CoinEx macht dicht: Iran-Vorwürfe, CET-Rückkauf und eine Verwahrgebühr, die Restguthaben komplett auffrisst

Alex Merten

16.09.2026, 10:28 Uhr

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Die Kryptobörse CoinEx stellt nach neun Jahren den Betrieb ein. Am 15. September 2026 kündigte Gründer und CEO Haipo Yang die geordnete Abwicklung an. Die offizielle Begründung lautet: anhaltende Marktschwäche, sinkende Volumina und Liquidität sowie Compliance-Kosten, die nach eigener Darstellung jedes vernünftige Maß überschritten haben. Der Zeitpunkt wirft Fragen auf. Knapp zwölf Wochen vor der Ankündigung war die Krypto-Börse wegen mutmaßlicher Iran-Geldflüsse in Milliardenhöhe unter massiven Druck geraten.

Yang gibt sich ungewohnt selbstkritisch. CoinEx sei nie zu einer der führenden Börsen der Branche aufgestiegen, und die Sicherheits- und Compliance-Risiken ließen sich immer schwerer beherrschen. Unbegrenzte Risiken für begrenzte Erträge zu tragen, sei keine rationale Entscheidung mehr. Einen Verkauf der Plattform habe er geprüft und verworfen. Die Börse ging am 22. Dezember 2017 an den Start und soll auf den Tag genau neun Jahre später endgültig schließen.

CoinEx News: Der Zeitplan der Abwicklung

Die Schließung erfolgt in vier Stufen. Seit dem 15. September sind keine Neuregistrierungen mehr möglich, Empfehlungsprämien entfallen und Futures laufen nur noch im Modus „Reduce-Only“. Positionen lassen sich also nur noch verkleinern.

Am 22. September enden Futures, Margin-Handel, Krypto-Kredite, Staking, Earn-Produkte, Fiat-Dienste und strategischer Handel. Gleichzeitig werden die meisten On-Chain-Einzahlungsadressen deaktiviert, CET-Einzahlungen bleiben bis zum 29. September möglich. Miner des Schwester-Pools ViaBTC, die automatische Auszahlungen an CoinEx eingestellt haben, müssen ihre Zieladresse bis zu diesem Datum ändern.

Am 29. September schließen alle Spot-Handelspaare. Offene Orders werden storniert. Die hauseigene Blockchain CoinEx Smart Chain (CSC) und die dezentrale Börse OneSwap werden am selben Tag abgeschaltet. Verbliebene CET-Bestände werden automatisch zurückgekauft, weitere Nicht-USDT-Bestände können laut Abwicklungsplan in USDT umgewandelt werden.

Am 22. Dezember 2026 um 02:00 Uhr UTC endet die Auszahlungsfrist. Das entspricht 03:00 Uhr deutscher Zeit. CoinEx Wallet und CoinEx Vault sind laut Unternehmen nicht betroffen und laufen als eigenständige Dienste weiter.

CoinEx Auszahlung: die unterschätzte Falle nach dem Stichtag

CoinEx gibt an, dass die Reservequote über 100 Prozent liegt und alle Kundenguthaben vollständig gedeckt sind. Wer die Frist verpasst, verliert sein Geld zunächst nicht. Verbliebene USDT-Guthaben gehen an einen unabhängigen Verwahrer. Ansprüche lassen sich dort bis zum 22. August 2028 geltend machen.

Der Haken ist die Gebühr. Der Verwahrer berechnet monatlich 5 Prozent, und zwar auf den ursprünglich erfassten Saldo. Die Rechnung dazu ist einfach. Zwischen dem 22. Dezember 2026 und dem 22. August 2028 liegen genau 20 Monate. 20 Monate mal 5 Prozent ergeben 100 Prozent. Nimmt man die Konditionen beim Wort, ist ein nicht abgeholtes Guthaben zum Ende der Anspruchsfrist rechnerisch vollständig aufgezehrt. Bereits nach einem Jahr wären 60 Prozent weg. Faktisch ist der 22. Dezember damit die einzige Frist, die zählt.

CET Kurs: Rückkauf zum Ausgabepreis, Verlust für fast alle Halter

Für den börseneigenen Token CET hat CoinEx einen Rückkauf zu 0,005 USDT je Token zugesagt, ohne Mengenbegrenzung und ohne weitere Bedingungen. Das entspricht laut Yang dem ursprünglichen Listungspreis. Vor der Ankündigung notierte CET bei rund 0,00466 US-Dollar. Der Rückkauf liegt damit etwa 7 Prozent über dem letzten Marktpreis.

Die Einordnung fällt nüchterner aus. Im Juli 2025 notierte CET noch bei rund 0,05 US-Dollar. Der Rückkaufpreis liegt 90 Prozent darunter. Gemessen am Allzeithoch von 0,1534 USDT aus dem Juli 2018 beträgt der Abschlag knapp 97 Prozent. Wer CET nicht zum Ausgabepreis gekauft hat, realisiert in aller Regel einen Verlust. Mitte 2025 wurde eine umlaufende Menge von rund 2,78 Milliarden CET ausgewiesen, allerdings ohne unabhängige Prüfung. Auf dieser Basis läge das maximale Rückkaufvolumen bei knapp 14 Millionen US-Dollar. Das ist ein überschaubarer Betrag für den Abschluss eines Börsentokens, der einmal eine dreistellige Millionenbewertung hatte.

Warum schließt CoinEx? Der Iran-Komplex

Offiziell spielt Iran in der Abschiedserklärung keine Rolle. Der Hintergrund ist dennoch kaum zu übersehen. Ende Juni 2026 ergaben Blockchain-Analysen, dass iranische Akteure seit 2019 mehr als 3,84 Milliarden US-Dollar über CoinEx bewegt haben sollen. Genannt wurden über 60 iranische Entitäten, darunter Wallets mit Bezug zur iranischen Zentralbank und zu den Revolutionsgarden (IRGC).

Nach den Analysen übernahm CoinEx bis 2024 die Rolle, die zuvor Binance innehatte. CoinEx wurde damit zur wichtigsten ausländischen Gegenpartei von Nobitex, der größten Kryptobörse Irans. Nobitex diente dabei als inländische Zugangsschiene, CoinEx als Tor zu den globalen Märkten. Im Spitzenjahr sollen zwischen beiden Plattformen 763 Millionen US-Dollar geflossen sein. Rund 67 Millionen US-Dollar aus Zentralbank-Wallets sollen zudem über Bridges und Swaps bei CoinEx gelandet sein. Diese Mittel stehen in Verbindung mit der Geldwäsche der rund 1,5 Milliarden US-Dollar, die nordkoreanische Hacker Anfang 2025 bei Bybit erbeutet hatten.

Die US-Behörden hatten Nobitex am 2. Juni 2026 sanktioniert. CoinEx selbst wurde nicht auf die Sanktionsliste gesetzt. Den Vorwurf einer wissentlichen Beihilfe erhoben die Analysen nicht. Die Börse wies jede Geschäftsbeziehung zu iranischen Staatsstellen, inländischen Börsen oder den Revolutionsgarden zurück. On-Chain-Flüsse würden weder Kenntnis noch Mitwirkung beweisen. Die offizielle CoinEx-Domain sei im Iran seit 2021 gesperrt. Gleichzeitig räumte Yang eine erhebliche Zahl iranischer Nutzer ein. CoinEx blockierte daraufhin Registrierungen iranischer IP-Adressen, verschärfte das Geo-Fencing und leitete das Offboarding identifizierter Konten ein.

Ist CoinEx sicher? Eine Vorgeschichte mit Warnsignalen

Die Iran-Vorwürfe waren nicht der erste Makel. Die BaFin stellte bereits am 28. Juli 2022 klar, dass die Betreibergesellschaft VINO GLOBAL LIMITED keine Erlaubnis für Bankgeschäfte oder Finanzdienstleistungen in Deutschland besitzt. Sie sah Anhaltspunkte für unerlaubte Geschäfte über coinex.com. Anfang 2023 verklagte die New Yorker Generalstaatsanwaltschaft die Börse wegen fehlender Registrierung. Im Vergleich vom Juni 2023 verpflichtete sich CoinEx, knapp 5.000 New Yorker Anleger zu entschädigen und den US-Markt zu verlassen. Im September 2023 folgte ein Hack auf Hot Wallets mit einem Schaden von je nach Schätzung 55 bis 70 Millionen US-Dollar. Sicherheitsforscher ordneten den Angriff der nordkoreanischen Lazarus-Gruppe zu. CoinEx kündigte damals eine vollständige Entschädigung an.

Einordnung: ein sauberer Abgang mit unbequemen Nebenwirkungen

Nach meiner Einschätzung ist die Schließung mehr als eine Folge schwacher Märkte. CoinEx lag zuletzt mit rund 58 Millionen US-Dollar Tagesvolumen nur noch im Mittelfeld der Branche. Das Geschäftsmodell trug die Kosten einer ernsthaften Compliance offenbar nicht mehr. Hinzu kommt ein strukturelles Risiko: US-Sanktionsrecht knüpft an Verstöße grundsätzlich auch ohne Vorsatz an. Eine Börse mit jahrelanger dokumentierter Iran-Exposure trägt damit ein schwer kalkulierbares Restrisiko. Ob dieses Risiko für die Entscheidung den Ausschlag gab, sagt CoinEx nicht. Die Formulierung von „unbegrenzten Risiken“ lässt allerdings wenig Interpretationsspielraum.

Positiv ist: Anders als bei früheren Pleiten erhalten Kunden ein definiertes Auszahlungsfenster statt eingefrorener Konten. CoinEx reiht sich damit in eine Serie geordneter Rückzüge ein, nach BitMart, BitMEX und AscendEX in diesem Jahr. Der Mittelbau des Börsenmarkts dünnt spürbar aus, und das Volumen konzentriert sich auf wenige große, regulierte Anbieter.

Für Nutzer in Deutschland ergeben sich drei praktische Punkte:

  • Früh auszahlen. Guthaben sollten auf eine eigene Wallet oder eine in der EU zugelassene Plattform übertragen werden, und zwar nicht erst kurz vor Weihnachten. Laut CoinEx kann die Umschichtung zwischen Cold und Hot Wallets bei einzelnen Token Zeit kosten.
  • Transaktionshistorie jetzt exportieren. Nach der Schließung dürfte der Zugriff auf Handelsdaten entfallen. Für die Steuererklärung sind sie aber unverzichtbar. Zwangsrückkäufe und Umwandlungen in USDT gelten steuerlich grundsätzlich als Veräußerung. Innerhalb der Einjahresfrist können dabei Gewinne oder verrechenbare Verluste entstehen. Im Zweifel sollte eine Steuerberatung hinzugezogen werden.
  • Wachsam gegenüber Betrugsmaschen bleiben. Börsenschließungen locken erfahrungsgemäß Betrüger mit angeblicher „Auszahlungshilfe“ an. Auszahlungen laufen ausschließlich über das eigene Konto auf der offiziellen Plattform.

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