Wetten, dass..? Prognosemarkt-Volumen steigt um 324 %, während Krypto-Spotvolumen um 18 % fällt

Raphael Lulay

23.10.2026, 12:52 Uhr

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Die Wettplattformen Polymarket und Kalshi kamen im September zusammen auf rund 72 Milliarden US-Dollar Handelsvolumen – nach etwa 17 Milliarden US-Dollar im Januar. Das entspricht einem Anstieg von knapp 324 Prozent. Am Krypto-Spotmarkt ging das Handelsvolumen im selben Zeitraum dagegen um 18 Prozent zurück, wie ein neuer Marktrepot von boersen-parkett.de aufzeigt.

Infografik von boersen-parkett.de. Prognosemärkte wachsen, Krypto-Spothandel mit -18 %.

Prognosemärkte erlauben Handel auf den Ausgang realer Ereignisse, von Wahlen über Zinsentscheidungen bis zu Fußballspielen. Je weniger an den Kryptobörsen los ist, desto interessanter werden sie für die Plattformen. Coinbase und Bullish haben binnen eines Jahres fast die Hälfte ihres Börsenwerts verloren, Gemini sogar 82 Prozent. Wie stark sich die Gewichte verschieben, zeigt Robinhood.

Robinhood: Ereigniskontrakte überholen Krypto

Mit Ereigniskontrakten erzielte Robinhood im zweiten Quartal 2026 Erlöse von 156 Millionen US-Dollar, mehr als das Zehnfache des Vorjahresquartals. Der Kryptohandel brachte dagegen nur noch 100 Millionen Dollar nach 160 Millionen im Vorjahr, ein Minus von rund 38 Prozent. Ereigniskontrakte lagen damit 56 Prozent über den Krypto-Erlösen.

Der Überholvorgang hat zwei Ursachen. Gegenüber dem ersten Quartal stiegen die Erlöse aus Ereigniskontrakten um 50 Prozent, die Krypto-Erlöse fielen um 25 Prozent. Vom Hoch im vierten Quartal 2024 (358 Millionen Dollar) beträgt der Rückgang bei Krypto 72 Prozent. Der Überholvorgang spiegelt also das Wachstum eines neuen Geschäfts und zugleich ein Tief im Krypto-Zyklus. Die Handelsvolumina bei Krypto sanken laut Robinhood von 66 Milliarden Dollar im ersten auf 40 Milliarden im zweiten Quartal.

Robinhood wickelte im zweiten Quartal 13,6 Milliarden Ereigniskontrakte ab. Rechnerisch bleiben davon rund 1,1 Cent Erlös pro Kontrakt. Die Kontrakte bezog Robinhood bislang vor allem von Kalshi und ForecastEx, der Börse von Interactive Brokers.

72 Milliarden ist nicht gleich 72 Milliarden

Der Vergleich mit dem Spotmarkt hat eine methodische Schwäche. Kalshi zählt Kontrakte zum Nennwert von einem Dollar. Im September meldet der Datenanbieter DeFiRate für Kalshi 60,7 Milliarden Dollar Kontraktvolumen, aber nur 14,7 Milliarden tatsächlich gezahlte Dollar. Die Investmentbank Macquarie beziffert das Septembervolumen des gesamten Prognosemarkts auf 20,1 Milliarden Dollar. Je nach Messmethode liegt der September-Wert also beim Drei- bis Vierfachen der konservativeren Schätzungen. Ob in den 72 Milliarden auch Polymarket US enthalten ist, geht aus den berichteten Zahlen nicht hervor.

Der Spotmarkt misst dagegen tatsächlich gehandeltes Geld. Das Wachstum der Prognosemärkte ist damit real, die Größenordnung des Vergleichs aber mit Vorsicht zu lesen.

Sport als Treiber

Auch die Zusammensetzung relativiert das Bild. Nach einer Analyse des Pew Research Center auf Basis von The-Block-Daten entfallen seit Juli 2024 rund 80 Prozent des Kalshi-Volumens auf Sport, bei Polymarket sind es 39 Prozent. Im Juni lag das kombinierte Volumen wegen der Fußball-WM bereits bei 44,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 75 Prozent zum Vormonat. Im September kam der Start der NFL-Saison hinzu. Ein Großteil des Wachstums hängt damit am Sportkalender und nicht an Finanzmärkten.

Krypto-Börsen steigen ein

Die Plattformbetreiber reagieren. Coinbase hat eine Partnerschaft mit Kalshi geschlossen, Crypto.com hat sein Prognosemarkt-Geschäft als OG.com ausgegliedert und Anteile an Robinhood verkauft. Zuletzt haben Blockchain.com und Binance US bei der US-Aufsicht CFTC Lizenzen für regulierte Prognosemärkte beantragt.

Krypto selbst wird dabei auch zum Wettgegenstand. In der Woche bis zum 20. September handelte Kalshi 2,16 Milliarden Dollar an Krypto-Kontrakten, Polymarket Global nur 188 Millionen. Kalshi hatte damit 92 Prozent des Krypto-Segments der beiden Plattformen.

Die Daten zeigen eine Verschiebung bei der Frage, wo Privatanleger spekulieren. Zugleich ist das Wachstum stark an Sportereignisse gekoppelt und hängt von der Zählweise ab. Die regulatorische Zuständigkeit ist laut Marktbeobachtern weiterhin zwischen Bundesstaaten und Bundesbehörden umstritten. Ein Härtetest steht mit den US-Zwischenwahlen am 3. November an, die CNN als erste „Prognosemarkt-Wahl“ bezeichnet hat. Für Krypto-Plattformen bleibt entscheidend, ob Prognosemärkte ihr Spotgeschäft ergänzen oder nur ein Ausweichfeld in einer schwachen Marktphase sind.

Quellen