SEC stoppt Prognosemarkt-ETFs kurz vor Start: 24 Fonds vorerst auf Eis

Alex Merten

05.05.2026, 08:37 Uhr

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Die US-Börsenaufsicht SEC hat den geplanten Marktstart der ersten 24 Prognosemarkt-ETFs am 5. Mai 2026 in letzter Minute gestoppt. Wie Reuters am Montagabend unter Berufung auf zwei mit dem Vorgang vertraute Personen meldete, fordert die Behörde von den drei Emittenten Roundhill Investments, Bitwise Asset Management und GraniteShares zusätzliche Angaben zur Funktionsweise der Produkte und zur Risiko-Aufklärung gegenüber Anlegern. Die Verzögerung dürfte nach Einschätzung der Quellen nur vorübergehend sein.

Die betroffenen Fonds hatten ihre Anträge bereits im Februar 2026 eingereicht. Nach den Regeln der SEC werden ETF-Anträge automatisch 75 Tage nach Einreichung wirksam, sofern die Behörde nicht eingreift. Genau diese Frist wäre in dieser Woche abgelaufen. Mit ihrem Eingriff verhindert die SEC, dass die Produkte ohne weitere Prüfung handelbar werden.

Wir hatten am 30. April darüber berichtet, dass Roundhill mit den Tickern BLUP (Demokraten) und REDP (Republikaner) sowie vier weiteren Fonds auf die Kongresswahl 2026 und die US-Präsidentschaftswahl 2028 an die Wall Street gehen wollte. Bitwise tritt unter der Marke „PredictionShares“ an, GraniteShares mit einer fast identischen Produktstruktur. Insgesamt umfasst das Verfahren 24 ETFs verschiedener Anbieter.

Was die SEC konkret prüft

Im Kern der Prüfung steht die Frage, ob Privatanleger das Auszahlungsprofil dieser Produkte tatsächlich verstehen. Die ETFs setzen auf ein einfaches Ja-Nein-Prinzip: Sie bilden Wettkontrakte ab, die auf regulierten US-Plattformen wie Kalshi und Polymarket gehandelt werden. Tritt das vorhergesagte Ereignis ein, zahlt der Kontrakt einen US-Dollar pro Anteil aus. Tritt es nicht ein, ist der Anteil null Dollar wert. Verliert die im Fonds gewettete Partei also etwa eine Wahl, verliert der ETF laut den eingereichten Prospekten praktisch seinen gesamten Wert.

Die SEC will laut Reuters vor allem nachfordern, wie verständlich die Risikohinweise für Privatanleger formuliert sind. Brisant ist ein weiterer Punkt aus den Roundhill-Unterlagen: Die Emittenten warnen dort selbst vor „erhöhten Risiken“ durch möglichen Insiderhandel auf den zugrunde liegenden Wettmärkten. Auch ein nachträglich revidiertes Wahlergebnis würde den Anlegern keinen Anspruch auf Rückerstattung verschaffen – die Verluste blieben endgültig.

Streit zwischen US-Behörden als Hintergrund

Parallel zur Prüfung läuft ein Zuständigkeitskonflikt zwischen Bundesbehörden und einzelnen US-Bundesstaaten. Die US-Terminmarktaufsicht CFTC hat mehrere Bundesstaaten verklagt, die das Angebot von Wettkontrakten als unerlaubtes Glücksspiel einstufen wollen. Aus Sicht der CFTC fallen diese Märkte ausschließlich in ihre eigene Zuständigkeit. Eine endgültige juristische Klärung steht aus und könnte den gesamten Sektor noch einmal grundlegend verändern.

Im Hintergrund läuft zudem ein politischer Richtungsstreit innerhalb der SEC selbst. Die Behörde unter Chairman Paul Atkins gilt seit dem Amtsantritt der Trump-Regierung als deutlich offener gegenüber neuartigen Fondsstrukturen. Einzelne SEC-Vertreter haben in der Vergangenheit aber Bedenken geäußert, ob Privatanleger über ein normales Wertpapierdepot überhaupt Zugriff auf reine Wett-Produkte erhalten sollten.

Marktreaktionen und Bewertung der Branche

Bloomberg-ETF-Analyst Eric Balchunas sprach auf X von einer „Rain Delay“ und ordnete die Verzögerung als temporär ein. Bitwise-Investmentchef Matt Hougan zog auf Anfrage einen Vergleich zur Zulassung der Bitcoin-Spot-ETFs, die ebenfalls eine längere regulatorische Vorprüfung durchlaufen mussten, bevor sie im Januar 2024 starten durften. Die SEC selbst sowie Roundhill-CEO Dave Mazza und ein Sprecher von GraniteShares lehnten eine Stellungnahme ab.

Wirtschaftlich steht für die Anbieter einiges auf dem Spiel. Polymarket und Kalshi setzten allein im März 2026 zusammen rund 24,3 Milliarden US-Dollar an Handelsvolumen um. Genau dieses Volumen wollten Roundhill, Bitwise und GraniteShares in einen ETF-Mantel überführen – mit dem Ziel, institutionelle und private Investoren zu erreichen, die bislang den Umweg über Krypto-Wallets und spezialisierte Plattformen scheuen. Bitwise hatte zuletzt am vergangenen Freitag zusätzlich einen Antrag für einen ETF eingereicht, mit dem Anleger auf einen Ölpreis von über 120 US-Dollar pro Barrel im laufenden Jahr wetten können sollen.

Einschätzung

Die SEC-Verzögerung ist für deutsche Privatanleger zunächst kein praktischer Verlust, weil diese US-Fonds in Deutschland ohnehin nicht ohne Weiteres handelbar wären. Die EU verlangt für jedes hierzulande angebotene Anlageprodukt ein standardisiertes Informationsblatt, das US-Emittenten in der Regel nicht erstellen – die meisten amerikanischen ETFs sind deshalb über deutsche Broker gar nicht erst auswählbar.

Inhaltlich ist das Eingreifen der SEC trotzdem bemerkenswert: Selbst eine im aktuellen US-Umfeld eher zulassungsfreundliche Behörde sieht offenbar Aufklärungsbedarf bei einem Produkt, das strukturell auf Totalverlust ausgelegt ist. Das ist kein Zufall – sondern ein Hinweis darauf, dass die Mechanik dieser Fonds tatsächlich erklärungsbedürftig ist. Wer bereits die ursprünglichen Roundhill-Prospekte gelesen hatte, konnte den Punkt absehen: Ein Ja-Nein-Auszahlungsprofil im ETF-Mantel ist kein klassisches Investment, sondern ein Wett-Ticket mit Gebühren.

Für Anleger, die bewusst eine Position auf einen Wahlausgang spielen wollen, kann das ein legitimes Werkzeug sein – aber eben nur als kleiner, taktischer Baustein, nicht als Portfolio-Position. Der Marktstart wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kommen, nur eben in den nächsten Wochen statt diese Woche. Spannender als der Zeitpunkt ist die Frage, wie streng die SEC die finalen Risikohinweise formulieren lässt – das wird darüber entscheiden, ob sich am Ende vor allem Trader oder breitere Privatanlegerschichten an die Produkte heranwagen.

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