkehrenden Käufer in Kombination mit neuen institutionellen Adressen aus der Vermögensverwaltung werden, so Backs These, die Verkäuferseite irgendwann strukturell übertreffen. Bemerkenswert: Back selbst ist auch CEO und Mitgründer von BSTR (Bitcoin Standard Treasury Company), das per SPAC-Merger mit Cantor Equity Partners (CEPO) an die Börse strebt – er hat hier also durchaus eigene Interessen im Spiel, was bei der Einordnung seiner Aussagen mitgedacht werden sollte.
Beim Thema Quantencomputer bleibt Back ebenfalls in seiner Linie: kein akutes Problem, aber ein reales Risiko, das Institutionen mit ihrem Zehn-Jahres-Planungshorizont systematischer bewerten als Privatanleger. Bereits Anfang April hatte er gefordert, der Bitcoin-Community rund eine Dekade Zeit zu geben, um auf quantenresistente Wallet-Formate zu migrieren.
Einschätzung
Backs Einordnung ist erfrischend unaufgeregt und passt zu einer Marktphase, in der Bitcoin nach dem Allzeithoch bei rund 126.000 US-Dollar im Oktober 2025 mittlerweile deutlich korrigiert hat und am Donnerstagmorgen um die 75.700-Dollar-Marke pendelt. Wer zwölf bis achtzehn Monate institutioneller Aufbauphase erwartet, muss auch Phasen mit Abflüssen, Seitwärtsbewegungen und Frustration einkalkulieren – genau das, was wir gerade sehen. Die Vorstellung, ein einzelner Wirehouse-Einstieg wie der von Morgan Stanley würde wie ein Schalter den Bullenmarkt aktivieren, ist eher Wunschdenken als Marktrealität. Allokationsentscheidungen großer Vermögensverwalter laufen über Anlageausschüsse, Aktualisierungen der Modellportfolios und Beraterschulungen, nicht über Twitter-Hype.
Gleichzeitig sollte die Kehrseite nicht unterschlagen werden: Wer auf langsame Adoption setzt, akzeptiert auch, dass kurzfristige Kurstreiber seltener werden. Für Anleger mit langem Horizont kann das ein Vorteil sein, weil sich dadurch ein stetigerer Kaufdruck unter dem Markt etabliert. Für kurzfristig orientierte Trader bedeutet es zähere Bewegungen und höhere Opportunitätskosten. Auch Backs Eigeninteresse über BSTR sollte man im Hinterkopf behalten – seine Botschaft „langsam, aber stetig“ passt perfekt zu einem Treasury-Modell, das von kontinuierlicher Akkumulation lebt.
Hier geht es zu unserer aktuellen Bitcoin Prognose.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
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