Polymarket soll Influencer für inszenierte Wett-Gewinne bezahlt haben

Alex Merten

23.06.2026, 09:00 Uhr

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Der Prognosemarkt-Anbieter Polymarket steht im Zentrum eines Berichts des Wall Street Journal (WSJ): Laut der Zeitung soll das Unternehmen Content-Creator dafür bezahlt haben, angebliche Wett-Gewinne in Social-Media-Videos zu inszenieren – auf eigens gebauten Kopien der echten Plattform. Die Vorwürfe sind bislang nicht unabhängig bestätigt; Polymarket selbst hat eine Prüfung seiner Werbeinhalte angekündigt. Für eine Plattform, deren Geschäftsmodell auf öffentlich nachprüfbaren Blockchain-Transaktionen beruht, wiegen die Anschuldigungen dennoch schwer.

Nach Angaben des WSJ wertete die Redaktion 1.105 Videos von zehn Creatorn aus, die zwischen Dezember 2025 und Mitte Mai 2026 veröffentlicht wurden. In rund 70 Prozent der Clips sei eine Wette platziert worden – doch keine der gezeigten Wetten im Gesamtwert von etwa 1,9 Millionen US-Dollar sei echt gewesen. Die Creator hätten dem Bericht zufolge monatlich zwischen 2.000 und 3.000 US-Dollar erhalten und seien angewiesen worden, die Bezahlung nicht offenzulegen.

Klon-Webseiten und ein Tippfehler im Domainnamen

Zentral für die mutmaßliche Kampagne waren laut WSJ nahezu identische Kopien der Polymarket-Webseite, auf denen sich Trades simulieren ließen, ohne echtes Geld zu riskieren. Eine dieser Klon-Seiten lief demnach unter der absichtlich falsch geschriebenen Adresse „poiymarket.com“, die in Großschreibung kaum vom Original zu unterscheiden ist. In 118 Videos hätten Creator Gewinne von zusammen rund 900.000 US-Dollar gefeiert – Wetten, die in der Realität Verluste von mehr als 166.000 US-Dollar bedeutet hätten.

Ein vom WSJ angeführtes Beispiel betrifft direkt den US-Politikbetrieb: Ein Student soll im Januar 2026 einen 100.000-Dollar-Gewinn auf eine Wette gezeigt haben, wonach US-Präsident Donald Trump in jenem Monat das Wort „McDonald’s“ sagen werde. Tatsächlich habe Trump das im Januar nicht getan, das Videomaterial sei zwei Monate alt gewesen – und auf dem echten Markt hätten alle Nutzer, die auf dieses Ereignis setzten, verloren.

Zweiter Marketing-Eklat binnen eines Monats

Der Bericht trifft Polymarket zur Unzeit. Erst Anfang Juni hatte Politico berichtet, dass Marketing-Chef Matthew Modabber über ein privates PayPal-Konto Creator bezahlt habe, die Polymarket-Quoten auf X bewarben, ohne die Beiträge als Werbung zu kennzeichnen. Hinzu kommt ein heikler regulatorischer Hintergrund: Polymarket darf seine Hauptplattform US-Nutzern seit einem Vergleich mit der Aufsichtsbehörde CFTC aus dem Jahr 2022 nicht direkt anbieten. Die im WSJ beschriebene Kampagne soll sich dem Bericht zufolge gezielt an US-Amerikaner gerichtet haben, die die Offshore-Seite weiterhin per VPN erreichen können.

Auch die Krypto-Wurzeln spielen eine Rolle. Polymarket wickelt echte Trades über die Polygon-Blockchain ab, Wetten werden in der Stablecoin USDC abgerechnet und sind on-chain einsehbar. Genau dieser Anspruch auf vollständige Transparenz steht im Widerspruch zu einer Marketing-Operation, die laut WSJ auf nicht nachprüfbaren Schein-Transaktionen aufbaute. Hinzu kommt die seit Längerem diskutierte Aussicht auf einen eigenen Polymarket-Token samt Airdrop – ein Faktor, der die Polymarket Bewertung für Investoren ohnehin schwerer kalkulierbar macht.

Was es für den Prognosemarkt bedeutet

Die Vorwürfe fallen in eine Phase intensiven Wettbewerbs mit dem Rivalen Kalshi, der im US-Markt deutlich führt und zuletzt mit rund 22 Milliarden US-Dollar bewertet wurde – Polymarket strebt eine Finanzierungsrunde bei etwa 15 Milliarden US-Dollar an, unter anderem mit der NYSE-Mutter ICE als Investor. Beide Anbieter stehen zudem unter wachsendem regulatorischem Druck: Spanien ließ den Zugang zu beiden Plattformen im Mai sperren, US-Behörden setzen KI-Werkzeuge ein, um auffällige Trades auf Polymarket und Kalshi aufzuspüren.

Prognosemärkte verkaufen sich über das Versprechen, dass Preise echte Erwartungen, echtes Geld und echtes Risiko abbilden. Wenn ausgerechnet die sichtbarsten Erfolgsgeschichten inszeniert sein sollten, reicht der mögliche Vertrauensschaden über eine einzelne Werbekampagne hinaus. Polymarket hat einen umfassenden Audit seiner Promotion-Inhalte zugesagt und betont, man sei „korrekten, fairen und transparenten Märkten“ verpflichtet. Ob das genügt, dürfte sich weniger an viralen Quoten entscheiden als daran, ob die Plattform den Nachweis erbringt, dass der Markt darunter sauberer ist als die Kampagne, die ihn bewarb.