Arthur Hayes, Mitgründer der Derivatebörse BitMEX und Investmentchef des Family Office Maelstrom, hat seine wesentlichen Altcoin-Positionen verkauft. Betroffen sind unter anderem Hyperliquid (HYPE), Near Protocol (NEAR), Worldcoin (WLD) und Zcash (ZEC). Bitcoin und Ethereum behält Hayes nach eigenen Angaben im Bestand. Die Begründung legte er in einem Substack-Essay mit dem Titel „Reality Test“ sowie in begleitenden Beiträgen auf X dar.
Hayes‘ zentrale These: Die seit Jahren erwartete Liquiditätsrotation in Bitcoin sei ausgeblieben, weil das frisch geschaffene Geld stattdessen in den KI-Sektor geflossen ist. Er beziffert die seit Ende 2022 von KI-Unternehmen ausgegebene Verschuldung auf rund 1,5 Billionen US-Dollar – eine Größenordnung, die er in etwa mit dem Anstieg der globalen Liquidität im selben Zeitraum gleichsetzt. Aus seiner Sicht erklärt diese Konzentration, warum Bitcoin trotz expandierender Geldmenge nicht stärker zugelegt hat.
Drei Risiken für den KI-Boom
Hayes nennt drei Faktoren, die den KI-Aufschwung aus seiner Sicht ins Wanken bringen könnten. Erstens steigende Energiepreise, die er unter anderem mit Spannungen rund um den Iran und die Straße von Hormuz verknüpft. Zweitens politische Risiken in den USA: Hayes hält es für möglich, dass Präsident Trump vor den Midterm-Wahlen mit Vorstößen gegen Rechenzentren oder einer höheren Besteuerung von KI-Firmen Stimmung macht. Drittens verweist er auf eine Welle großer Börsengänge.
SpaceX, OpenAI und Anthropic als Liquiditätstest
Den letzten Punkt hebt Hayes besonders hervor. Er erwartet zwischen jetzt und dem frühen dritten Quartal mehrere milliardenschwere KI- und Tech-IPOs, namentlich SpaceX, OpenAI und Anthropic. Diese Listings könnten nach seiner Einschätzung erhebliche Mengen an institutionellem Kapital binden und damit Liquidität aus spekulativen Anlageklassen wie Krypto abziehen. Den SpaceX-Börsengang bezeichnet Hayes ausdrücklich als Belastungstest für die Marktliquidität und verweist auf eine Bewertung, die das rund Hundertfache des Umsatzes erreiche, sowie auf eine mögliche deutliche Ausweitung des Streubesitzes nach Ablauf von Lock-up-Fristen.
Wichtig ist dabei: Hayes erwartet nicht, dass Bitcoin unmittelbar profitiert, sollte der KI-Trade kippen. Im Gegenteil rechnet er damit, dass Bitcoin zunächst mit anderen Risikoanlagen fallen würde. Erst danach, so seine längerfristige Erwartung, könnten Notenbanken mit neuer Liquidität gegensteuern – ein Szenario, das er als „Big Print“ bezeichnet und das aus seiner Sicht Bitcoin und Ethereum perspektivisch deutlich höher tragen würde.
Nicht unwidersprochen
Hayes‘ Verkauf ist in der Branche nicht ohne Kritik geblieben. Beobachter wiesen darauf hin, dass er wenige Tage vor dem Ausstieg noch ein ambitioniertes Kursziel für HYPE kommuniziert hatte, was Fragen nach der Konsistenz seiner Signale aufwarf. Andere Analysten vertreten zudem eine gegenteilige Marktlesart und sehen bei einzelnen Altcoins bereits den Beginn einer neuen Aufwärtsbewegung. Hayes selbst rahmt seinen Schritt als Wechsel von Kapitalvermehrung hin zu Kapitalerhalt – also als Timing-Entscheidung auf Basis seines Makro-Modells, nicht als fundamentales Urteil über die einzelnen Projekte.

Raphael Lulay ist Herausgeber und Redakteur von boersen-parkett.de. Er verfügt über einen akademischen Hintergrund in Politik, Soziologie und Verwaltung (B.A.) und berichtet seit 2018 über Kryptowährungen, Bitcoin, Altcoins und digitale Kapitalmärkte. Neben seiner Tätigkeit auf boersen-parkett.de veröffentlicht er regelmäßig Beiträge auf Block-Builders.de und Bitcoin-2Go.de. Zuvor schrieb er auch für Finanzpublikationen wie Fonds Finanz und das B.MAG Bankenmagazin. Sein Fokus liegt auf der datenbasierten Einordnung von Marktbewegungen, Kapitalflüssen, Regulierung und Krypto-Trends für Anleger. E-Mail: [email protected]
Boersen-Parkett bei Google als bevorzugte Nachrichtenquelle markieren und keine Finanz- und Krypto-News mehr verpassen. Wie funktioniert das?